101 Jahre jung: Buch über Katharina Bongartz aus Inden

Von: kalauz
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Katharina Bongartz ist auch mit 101 Jahren eine lebensbejahende Frau geblieben. Foto: kalauz
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Katharina Bongartz ist auch mit 101 Jahren eine lebensbejahende Frau geblieben. Foto: kalauz

Jülicher Land. Das schreibt sich so leicht dahin: „101 Jahre, na und?“ Katharina Bongartz hat die Geschichtchen und Anekdoten, die schönen und die weniger erfreulichen Ereignisse, die ihr das Leben von 1913 bis heute ins Stammbuch diktierte, so überschrieben.

 „101 Jahre, na und? das klingt fast ein wenig frech, kokett zumindest, einnehmend auf alle Fälle. Und auch charmant: „Guten Tag, junger Mann“, sagt die Dame mit dem vollen weißen Haar, als sie im Christinenstift in Gereonsweiler den Raum betritt. Das heißt, sie betritt ihn nicht, sie kommt im Rollstuhl angefahren. „Aber nur ausnahmsweise, weil heute mein Bein etwas zwickt“, schiebt sie, dabei auch mit ihren dunklen Augen lächelnd, möglicherweise aufkeimende Sorgen beiseite und sagt „Ja bitte!“, als man fragt, ob auch sie eine Tasse Kaffee möge. „Mit Milch, ohne Zucker.“ Katharina Bongartz, 101 Jahre alt – man kann es kaum glauben. „Ich versteh‘ selbst nicht, dass ich so alt geworden bin“, sagt sie.

Katharina Bongartz‘ langes Leben ist ein deutsches Leben. Am 3. März 1913 im rheinischen Inden geboren, hat sie von der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, dem 1. Weltkrieg, nichts mitbekommen, ihre Kindheit war unbeschwert, sechs Geschwister tummeln sich im Sommer auf den Wiesen an der Inde, 1930 zieht die Familie in das für 8000 Reichsmark gebaute eigene Häuschen. 1927 verlässt Katharina die Schule, sie will Schneiderin werden, aber nur die Brüder dürfen einen „richtigen Beruf“ erlernen, Katharina arbeitet als Kindermädchen. Sie verliebt sich das erste Mal, gibt dem Freund den Laufpass. „An all das kann ich mich erinnern, als wenn es heute wäre“, sagt sie. Ihrer jüngeren Tochter Marlis hat sie so oft Geschichten und Anekdötchen erzählt, dass die irgendwann gesagt hat: „Mama, das schreiben wir auf.“ Marlis hat also geschrieben, was Katharina ihr erzählt hat. Ihre Erinnerungen hat die Tochter eingebettet in sachliche Schilderungen der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse.

Entstanden ist so ein Buch, das weit mehr als nur die Erinnerungen einer Hundertjährigen festhält – es ist ein wenig auch eine Chronik, die den weiten Bogen spannt von der Zeit Wilhelms II. bis zur Kanzlerin Merkel. Ein wenig also ein deutsches Alltags-Geschichtsbuch, in dem natürlich die Zeit der Naziherrschaft nicht ausgespart wird. Die Zeit, in der die gehörlose Schwester der Mutter abgeholt wird („Wir haben sie nie mehr wiedergesehen“), die Zeit aber auch, in der sie ihren Mann Matthes kennenlernt („Er hatte etwas zu große und schiefe Zähne, aber darüber sehe ich in meiner Verliebtheit hinweg“) und den sie während seines Urlaubs 1941 heiratet.

Die Bomben und die Granaten, die Projektile der Maschinengewehre reißen ihr und ihrer Mutter Wunden, die schwer heilten: Innerhalb weniger Monate verliert sie zwei Brüder, die Mutter zwei Söhne. „Meine Mutter“, sagt Tochter Marlis, „musste schon früh erleben, was es heißt, mit Krieg und den Folgen umzugehen. Sie hat viele geliebte Menschen verloren, aber trotzdem schöpfte sie immer neue Hoffnung aus den schönen Augenblicken ihres Lebens.“

Mut brachte auch die Frau mit ihren beiden Töchtern und dem Mann auf, der abends als Maler und Anstreicher unterwegs war – und der sich geweigert hat, den Führerschein zu machen („Wie gerne hätte ich ein Auto gehabt, wie gerne wäre ich mal in Urlaub gefahren“). Aber es ging immer weiter, immer aufwärts nach dem Krieg. Es gab Höhepunkte („Die Reise nach Lourdes und Biarritz im Sommer 1958 werde ich nie vergessen“), und es gab Schicksalsschläge („Der Tod meiner geliebten Mutter 1970 und der meines Mannes 1994 haben mich tief getroffen“). Zwischen den Extremen lebt Katharina Bongartz im Elternhaus an der Aldenhovener Straße in Inden ein Leben wie Tausende anderer Frauen im Rheinland.

Seit sieben Jahren lebt sie im Christinenstift in Gereonsweiler. „Ein bisschen langweilig ist es manchmal schon“, sagt sie. „Ich lese viel, jeden Tag auch die Jülicher Zeitung, die hatten wir eigentlich schon immer. Warum soll ich rumsitzen und ein langes Gesicht machen? Dat is doch nix!“

Die Wünsche an das Leben haben sich trotz Internet und Smartphone nicht geändert: Jeder Mensch möchte geliebt werden, sehnt sich nach einem friedlichen Zusammenleben und ein wenig Glück für sich und seine Lieben. Das Buch über das lange Leben der Katharina Bongartz ist auch deshalb ein zeitloses Buch. „Du wirst noch 105, haben sie mir bei meinem letzten Geburtstag gesagt. Wenn ich nicht sterbe, bestimmt, habe ich da geantwortet.“ Wenn man sie so erlebt: kein Problem.

Nach einer guten Stunde Plauderei die Frage: „Darf ich Sie zum Fahrstuhl fahren?“ „Um Himmels willen!“, sagt sie, „das mache ich alleine!“ Mit kräftigen Zügen rollt Katharina Bongartz dem Fahrstuhl entgegen. „Bleiben Sie gesund“, ruft sie noch.

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