Wie man sich bei einem Überfall verhält

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141 Fälle von Handtaschendiebstahl hat die Polizei im Kreis Heinsberg im vergangenen Jahr registriert. Foto: dpa/V. Müller
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Wolfgang Ulbrich, Kriminalhauptkommissar.

Kreis Heinsberg. In der Innenstadt wirbt jemand für eine gemeinnützige Organisation und bittet um Spenden – kann man ihm trauen? Ein Discogänger geht zu Fuß nach Hause und wird bedroht: Er soll Handy und Portemonnaie rausrücken. Soll er sich weigern, wehren oder weglaufen? Auf Fragen wie diese weiß Kriminalhauptkommissar Wolfgang Ulbrich von der Kreispolizei Heinsberg eine Antwort.

 Im Gespräch mit Verena Müller erklärt der Fachmann für Kriminalitätsprävention, worauf man achten sollte.

Herr Ulbrich, wie schützt man sich im Gedränge vor Dieben?

Ulbrich: Man sollte die Tasche verschlossen haben und fest unter den Arm klemmen. Am besten so, dass sich der Verschluss eng an Ihrem Körper befindet. Überall dort, wo die Gelegenheit für Täter günstig ist, sollte man aufmerksam sein. Im Gedränge kann zum Beispiel Täter A abrupt stehenbleiben und provozieren, dass Menschen hinter ihm auflaufen. Im Moment das Rempelns oder während des Sichentschuldigens kann Täter B unbemerkt zugreifen. Auch an Orten wie der Domplatte, wo alle nach oben schauen, sollte man aufpassen. Am besten ist, man trägt die Tasche unter der Oberbekleidung oder wechselt sogar auf eine Gürteltasche.

Klar, ideal wäre, man hätte alle Wertsachen am Körper verteilt. Aber das kostet Zeit und ist ziemlich unpraktisch.

Ulbrich: Das stimmt. Man will auch nicht die ganze Zeit nur an Sicherheitsaspekte denken, sondern den Kopf frei haben, den Ausflug genießen und sich wohlfühlen. Generell gilt aber: Meiden Sie Orte oder Situationen, an denen Sie eine leichte Beute für Diebe sind. Ein Dieb sucht immer nach Opfern, bei denen ein geringer Widerstand zu erwarten ist. Das läuft immer gleich ab. Also: Achten Sie darauf, welche Signale Sie senden.

Bei potenziellen Opfern handelt es sich vermutlich nicht nur um alte Frauen ...

Ulbrich: Nein, natürlich nicht. Manchmal sind meine Kollegen und ich auch erstaunt, wen es treffen kann. „Oh, das war mutig“, denken wir uns manchmal, wenn da ein Schrank von Kerl vor uns steht. Aber alleine und angetrunken auf dem Nachhauseweg, da können auch solche Typen zum Opfer werden.

Welche Tricks kursieren derzeit, um Arglose dazu zu bringen, dass sie ihr Portemonnaie zücken?

Ulbrich: Vor allem das angebliche Spendensammeln. „Unterschreiben Sie mal hier“, heißt es dann, und während man unterschreibt, greift jemand unbemerkt zu. DIN-A4-Klemmbretter eignen sich hervorragend dazu, darunter in die Geldbörse des Opfers zu greifen, die es noch in der Hand hält, nachdem es ein paar Euro in eine Sammelbüchse geworfen hat. Also: Niemals das Portemonnaie offen in der Hand halten.

Es kommt auch vor, dass jemand in einer Jacke des Deutschen Roten Kreuzes an der Tür schellt und sammelt. Wie erkennt man den Betrüger?

Ulbrich: Das ist ganz, ganz schwierig. Die Jacke könnte gestohlen, der Ausweis gefälscht sein. Ich würde generell niemand Fremdes in die Wohnung lassen, vor allem nicht, wenn ich alleine bin. Und wenn ich doch zu dem Entschluss kommen sollte, der Organisation spenden zu wollen, würde ich mir den Flyer oder etwas Ähnliches geben lassen, später überprüfen, ob die Daten stimmen und dann etwas überweisen. Es ist immer besser, ein bisschen misstrauisch zu bleiben und im Hinterkopf zu behalten, dass Kriminelle die Hilfsbereitschaft anderer Menschen gezielt ausnutzen.

Thema Einbrüche. Kommt es mir nur so vor oder passieren die immer häufiger tagsüber?

Ulbrich: Rund 40 Prozent ereignen sich am Tag. Der Täter sucht schließlich eine leere Wohnung. Tagsüber ist die Wahrscheinlichkeit größer. Die Angst, nachts könnte ein Einbrecher plötzlich in meinem Schlafzimmer stehen, ist unbegründet. Das kommt sehr selten vor.

Eine Familie ist im Urlaub. Ist ein ausgeklügeltes System, bestehend aus Zeitschaltuhren und Lampen, die zu unterschiedlichen Zeiten an - und ausgehen, sinnvoll, damit man nicht sieht, dass keiner da ist?

Ulbrich: Das ist unnötig. Bei Wohnungseinbrüchen handelt es sich um Gelegenheitstaten. Bevor ein Einbrecher irgendein Objekt länger beobachtet, steigt er eher irgendwo mehrfach ein, wo die Gelegenheit günstig ist.

Wenn man im Erdgeschoss wohnt oder sogar ein Haus mit Terrassentür aus Glas hat, kann man sich vermutlich kaum vor Einbruch schützen. Ein Loch ins Glas geschnitten, schon ist die Tür offen. Oder?

Ulbrich: (lacht) So einfach wie im Fernsehen ist das nicht! Glas ist sogar ein recht hohes Hindernis. Selbst mit einem Glasschneider lässt sich das Glas nicht leichter eindrücken. Es würde genauso zerbersten wie beim Eintreten der Scheibe. Und das macht Krach. Runtergelassene Jalousien bringen übrigens gar nichts, die kann man hochschieben oder rausreißen.

Wie dringen die meisten Täter genau ein, und wie kann man das verhindern?

Ulbrich: In 80 Prozent der Fälle, indem sie ein Fenster aufhebeln. Deshalb sollte man Beschläge und Sicherheitsschlösser anbringen. Die sollten allerdings bestimmten Sicherheitsstandards entsprechen. Dazu bieten wir übrigens eine kostenlose Beratung an. Einfach anrufen, wir machen dann einen Termin.

Können wir noch kurz über gewaltsame Übergriffe sprechen? Wie verhält man sich am besten, wenn man überfallen wird?

Ulbrich: Das ist immer situations- und typabhängig. Es gibt keinen Leitfaden. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Eine 70-jährige Imbissbudenbesitzerin wurde mit der Pistole bedroht, der Täter forderte den Inhalt der Kasse. Die Frau sagte: „Ja, ist gut, aber erst rufe ich kurz die Polizei.“ Dann ist sie nach hinten gegangen – und der Mann ist abgehauen.

Ganz schön tough.

Ulbrich: Absolut. Sie hat sich instinktiv, in dieser speziellen Situation, bei diesem Täter richtig verhalten. Es hat funktioniert. Aber grundsätzlich würde ich niemandem empfehlen, sein Leben aufs Spiel zu setzen, insbesondere wenn der Täter bewaffnet ist. Angriff oder Flucht – diese Instinkte sind außerdem bei jedem Menschen anders ausgeprägt. Da gibt es kein „richtig“ oder „falsch“. Man muss auf sein Bauchgefühl hören.

Ok. Nehmen wir an, jemand hat versucht, mir mein Handy zu stehlen, ich konnte aber fliehen oder den Täter vertreiben. Was jetzt? Zum nächsten Polizeirevier und anzeigen?

Ulbrich: Die 110 anrufen. So schnell wie möglich. Viele denken sich, dass es ja nicht so schlimm war und sie die Leitung für „wichtigere“ Anrufe blockieren. Aber das stimmt so nicht. Das ist eine Servicenummer. Wenn Sie sich sofort melden, können wir den Täter vielleicht noch schnappen und andere Taten verhindern. Und Sie erinnern sich vielleicht noch an ein paar Details, die Sie am nächsten Tag nicht mehr ganz so präsent haben. Aber egal ob über die 110 oder eine Anzeige: immer der Polizei melden. Und sei es nur, damit wir wissen, dass es irgendwo einen neuen Brennpunkt gibt.

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