Tankstellen-Überfälle: „Oft Einzeltäter aus der Umgebung“

Von: Christina Handschuhmacher
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So ähnlich wie hier an dieser Tankstelle in Leipzig sah es am 17. November auch in Karken aus, als zwei bewaffnete Männer die dortige Tankstelle an der Roermonder Straße überfielen. Foto: stock/Steffen Schellhorn

Heinsberg/Erkelenz. Ein Sonntagabend Mitte November: Es ist 20.44 Uhr. In 16 Minuten wird die Spätschicht die Esso-Tankstelle an der Roermonder Straße in Karken schließen. Feierabendstimmung. Da treten zwei Männer durch die Tür. Sie tragen schwarze Jacken, haben ihre Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, ihre Gesichter sind maskiert, beide haben Pistolen in der Hand. Dann geht alles ganz schnell.

 „Geld her!“, schreien die Männer die Angestellte an. Einer der beiden stürmt mit vorgehaltener Waffe hinter den Verkaufstresen und greift das Bargeld aus der Kasse. Der andere sucht im Büro nebenan nach Wertsachen. Nach etwa zwei Minuten ergreifen die Männer mit ihrer Beute die Flucht.

So in etwa lief der letzte Raubüberfall auf eine Tankstelle im Kreis Heinsberg ab. Fünf Überfälle dieser Art gab es in diesem Jahr bislang im Kreis Heinsberg. 2011 wurden bei der Polizei sieben Überfälle auf Tankstellen gemeldet, 2012 war es hingegen lediglich ein Fall. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts wurden 2012 bundesweit 808 Raubüberfälle auf Tankstellen begangen – statistisch gesehen sind das 2,2 Überfälle pro Tag.

Gibt es ein bestimmtes Muster nach dem die Täter vorgehen? „In den meisten Fällen haben wir es mit Einzeltätern zu tun, die oft auch aus der Umgebung stammen“, sagt Frank Reuters, Leiter des Kriminalkommissariats 2 bei der Polizei Heinsberg, das unter anderem für Raubdelikte zuständig ist. Die Taten würden meist frühmorgens oder abends stattfinden – dann nämlich sei wenig Kundenverkehr in der Tankstelle und der Mitarbeiter allein.

In den meisten Fällen würden die Täter mit Schusswaffen drohen. Reuters: „Manchmal finden wir später heraus, dass es sich ‚nur‘ um eine Schreckschusspistole gehandelt hat. Aber die Waffen sehen oft täuschend echt aus und die Bedrohungssituation bleibt die gleiche.“

Sowohl die Polizei als auch der ehemalige Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften haben Verhaltenstipps herausgegeben, wie sich Mitarbeiter im Falle eines Überfalls verhalten sollen. Wird man bedroht, sollte man den Anweisungen des Täters folgen. Falls möglich einen vorhandenen Alarm auslösen und keine Gegenwehr leisten.

Iris Erkens kennt diese Regeln. Schon mehrfach hat sie im Kopf durchgespielt, wie sie reagieren würde, sollte eines Tages ein bewaffneter Täter in die Tankstelle kommen, in der sie arbeitet. Erkens ist Stationsleiterin einer Tankstelle in Heinsberg und verfolgt die Überfälle auf Tankstellen in der Region. Gerade in der dunklen Winterzeit habe sie auf der Arbeit oft ein „mulmiges Gefühl“, sagt Erkens. Sie kennt Kollegen, die bereits überfallen wurden und teilweise noch lange mit den Folgen zu kämpfen hatten.

Aber trotz Regeln und Verhaltenstipps sagt Erkens: „Auf einen Überfall kann man sich nicht vorbereiten, das kann immer anders ablaufen. Aber wir weisen unsere Mitarbeiter von Anfang an darauf hin, dass es passieren kann. Sie müssen sich mit dem Gedanken vertraut machen. Alles andere wäre naiv.“

Auch Eigentümer Karl-Josef Hark hat sich schon mit dem Gedanken beschäftigt, dass seine Tankstelle überfallen werden könnte. Seine Tankstelle in Erkelenz-Gerderath ist an ein Autohaus angeschlossen. Hark glaubt, dass das für die Sicherheit von Vorteil ist. „Wir haben nur bis 20 Uhr geöffnet. Aber bei uns ist auch abends nur sehr selten ein Mitarbeiter alleine. Meist sind noch mindestens zwei weitere Kollegen aus dem Autohaus vor Ort.“ Zudem seien rund um die Tankstelle Bewegungsmelder und Kameras installiert. Das helle Licht des Autohauses wirke zusätzlich abschreckend, ist sich Hark sicher.

Und was ist zu tun, wenn doch ein Überfall geschehen ist? „Ein Überfall ist ein Schockerlebnis“, sagt Frank Reuters. „Manche Menschen verkraften das besser, andere sind traumatisiert und brauchen ärztliche oder psychologische Hilfe.“ Die Abteilung für Kriminalprävention und Opferschutz der Polizei Heinsberg betreut Überfallopfer und hilft ihnen, das Geschehene zu verarbeiten.

Ein kleiner Trost: Im Kreis Heinsberg sind die Aufklärungsquoten überdurchschnittlich gut. „Von den fünf Fällen im Jahr 2013 haben wir bereits vier aufgeklärt“, sagt Reuters. „Oft haben wir gute Videoaufnahmen von den Tätern. Und auch die Beschreibungen der Überfallopfer werden immer präziser.“

Erst am Freitag hat die Polizei einen 26-Jährigen aus Baesweiler festgenommen. Der junge Mann hatte gestanden, Ende Oktober innerhalb kurzer Zeit zwei Tankstellen und eine Spielhalle in Geilenkirchen und Übach-Palenberg überfallen zu haben. Die beiden Täter, die die Tankstelle in Karken überfallen haben, hat die Polizei bislang noch nicht gefasst.

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