Jülich - An Weihnachten für die Probleme anderer da

An Weihnachten für die Probleme anderer da

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Jutta Ehrhardt wird über Weih
Jutta Ehrhardt wird über Weihnachten bereit stehen, Familien zu helfen, in denen das Fest der Liebe zum Krisenherd zu werden droht. Foto: Hensen

Jülich. Jutta Ehrhardt feiert kein Weihnachten. Ein geschmackvoll geschmückter Tannenbaum, viele bunte Päckchen und ein kalorienreiches Weihnachtsessen? Fehlanzeige!

Die 61-Jährige steht an den Feiertagen für die Probleme anderer zur Verfügung, denn sie sitzt vom 24. bis 26 Dezember rund um die Uhr am Telefon. Sie bietet Kindern, Jugendlichen und Eltern eine Rufbereitschaft zu einer Krisenintervention in der psychologischen Beratungsstelle der Diakonie Krisenintervention meint eine Beratung von Menschen, die durch plötzliche Veränderungen ihrer Lebensbedingungen psychisch gefährdet sind.

Weihnachten, das Fest der Liebe, und eine Krisensituation? Jutta Erhardt weiß aus ihrer 15-jährigen Erfahrung als „Telefonseelsorgerin”, dass das kein Widerspruch ist. Im Gegenteil. An Weihnachten werden unheimlich hohe Erwartungen gestellt, das betrifft vor allem den Umgang miteinander in Familien. „Eigentlich ist es nur in Anführungsstrichen das Fest der Liebe”, sagt Jutta Erhardt. In der Vorweihnachtszeit sind viele Menschen gestresst: Die Feiertage planen und organisieren, einkaufen, auf der Arbeit noch die wichtigsten Dinge vor der Jahreswende erledigen. Dieser enorme Druck entlädt sich häufig an den Feiertagen.

Fällt Weihnachten aus Sicht von Arbeitnehmern gut, weiß Jutta Ehrhardt, dass sie mehr zu tun bekommt. „Diesmal sind es nur drei Tage, das ist gut”, sagt sie lächelnd. Ihr Telefon klingelt vor allem an Heiligabend und am ersten Weihnachtstag. Dann ist das Risiko besonders hoch, dass es in Familien zu Krisensituationen kommt. Wenn es unter dem Weihnachtsbaum zur Vater-Mutter-Kind-Begegnung kommt, brechen oft alte Konflikte auf. „So nach dem Motto: Was ich dir immer schon einmal sagen wollte”, erklärt Jutta Ehrhardt. Die Konstellation Vater-Mutter-Kind ist an Weihnachten traditionell; wer kommt schon auf die Idee, an Weihnachten gute Freunde mit nach Hause zu bringen? „Das passiert höchstens am zweiten Weihnachtstag”, sagt Jutta Erhardt. Auf der einen Seite hohe Erwartungen an das menschliche Miteinander, auf der anderen Seite fällt das gesamte soziale System weg, was uns alltäglich in Form von Freunden und Kollegen begleitet. „Im Grunde ist Weihnachten ein geschlossener Raum für die Einzelfamilie”, sagt Jutta Erhardt. Deshalb sei Weihnachten ein höchst problematisches Fest für Singles. In einigen Gemeinden gibt es ja bereits ein Angebot wie „alternatives Weihnachten”.

In Familien, wo es finanzielle Probleme gibt, hängt das Damoklesschwert an den Feiertagen noch etwas tiefer, als sonst. „Ihren Kindern keine großen Geschenke machen zu können, ist belastend für Eltern”, berichtet Jutta Ehrhardt. Die Gefühle reichen von Scham über Trauer bis hin zur Schuld - dadurch entsteht Frustration. Im vergangenen Jahr beispielsweise hat sich eine Mutter bei ihr gemeldet, weil die 14-jährige Tochter weggelaufen war. „Da kam das ganze Drama der Mutter-Kind-Beziehung zum Vorschein”, erinnert sie sich. Meistens versucht sie, die Konflikte am Telefon zu lösen. Das komme aber immer auf die Situation an. Wenn Handlungsbereitschaft signalisiert wird, dann verzichtet sie auf ein Treffen. „Ist jemand beispielsweise bereit, sich für sein Verhalten zu entschuldigen, dann treffen wir uns nicht.” Ist die Person am anderen Ende des Telefons aber vollkommen aufgewühlt und verbreitet Aktionismus, dann redet Jutta Ehrhardt mit demjenigen in der Beratungsstelle an der Aachener Straße.

Ein besonders krasser Fall ist ihr in Erinnerung geblieben. Eine junge Frau fährt nach Feierabend zu ihren Geschwistern, die allesamt Männer sind. Sie haben bereits gegessen und getrunken, die junge Frau stößt nüchtern dazu. Es entsteht eine Diskussion über Abtreibungen. Die Männer kommen zu dem Ergebnis, dass Fremdgehen für Frauen kein Problem mehr darstellt, seitdem sie die Möglichkeit haben, abtreiben zu können. „Die junge Frau verlässt die Weihnachtsfeier und ist mit ihrer ganzen Verzweiflung über die Vorwürfe alleine”, sagt Jutta Ehrhardt. Sie weiß mit ihrer Frustration nirgendwo hin, und Freunde sind nicht zu erreichen, weil sie ebenfalls bei ihren Familien sind. Also ruft sie Jutta Ehrhardt an und redet mit ihr über die Situation.

Alkoholkonsum spielt an Weihnachten eine große Rolle. Aus Sicht vieler Menschen macht erst das Glas guten Rotweins das Fest wirklich zum Fest - ein Grund, warum gerade an Weihnachten viele ehemaligen Alkoholiker rückfällig werden. Jutta Erhardt hat dieses Phänomen zu einer Art Selbsttest verleitet: Seit 1980 verzichtet sie darauf Alkohol zu trinken und hat dadurch interessante Erfahrungen gemacht. Ist sie bei Feiern eingeladen gewesen und verweigerte das Glas Sekt oder Bier, schauten andere Gäste betreten weg oder stempelten sie als „trockene” Alkoholikerin ab. „Die einzige Ausrede, die viele gelten lassen, lautet: Ich muss noch fahren.” Damit die Eltern nicht am Ende des Abends betrunken unter dem Weihnachtsbaum liegen, rät sie, Alkohol mit viel mehr Bedacht zu sich zu nehmen.

Jutta Ehrhardt feiert kein Weihnachten, aber ein Geschenk hat sie doch: „Mein Geschenk ist dieser Dienst.” Dass Weihnachten als Fest der Liebe gilt, ist für sie nach wie vor erstrebenswert. Wenn es Weihnachten nicht gäbe, müsste es spätestens jetzt erfunden werden - als Gegengewicht zu Hass, Rache und Gewalt gibt.

Die psychologische Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene Jülich gibt es seit 1978. Die Beratungsgespräche sind kostenlos. Auf Wunsch wird die Anonymität der Betroffenen gewahrt. Die Beratungsstelle steht Familien, deren Kinder unter 18 Jahren sind, und Erwachsenen bis zum 26. Lebensjahr offen.

Träger der Beratungsstelle ist die Jugendhilfe, eine Einrichtung der Diakonie.

Die Rufbereitschaft der Krisenintervention gibt es von
Samstag bis Montag, 26. Dezember, unter 02461-52655.

Jutta Ehrhardt stammt aus Ostwestfalen-Lippe und hat Pädagogik, Supervision und Sozialarbeit studiert. Zusätzlich ist sie Psychothearapeutin für Kinder und Jugendliche.

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