123-Kilo-Musterknabe will unbedingt zum Bund

Von: Saskia Zimmer
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Still gestanden: Junge Rekruten treten am Tag ihrer Einberufung auf dem Kompanieflur zum Appell an - vorerst in Trainingsanzug, die Uniform folgt noch. Foto: ddp

Jülich. Markus Kolbe hat keine Angst vor der Musterung. Nein. Markus Kolbe hat Angst vor der Ausmusterung. Sein größter Wunsch ist es, zu dienen. Seinen Grundwehrdienst abzulegen und darüber hinaus sich für mehrere Jahre bei der Bundeswehr verpflichten zu lassen, wenn es denn gut läuft.

Wenn. Denn erst einmal muss Kolbe die Musterung hinter sich bringen. Als tauglich eingestuft werden, um dann zum neunmonatigen Grundwehrdienst eingezogen zu werden. Darum nimmt der 17-Jährige an einem Mittwochmittag im Kreiswehrersatzamt in Jülich neben rund einem Dutzend Gleichaltriger Platz. Ein Großteil von ihnen wird im Gegensatz zu Kolbe hoffen, durch das Raster der Musterung zu fallen, um so den Wehr- oder Ersatzdienst nicht ableisten zu müssen. Sie gehören zu den 4500 bis 5000 Wehrdienstpflichtigen aus Stadt und Kreis Aachen sowie den Kreisen Düren und Heinsberg, die hier in Jülich jedes Jahr auf Herz und Nieren geprüft werden.

Heer, Marine, Luftwaffe

„Männlich, 18, ständiger Aufenthalt in Deutschland” - das ist die Formel, mit der Bernhard Röckmann, Chef des Kreiswehrersatzamtes, die beschreibt, denen der Musterungsbescheid ins Haus flattert. Verändert hat sich in den letzten Jahren allerdings die Zahl derjenigen, die nach der Musterung auch tatsächlich eingezogen werden. Eine Gesetzesänderung im Herbst 2004 ist laut Röckmann einer der Hauptgründe, warum sich die Ausmusterungszahlen verdoppelt haben.

Nicht ohne Enttäuschung stellt er fest: „Rund 40 Prozent der Wehrdienstpflichtigen wird ausgemustert.” So traten im Jahr 2009 68.304 Wehrpflichtige ihren Grundwehrdienst an, während es im Jahr 1999 noch 154842 waren. Ein Umstand, der unablässig Wehrdienstgegner und Friedensverbände auf den Plan ruft, die die Wehrgerechtigkeit nicht gewährleistet sehen und die Abschaffung der Wehrpflicht fordern. Wie auch wieder vor einigen Tagen ein Bündnis aus unter anderem Pax Christi, Deutschem Bundesjugendring und der DGB-Jugend die Petition „Wehrpflicht aussetzen, Freiwilligendienste fördern”, die ein junger Mann an den Bundestag richtete, öffentlich unterstützt hat.

„Markus Kolbe?” Eine weibliche Stimme reißt Kolbe aus seinem Traum vom Antreten in Uniform. Jetzt endlich ist er an der Reihe. Er springt auf, schnappt seine Tasche und spurtet der Arzthelferin hinterher. Für ihn kann es nicht schnell genug gehen. Er will die Musterung einfach nur hinter sich bringen. Gewissheit darüber haben, ob er tauglich ist oder nicht. Bevor er jedoch auf Dr. Barbara Königsfeld trifft, die genau darüber entscheidet, wiegt und vermisst ihn die Arzthelferin. Und damit ist der erste Akt der Musterung der - im Wortsinne - allerschwerste für Kolbe.

Der 17-Jährige weiß, dass für ihn sein Bauch eine große Hürde auf dem Weg in den Wehrdienst sein kann. Deswegen hat er auch schon abgespeckt in den letzten Wochen. „Bestimmt fünf Kilo”, sagt er. Schuhe und Pullover darf er ausziehen, dann folgt der Schritt auf die Waage. Erst traut er sich gar nicht, doch dann blickt Kolbe schließlich doch auf die Anzeige. „123 Kilo - Mist, so viel hätte ich nicht gedacht.” Die Arzthelferin attestiert ihm - bei einer Größe von 1,82 Meter - ein Übergewicht von 26 Kilo. „Das ist zu viel, oder?”, fragt er zögerlich.

Übergewicht - ein Dorn im Auge Röckmanns: „Die gesundheitliche Allgemeinverfassung bei den jungen Leuten wird immer schlechter”, so seine Erfahrung und neben der Gesetzesänderung ein weiterer Grund, warum die Zahl der Ausgemusterten kontinuierlich ansteige. Seit Oktober 2004 gibt es den Tauglichkeitsgrad 3 nicht mehr - er wurde schlicht und ergreifend gestrichen. Krankheiten, die bis dahin zur Einstufung T3 führten, werden nun dem Grad T5 zugeordnet. Damit wird der Wehrpflichtige ausgemustert, muss weder Wehr- noch Ersatzdienst ableisten. Nur T1 und T2 werden eingezogen. Röckmann erklärt warum: „Das Aufgabenbild der Bundeswehr hat sich verändert, die Anforderungen an Wehrdienstleistende sind erheblich größer geworden.” Was genau sich denn verändert habe - Röckmann führt es nicht weiter aus, sagt nur: „Mehr Auslandseinsätze eben.” Wie derzeit in Afghanistan. 5300 Soldaten werden dort zukünftig im Einsatz sein.

Wie vielleicht eines Tages auch Kolbe. Ja gut, da ist das Gewicht. Aber der Rest, da ist er sich sicher, wird einwandfrei sein. Er will alles geben, ein echter Muster-Knabe sein. So würde er den Urin-Becher auch bis zum Rand füllen, wenn nötig, versichert er. Und endlich darf er ins Arztzimmer.

Dr. Barbara Königsfeld arbeitet seit 21 Jahren im Kreiswehrersatzamt. Tausende junge Männer mussten vor ihr schon die Hose runterlassen. Dass sie eine Frau ist - für sie ein unschlagbarer Vorteil. Bei Frauen komme eher das Mütterliche zum Tragen. Und es hat sich bewährt: „Rund drei Viertel meiner Kollegen sind weiblich.”

Jetzt nimmt Kolbe vor ihr Platz. Warum er denn unbedingt zum Bund wolle, fragt Königsfeld ihn. „Ich hoffe, dass ich dort Respekt, Verantwortung und Teamgeist lerne”, sagt er. Auf der Gustav-Heinemann-Gesamtschule Alsdorf machte er seinen Hauptschulabschluss, zurzeit ist er arbeitslos. Seine ganze Hoffnung liegt im Wehrdienst. „Aber mit dem Übergewicht wird´s schwer, oder?” Es klingt nicht wie eine Frage, vielmehr wie eine Feststellung.

Und das Sehvermögen?

Noch gibt Königsfeld aber kein Urteil ab. Erst einmal werden Kolbes Hör- und Sehvermögen getestet. Dann muss er sich bis auf die Unterhose ausziehen. „Da hab ich kein Problem damit, ist ja wie im Freibad”, sagt er lachend. Königstein hört seine Lunge ab, untersucht seine Wirbelsäule, nimmt seine Genitalien in Augenschein.

Früher sei das ganz anders gewesen, erzählt Röckmann von seiner eigenen Musterung. Früher - das ist gut 40 Jahre her. Da habe es eine ganze Musterungskommission gegeben, die einen stundenlang begutachtete. „Heute versuchen wir das Ganze möglichst kundenfreundlich zu gestalten”, versichert er. Nach maximal vier Stunden hätten die jungen Männer alles hinter sich gebracht. Ob es schon damals Tricks gab? Tricks, um die ärztliche Untersuchung zu beeinflussen? „Na klar, die sind so alt, wie die Bundeswehr selbst”, sagt Röckmann mit Unbehagen. Königsfeld jedoch kennt die Tricks, „alle”, sagt sie.

Kolbe aber wollte nicht tricksen, auf keinen Fall. Bis auf das Gewicht hat er ja auch alles mit Bravour gemeistert. Königsfeld bestätigt ihm einen hervorragenden Gesundheitszustand. Selbst sein Blutdruck fällt trotz seiner zu vielen Kilos nicht sonderlich aus der Norm. Aber: „Mit Ihrem Übergewicht können Sie natürlich nicht zum Bund, das ist Ihnen ja klar, so schaffen Sie ja kaum eine der sportlichen Übungen.”

Aber sie gibt ihm eine Chance. Sie stellt ihn erst einmal zurück, für ein halbes Jahr. Eine Zurückstellung wird zum Beispiel auch für die Zeit einer Ausbildung gewährt. Das heißt, er muss sich in einem halben Jahr noch einmal mustern lassen. Nur dann sollte er 10 bis 15 Kilo weniger auf die Waage bringen. „Den Willen dazu hat er”, sagt Königsfeld.

Enttäuscht? Natürlich ist Kolbe enttäuscht. „Am meisten über mich.” Aber es schmecke einfach so gut, sagt er, lächelt verlegen und streicht dabei über seinen Bauch. Für die nächsten Wochen plant er ein straffes Sport- und Diätprogramm. Und los geht´s damit sofort. Vom Kreiswehrersatzamt fährt er in den Garten seiner Mutter, „fünf Bäume ausbuddeln”. „Das wird anstrengend, aber das schaff ich”, sagt er und meint damit die fünf Bäume ebenso wie die 15 Kilo. Im Gehen ruft er Königsfeld zu: „Ich komme wieder, das verspreche ich Ihnen.” Gewiss ohne Angst vor der Musterung. Die Angst vor der Ausmusterung jedoch wird wohl bleiben.
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