Wenn der Streetworker seine Runde dreht

Von: Nicola Gottfroh
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Alkohol spielt vor allen Dingen bei den Spätaussiedlern, die aus Russland auch nach Erkelenz kamen, eine große Rolle. Es war der Grund für die Stadt, 2001 einen Streetworker einzustellen. Foto: Stock/Becker

Erkelenz. Der Mann, der zügigen Schrittes über den Bauxhof schreitet, sieht eigentlich gar nicht aus, wie der typische Pädagoge. Eher wie ein Mann von Straße mit seinem jugendlich-legeren Look und der besonders „legeren“ Basecap.

Die Mütze, die er auf dem Kopf trägt, ist beige, alt und schon ziemlich mitgenommen. „Sie ist mein Markenzeichen“, sagt Andreas Priesterath. „Ohne die Kappe erkennen mich die Kids auf der Straße manchmal gar nicht.“ Doch dass sie ihn erkennen, ist Sinn und Zweck von Priesteraths Anwesenheit in Erkelenz. Immerhin ist der 50-Jährige Streetworker. Eben ein Mann von der Straße.

Priesterath arbeitet mit jungen Menschen auf dem Weg zum Erwachsenwerden, mit Schülern in der Pubertät, die sich selbst austesten und ihre Grenzen ausloten wollen. Weil das nicht selten auf Kosten mancher Mitbürger geht, ist Andreas Priesterath auf der Straße unterwegs, um möglichen Streit und Ärger der Jugendlichen untereinander und zwischen den Generationen und den verschiedenen Kulturen bereits im Keime zu ersticken.

Denn gerade die kulturellen Unterschiede waren es, die die Erkelenzer zur Jahrtausendwende laut nach einem Streetworker rufen ließen. „Es war ein echtes Politikum“, erinnert sich Priesterath. Vor allem Anfang der 90er-Jahre machten Russlanddeutsche vom Angebot der damaligen Regierung Kohl Gebrauch, die ihnen die Ausreise und Einbürgerung in die Bundesrepublik ermöglichte. Ab 1992 nahm auch die Stadt Erkelenz eine große Zahl Spätaussiedler auf. Obwohl man von Russlanddeutschen sprach, waren vor allem die jüngeren Spätaussiedler in der damaligen Sowjetunion sozialisiert worden. Manche sprachen kaum oder gar nicht Deutsch, trafen sich wie in der Heimat auf der Straße – und auch Alkohol spielte eine größere Rolle.

Ein Streetworker sollte nun die Wogen glätten, zwischen den Fronten intervenieren. Das war vor zwölf Jahren. Und er hat schnell festgestellt: Russlanddeutsche und Einheimische unterscheiden sich kulturell stark. „Aussiedler halten die Familie hoch und zeigten mehr Respekt vor älteren Personen“, so Priesterath. „Gleichzeitig kommen sie aus einer Kultur, in der Streit eher mal mit Fäusten beigelegt wird.“

Inzwischen ist er nicht mehr nur Ansprechpartner für Spätaussiedler, sondern für alle Jugendlichen der Stadt. „Auch, weil sich in den letzten Jahren die Freizeitgestaltung der Jugendlichen allgemein stark gewandelt hat“, sagt der Streetworker. Seit er im Januar 2001 in Erkelenz seine Arbeit aufnahm, habe sich die Zahl der einheimischen Jugendlichen, die abends auf den Straßen und Plätzen unterwegs seien, fast verdreifacht. „Viele Jugendlichen, wollen einfach nur raus von Zuhause, sich dort ohne die Regeln von Erwachsenen austauschen, Freunde treffen, neue Kontakte knüpfen, und vielleicht auch ein Bierchen trinken“, sagt Priesterath. Und dafür suchen sie Orte auf, an denen sie selbst ungestört sein können und so gut wie keine sozialen Kontrollen vorherrschen; aber ebendort fühlen sich oftmals Anwohner und Passanten durch die Präsenz der jungen Leute belästigt.

Top-Treffpunkte sind Parks, Parkplätze, Schulhöfe. „Dass sich die Jugendlichen an diesen Plätzen aufhalten ist, wie man schon ahnen kann, nicht überall gern gesehen. Vor allem, wenn dort Flaschen oder Müll liegen bleiben“, sagt Priesterath. Deshalb macht er sich jeden Abend auf, diese für die Jugendlichen Places-to-be aufzusuchen.

Auch an diesem Tag streift er kilometerweit durch die Stadt. Aber obwohl es Freitagabend ist, sind die Straßen ziemlich leer. Seine erste Station ist der Park an der Skaterbahn, gegenüber einem großen Supermarkt. Eine Gruppe von 20 Russlanddeutschen hat sich dort getroffen, der eine oder andere hat ein Bier in der Hand. Der Park ist für sie nur ein Zwischenstopp. Die Kids warten auf ihr Taxi, um zusammen in die Disco zu fahren. Aber sie freuen sich, Andreas Priesterath zu treffen. Sie plaudern gerne mit ihm. Auch über Belangloses. Heute ist Fußball das Thema.

Es geht aber auch sehr ernst. So wie nur wenige Minuten später an seiner nächsten Station. An einer Wiese an den Grenzen der Stadt haben sich Jugendliche in dieser warmen Sommernacht in ihrem eigenen „Bier-Garten“ getroffen. Alle haben hier Jobs, Erzieherinnen und angehende Metallbauer sind dabei. Doch das spärliche Azubi-Gehalt reicht nicht für teure Diskobesuche, aber sich bei jemandem zu Hause zu treffen, kommt überhaupt nicht in Frage. Ein paar Decken auf der Wiese, Musik und viel Wodka und Bier müssen reichen. Einer der jungen Männer nimmt Andreas Priesterath nach einem kleinen Schnack in der Gruppe beiseite. „Das ist oft so. Probleme, zum Beispiel mit Arbeitgebern, Eltern, Partnern, Behörden oder auch der Polizei werden im kleinen Kreis besprochen.

Und inzwischen wissen die Jugendlichen, dass ich für Rat und Hilfe immer zur Seite stehe, wenn sie nur danach fragen“, sagt Priesterath. Über 600 Mal suchten die Kids im vergangenen Jahr in seinem Büro Rat. Eine große Hilfe für die Jugendlichen – auch wenn sie eine Weile brauchten, das zu begreifen. Erst langsam musste ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Dabei kam ihm der Zufall zur Hilfe. Ein Spätaussiedler mit einem schweren Drogenproblem hatte sich kurz nachdem Priesterath seine Stelle angetreten hatte, an ihn gewandt. „Als letzte Rettung sozusagen“, sagt Priesterath. Gemeinsam suchten sie einen Therapieplatz. Im Gegenzug erklärte der junge Mann seinen Freunden, dass Priesterath „in Ordnung sei“. „Damit war der Knoten geplatzt“, sagt Priesterath.

Seine Taktik: Er lässt den Jugendlichen ihre Freiräume. Er verbietet nicht prinzipiell das Trinken oder Rauchen. „Das würde auch nichts bringen. Dann wechseln die den Platz, machen dort weiter und flüchten vor mir. Die Jugendschutzgesetze habe ich natürlich im Hinterkopf, aber Priorität hat erst einmal, zu den Jugendlichen eine Vertrauensbasis aufzubauen. Nur im Einzelfall, wenn jemand wirklich extrem über die Stränge schlägt, mische ich mich ein“, sagt er. „Aber wir leben ja nicht in einem Überwachungsstaat. Die Jugendlichen sollen sich nicht andauernd beobachtet fühlen, sondern erkennen, dass wir alle gemeinsam in einem Boot sitzen.“

Der Streetworker schaut vielmehr an den informellen Treffpunkten vorbei, um Präsenz zu zeigen, ein offenes Ohr zu haben, aber auch um zu demonstrieren, dass jemand ein Auge auf sie hat. Die Tatsache, dass er einfach als „Freund und Ansprechpartner“ da ist, wenn sie ihn brauchen, ist Voraussetzung dafür, dass sie auch zu ihm kommen, wenn sie tatsächlich einmal Probleme haben. Den erhobenen Zeigefinger zeigt er deswegen nur selten. Nur ein Mantra wiederholt er ständig. „Schraubt den Lärmpegel runter und haltet euren Treff sauber“. Und das bei jeder Gruppe. Und daran erinnert, dass es sonst Ärger mit den Anwohnern gibt, halten sie auch dran. Solange bis Priesterath seine zweite Runde durch die Stadt dreht…

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