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Angehörige legen Mord nicht zu den Akten

Von: Volker Uerlings
Letzte Aktualisierung:
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Mutter Hubertine, Vater Franz-Josef und Bruder Michael Nießen mit einem Foto ihres geliebten „Ecki”, der ermordet wurde. Foto: Uerlings

Dürboslar. „Ecki” wurde am 27. April 2008 hinterrücks ermordet. „Regelrecht hingerichtet”, sagte die Staatsanwältin. Neun Schüsse trafen den beliebten 33-Jährigen aus Dürboslar, der von einem Nachbarn getötet wurde.

Die Aachener Schwurgerichtskammer verurteilte den Mörder zu lebenslanger Haft. Das alles bestimmte über Wochen die Schlagzeilen. Bis zum Urteil.

Die Angehörigen des Opfers sind sicher froh, dass der Täter gefasst und bestraft wurde. Die Akte ist für sie allerdings damit noch lange nicht geschlossen.

Abgesehen vom kaum zu verarbeitenden Verlust eines geliebten Menschen gehen der Familie die Ermittlungen und - aus ihrer Sicht - einige Pannen nicht aus dem Kopf.

Ganz im Gegensatz dazu wollten laut Michael und Hubertine Nießen, Bruder und Mutter des Opfers, die beteiligten Behörden vom Fall nach ihrem Empfinden nicht mehr viel wissen.

„Ich möchte aber, dass die nachschauen, was da falsch gelaufen ist - auch wenn der Täter gefasst ist”, sagt Michael Nießen. Im Kern erheben er und seine Mutter zwei Vorwürfe. Vier Wochen vor der Tat soll es zu einem mit der Mordnacht vergleichbaren Szenario gekommen sein.

Das spätere Opfer Günter, der sich mit dem anderen Mieter im Haus in einem schon lange währenden Nachbarschaftsstreit befunden hatte, sei wie üblich mit dem Abstellen des Stromes provoziert, aber später auch mit der Waffe bedroht worden sein.

Der Bruder habe darauf hin die Polizei angerufen und genau das geschildert. Eine Tonaufzeichnung von 14 Minuten soll das beweisen.

Die Polizei wusste, so Michael Nießen, dass es sich beim Nachbarn um einen Sportschützen und Waffennarren gehandelt habe. Einen Streifenwagen wollten die Ordnungshüter nicht schicken. Nießen: „Meinem Bruder wurde gesagt, er soll sich wieder hinlegen und am nächsten Tag den Rechtsanwalt einschalten.”

Mutter und Bruder des Opfers sind sich aber sicher, dass der spätere Täter von der Präsenz der Staatsgewalt mehr als beeindruckt gewesen wäre.

Hubertine Nießen: „Ich glaube sogar, dass es keinen Mord gegeben hätte, wenn die Polizei vor Ort erschienen wäre.” Ihr Sohn Michael (33) unterstreicht: „Der Nachbar hätte sicher große Angst um seinen Waffenschein bekommen.”

Sie haben gegen den Polizeibeamten, der den Notruf vier Wochen vor der Tat entgegen genommen hat, Anzeige erstattet. Und sie haben erwartet, dass Landrat Wolfgang Spelthahn als Leiter der Polizeibehörde darauf eine Dienstaufsichtsbeschwerde einleitet. Das sei aber nicht geschehen, so Mutter und Bruder des Opfers.

Nach ihren Informationen habe Spelthahn die Ermittlungsunterlagen an die Staatsanwaltschaft zur Beurteilung überstellt. Auf Anfrage unserer Zeitung sagte der Landrat: „Es ist ein laufendes Verfahren, zu dem derzeit niemand etwas sagen darf. Ich kann nur appellieren, die Ergebnisse abzuwarten. Jeder Vorwurf wird akribisch untersucht, es will niemand etwas unter den Teppich kehren.”

Der Familie geht es nach eigenem Bekunden weder um „Rache” noch um „Trauerbewältigung”. Hubertine Nießen: „Ich möchte aber wenigstens, dass dieser Polizist keine Notrufe mehr annimmt.”

Die Familie beschäftigt eine weitere Erfahrung mit den Ermittlungsbehörden. „Ecki” hatte oft Streit mit dem Ewald L. und wollte sich schützen. Er dokumentierte schriftlich, was ihm widerfuhr, und er nutzte regelmäßig die Aufnahmefunktion seines Handys. Das Mobiltelefon befand sich am 27. April direkt neben seiner Leiche, berichtet der Bruder. Es wurde von den Polizeibeamten beiseite gelegt.

Obwohl die Angehörigen die Spezialisten auf das Gerät aufmerksam gemacht hatten, fanden sie es nach Freigabe des Tatorts unangetastet in der Wohnung - und auf ihm einen Mitschnitt der schrecklichen Tat. Nur durch diese Tondatei war der Täter, der eine Notwehrsituation geschildert und dem Opfer einen Hammer untergeschoben hatte, zu überführen. Michael Nießen: „Das war unser Lottogewinn, sonst wüssten wir nämlich nicht, was mein Bruder getan hat oder nicht.” Und wer für die Tat verantwortlich war.
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