Von Ärztemangel in Selfkant keine Spur

Von: Franz Windelen
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Dr. Bernd Beckers im Patientengespräch: „Es gehören Glück und Engagement dazu, junge Kollegen für die ländliche Region zu finden“, sagt der Mediziner. Foto: Severins
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Anne Quack (hinten) und Sabine Bittner sind mit der Anmeldung der Patienten beschäftigt. Ein Mangel an Nachfrage besteht nicht. Foto: Severins

Selfkant. Der Selfkant ist in dieser Hinsicht atypisch. In Zeiten, in denen viele Kommunen im ländlichen Bereich einen dramatischen Ärztemangel beklagen, kann sich die kleine Westgemeinde über fast paradiesische Zustände freuen. Während andernorts die Kranken oft lange Wege und lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen, um beim Doktor vorstellig zu werden, ist die medizinische Grundversorgung im Westzipfel derzeit nahezu vorbildlich.

Medizinische Versorgung ist ein Stück Daseinsvorsorge, um die sich auch die Kommunalpolitik kümmert, kümmern muss. Die süße Pille schluckt Herbert Corsten denn auch gerne. Der Bürgermeister überfliegt flugs das medizinische Feld und lässt Zahlen sprechen. „Momentan haben wir in der Gemeinde drei Praxen mit Allgemeinmedizinern: in Saeffelen gibt es eine Praxis mit vier Ärzten, in Tüddern eine mit zwei Ärzten und in Süsterseel eine mit einem Arzt. Dazu kommen noch zwei Zahnarztpraxen: eine in Tüddern mit vier Ärzten und eine in Höngen mit einem Arzt.“

Corsten liegt wohl nicht falsch in der Einschätzung, dass der Selfkant in seinem kommunalen Gesundheitswesen „mehr als optimal“ aufgestellt ist. Die Gemeinde zählt rund 10.000 Einwohner. Rein rechnerisch gesehen, betreut ein Hausarzt rund 1450 Einwohner – eine Haushaltsabdeckung, die kaum besser sein könnte.

Doch wo ist der Grund für die außergewöhnliche Versorgungsdichte im Selfkant? Bürgermeister Herbert Corsten sucht Erklärungen. „Viele der Praxen sind alteingesessen, existieren teilweise schon in der dritten, vierten Generation. Hinzu kommt, dass die Ärzte im Selfkant offensichtlich einen guten Ruf genießen – auch bei den niederländischen Patienten, die das deutsche Gesundheitssystem zu schätzen wissen.“

Es könnte auch an einer anderen Selfkänter Besonderheit liegen, die das Leben und Arbeiten für die Weißkittel im Westzipfel angenehm macht: „Viele haben hier eine kommunalpolitische Heimat gefunden oder sind gesellschaftlich, etwa in die Frauen-, Jugend- und Vereinsarbeit, eingebunden.“

Wer mutmaßt, der Grund für die große Arztdichte sei in der Bevölkerungsstruktur der 10 000 Seelen starken Gemeinde zu finden, dem hält der Bürgermeister die Basisdaten des Statistischen Landesamtes Information und Technik Nordrhein-Westfalen (anno 2009) entgegen. Ein Blick hinein zeigt, dass sich der Selfkant in den diversen Alterskategorien kaum vom Landestrend und von Kleinstädten im Land abhebt. Etwas mehr als die Hälfte der Einwohner ist jünger als 50 Jahre.

Die Welt ist heile

Die Welt im Westzipfel ist also heile, zumindest was die medizinische Versorgungslage anlangt. Doch der Mann aus und in der Praxis gibt zu bedenken, dass dieser Idealzustand keine Selbstverständlichkeit und erst recht kein Selbstläufer ist. Dr. Bernd Beckers von der Gemeinschaftspraxis Beckers in Saeffelen formuliert es so: „Es gehören Glück und Engagement dazu, junge Kollegen für die ländliche Region zu finden.“ Im Selfkant befinde man sich zwar noch in der komfortablen Lage, viele Ärzte unter 60 Jahren zu haben.

Im nächsten Jahr scheiden zwar zwei Allgemeinärzte altersbedingt aus. Beckers ist jedoch optimistisch, dass sich diese personellen Lücken schließen lassen. „Aber der Nachwuchs drängt sich nicht unbedingt auf. Da muss man sich halt kümmern“, weiß Dr. Beckers aus Erfahrung und verweist auf den eigenen Praxisalltag: „Sie glauben gar nicht, wie schwierig es schon ist, einen Weiterbildungsassistenten zu finden, also einen jungen Kollegen, der zum Hausarzt ausgebildet wird.“

Nicht selten sei Überzeugungsarbeit vonnöten. Die Ärzte in der Westgemeinde können nach Einschätzung von Dr. Beckers damit punkten, dass die Patienten die Dienstleistungen der Mediziner kurzfristig, schnell und ohne lange Wartezeiten in Anspruch nehmen können. Das ist ein Vorteil, das auch die Kranken jenseits der Grenzen für sich nutzen. „Da es in den Niederlanden keine Kinderärzte gibt, haben wir in unserer Praxis deutlich mehr niederländische als deutsche Kinder in Behandlung“, konstatiert Bernd Beckers.

Von einer medizinischen Unterversorgung, wie sie dem Kreis Heinsberg offensichtlich droht, ist der Selfkant noch weit entfernt. Beckers bemüht eine Studie in einer kassenärztlichen Fachzeitschrift, die ein Horrorszenario prognostiziert: In naher Zukunft wird sich der Kreis einer Unterversorgung von 32 Prozent gegenübersehen.

Da liegt tief im Westen noch das gelobte Land, wie auch die Kassenärztliche Vereinigung in ihrer Bedarfsrechnung indirekt feststellte: Die medizinische Versorgung ist momentan so gut, dass keine neuen Ärzte eine Niederlassung bekommen werden.

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