Zwangsumzug der Saatkrähen: Gefährdung durch Lärm

Von: Stefan Klassen
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Drehleiter im Einsatz: Die Feuerwehr rückte im Volkspark mit schwerem Gerät an und schnitt in luftiger Höhe die Nester der Saatkrähen aus den Baumkronen. Foto: Stefan Klassen

Baesweiler. Der Motor des Feuerwehrwagens mit der Drehleiter dröhnt, die Motorsäge kreischt: Ungewohnter Lärm macht sich im Volkspark breit. Er kündet von einem in der Städteregion bislang einzigartigen Vorhaben - der Umsiedlung einer Saatkrähenkolonie.

109 Paare der „Corvus frugilegus” sind derzeit im Volkspark heimisch, Tendenz steigend. Und weil mit der größeren Zahl der unter Naturschutz stehenden Rabenvögel auch eine Zunahme von Kot und unüberhörbarem Gekrächze verbunden ist, fühlen sich mehrere Anwohner belästigt. Laut Peter Strauch, Erster und Technischer Beigeordneter, beantragte die Stadt Baesweiler aufgrund dieser Beschwerden deshalb bei der zuständigen Unteren Landschaftsbehörde im Umweltamt der Städteregion, Alternativen zu prüfen.

Was auch geschah. Richard Bollig, Leiter der Unteren Landschaftsbehörde und studierter Biologe, nahm daraufhin im vergangenen Jahr die Saatkrähenkolonie genau unter die Lupe, zählte Tiere und Nester, listete den Baumbestand im Volkspark und das vom in Baesweiler wohnhaften „Corvus frugilegus” bevorzugte Futter auf. Ziel: Herausfinden, welche Lebensbedingungen die Volkspark-Rabenvögel haben und an einem Umsiedlungsstandort benötigen.

Mittlerweile ist ein Zwangsumzug des schwarzen Federviehs trotz des Bundesnaturschutzgesetzes genehmigte Sache. Abgestempelt von der Unteren Landschaftsbehörde.

„Es gibt im Gesetz eine Ausnahmeregelung. Wenn für Menschen eine Gesundheitsgefahr besteht, kann eine Umsiedlung stattfinden”, begründet Behördenchef Bollig. Im konkreten Fall gehe es auch um die Kinder des am Volkspark angrenzenden Familienzentrums „Sonnenschein” der Städteregion. Bereits 2009 hätten Messungen ergeben, dass das Krähen-Gekrächze Werte erreicht, die bei technischen Anlagen als für Menschen schädigend gelten würden. Weil sich die Saatkrähenkolonie seitdem fast um das Dreifache vergrößert habe, so Bollig, sei analog dazu auch die Lärmemission in einen „schädigenden” Bereich gestiegen.

Den fleißigen Kameraden der Baesweiler Feuerwehr, die mit der Kettensäge 109 Nester aus den Bäumen herausschnitten, stand - mit einer kleinen Japan-Säge in der Hand - Dr. Diederik van Liere zur Seite und überwachte die Aktion. Van Liere ist Verhaltensbiologe, kommt aus dem nord-niederländischen Assen, ist der einzige Gutachter im Nachbarland, wenn es um Krähen, Gekrächze und Kot geht, wie er sagt.

Er hat bereits mehrere Saatkrähenkolonien in den Niederlanden umgesiedelt und über die 218 Baesweiler Rabenvögel ein Gutachten erstellt. Und Diederik van Liere hat nach intensiver Suche eine vermeintliche neue Heimat für die Umsiedlungs-Kolonie gefunden: im Bereich des Umspannwerkes zwischen Setterich und Siersdorf. „Dort finden die Tiere ähnliche Bedingungen wie im Volkspark vor.” Rotbuchen, Eichen, Linden und Lärchen stehen dort, die Saatkrähen sind recht ungestört und stören auch niemanden. Ein Teil der am Montag im Volkspark herausgeschnittenen Nester - sie stammen aus dem vergangenen Jahr - sollen dort nun, in Bäume eingeflechtet, als Lockmittel für einen Saatkrähen-Exodus dienen. „Es gibt Chancen, dass die Vögel ihre neue Umgebung annehmen”, betont Experte Dr. van Liere.

Weitaus weniger optimistisch ist da Dr. Eike Lange, Vize-Vorsitzender des Naturschutzbundes Nabu Aachen-Land. Er ist „eindeutig gegen die Umsiedlung” und glaubt nicht, dass am neuen Ort auch neuer Nachwuchs aus den Eiern schlüpfen wird. „Wir stellen in Frage, dass das funktioniert. Das ist eine Störaktion, die dem Naturschutzgesetz widerspricht.” In drei bis vier Wochen würden die Saatkrähen ihre Eier legen, bis dahin müssten neue Nester gebaut sein. Tiermediziner Lange hält „die Bäume am Umsiedlungsstandort für zu niedrig” und glaubt, „dass die Vögel den alten Nestern nicht folgen werden”. Das Vorgehen der Unteren Landschaftsbehörde sei „nicht artgerecht”.

Behördenleiter Richard Bollig und Gutachter Diederik van Liere stellen sich unterdessen darauf ein, dass der Saatkrähen-Umzug von allen Beteiligten einen langen Atem erfordert. Es sei damit zu rechnen, dass zumindest einige Paare versuchen werden, ihr Nest wieder in den Baumkronen im Volkspark zu bauen - „in den nächsten Wochen und vielleicht auch in den nächsten Jahren”, schätzt Bollig.

Dröhnende Motoren und kreischende Kettensägen werden vermutlich nicht das letzte Mal im Volkspark zu hören gewesen sein.
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