Absage an Urnen per Post und „Leichentourismus”

Von: Antonius Wolters
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Nur 25 Quadratmeter Freifläche pro Jahr hätte ein Unternehmen auf dem Friedhof Lucherberg benötigt. Aber die Gemeinde winkt ab. Foto: Dolfus

Inden. Die Indener Gemeindeverwaltung hat Ernst gemacht mit Vorschlägen, um die angespannte wirtschaftliche Situation der Kommune zu verbessern. So wurde auf der jüngsten Sitzung des Bauausschusses eine Umnutzung des alten Friedhofs Lucherberg vorgestellt, wo ein anonymes Urnengrabfeld ausgewiesen werden könnte.

Die Details erläuterte Karl-Heinz Könsgen, Geschäftsführer der Deutschen Friedhofs GmbH (DFG), eine 100-prozentige Tochter der Rhein-Taunus-Krematorium GmbH, die mit 3500 Einäscherungen pro Jahr Deutschlands größter Anbieter ist.

Während die Urnen zunächst in Braubach-Dachsenhausen bei Koblenz bestattet worden sind, bemüht sich Karl-Heinz Könsgen inzwischen, ein Netz von Kooperationsfriedhöfen zu kreieren, um den Angehörigen lange Anreisen zu ersparen.

Weiterer Mosaikstein

Die DFG geht davon aus, dass die Hinterbliebenen eine Beisetzungsmöglichkeit im Umkreis von 30 bis 40 Kilometern zum ehemaligen Wohnort des Verstorbenen bevorzugen. Acht Friedhöfe, die über ganz Deutschland verteilt sind, hat die DFG inzwischen unter Vertrag. Der Friedhof Lucherberg hätte ein weiterer Mosaikstein werden können.

Das Zusatzgeschäft, das Könsgen der Gemeinde offerierte, umfasst folge Konditionen: Die Einäscherungen erfolgen wie bisher in Dachsenhausen, die Urnen werden dann per Post oder eigenem Kurierdienst überstellt.

Für die Nutzung des Friedhofs, wo die Beisetzung durch einen Bestatter oder anonym durch den gemeindlichen Bauhof erfolgt, sagt die DFG der Gemeinde einen jährlichen Mindestbetrag von 3000 Euro zu. Die Kommune erhält 80 Euro pro Beisetzung, ab 100 Beisetzungen pro Jahr werden je 75, ab 150 Beisetzungen je 70 Euro fällig.

Selbst wenn die Zahl der Beisetzungen - kalkuliert waren 300 jährlich - die Erwartungen nicht erfüllt, wird durch das garantierte Nutzungsentgelt ein großer Teil der Unterhalts- und Pflegekosten auf Jahre hinaus gedeckt sein.

Der Friedhof Lucherberg war unter anderem deshalb gewählt worden, weil dieser auch über eine Trauerhalle verfügt, auch wenn nur an etwa zehn Prozent der Beisetzungen Hinterbliebene teilnehmen, wie Könsgen erläuterte.

Bei rechnerisch maximal 300 Beisetzungen im Jahr und einer Belegung von einem Quadratmeter mit vier bis zu 1,20 Meter tiefen Urnenlöchern mit bis zu drei Urnen übereinander, besteht somit pro Jahr ein Platzbedarf von 25 Quadratmetern. Daraus ergibt sich ein rechnerischer Platzbedarf bei maximaler Belegung von 750 Quadratmetern für 30 Jahre. Auf dem Lucherberger Friedhof stehen sogar 1500 Quadratmeter nutzbarer Grabfläche zur Verfügung.

„Das gleitet zwar in Industrialisierung ab, spiegelt aber die Bestattungsrealität wider”, ergänzte Bürgermeister Ulrich Schuster. So gebe es eine erhebliche Nachfrage für solche „preiswerten und pflegeleichten Bestattungen - selbst im ländlichen Raum”. Zudem sei dazu ja keiner verpflichtet.

Nicht zuletzt eröffne sich die Möglichkeit, über eine Art Quersubventionierung die Gebühren für die traditionellen Erdbestattungen günstiger zu gestalten, verwies Schuster auf die Kostenvorteile.

„Schauderhafter” Gedanke

„Wir möchten keinen Leichentourismus um jeden Preis”, führte CDU-Sprecher Jürgen Olbrich vor allem ethisch-moralische Bedenken für die Ablehnung des Vorschlags ins Feld. Allein der Gedanke, dass Urnen mit der Asche Verstorbener per Paketpost zugestellt werden, ließ Rudi Görke (SPD) erschaudern.

Der Respekt vor den Toten verbiete es ihm, sich mit dem Gedanken anzufreunden. Selbst Karl-Heinz Könsgen musste konstatieren, dass dies keine Beisetzung sei, „die die Bestattungskultur fördert”. Am Ende lehnte der Ausschuss die Nutzungsänderung einstimmig ab.
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