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Suchtberatung: „Die meisten kommen nicht freiwillig“

Von: Laura Emmerling
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Stets ein Thema bei jungen Leuten: der Cannabiskonsum Foto: Stock/Geisser
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Stets ein Thema bei jungen Leuten: der Cannabiskonsum. Foto: Stock

Erkelenz. Es gibt vieles, was Schüler machen und worüber sie reden – ohne dass die Lehrer davon Ahnung haben. Marihuana rauchen zum Beispiel. Das ist nicht neu, gekifft haben Schüler schon vor 40 Jahren. Doch heute kreist der Joint nicht nur auf Partys, sondern auch auf so manchem Schulhof im Kreis Heinsberg.

Das ist neu: Marihuana als Alltagsdroge. Was macht den Reiz aus, der die Jugendlichen zum Gras greifen lässt?

Konsumenten schreiben dem Qualm eine entspannende und euphorisierende Wirkung zu. Sinneseindrücke wie Farben und Licht verstärkten sich, „und vor allem macht es Spaß“, sagt der 16-Jährige Ben H. aus Erkelenz. „Es gibt einem auch einen gewissen Kick, etwas zu tun, das gegen das Gesetz ist. Die ständige Angst, erwischt werden zu können, ist in der Gruppe eher etwas Lustiges.“ Gesundheitliche Spätfolgen fürchtet er wie die meisten Jugendlichen nicht: „Darüber mache ich mir eigentlich keine Gedanken.“ Sich die Droge zu beschaffen, sei nicht zuletzt angesichts der Nähe zu den Niederlanden auch im Kreis Heinsberg relativ einfach, sagt der Schüler.

Laut Drogenbericht der Bundesregierung ist Cannabis die in Deutschland am häufigsten konsumierte illegale Droge. Aber ist Cannabis auch Thema in den hiesigen Suchtberatungsstellen? „Ja“, bestätigt Horst Petrick, Suchtberater des Gesundheitsamtes in Erkelenz. Allein in die Suchtberatungsstellen Erkelenz, Heinsberg und Geilenkirchen kamen 2012 insgesamt 178 Menschen wegen des Konsums von Marihuana, davon waren 46 im Alter von unter 15 bis 19 Jahren. Eine Zahl auf konstantem Niveau.

„Die meisten kommen nicht freiwillig, sondern weil irgendwer Druck macht: Familie, Freunde, die Schule, das Jobcenter oder sogar die Polizei.“ Denn nur wenige Konsumenten sehen laut Petrick das Kiffen selbst als Pro-blem an. „Viele sehen das Problem eher darin, dass andere ein Problem damit haben.“ Häufig werde das Kiffen erst dann als Schwierigkeit wahrgenommen, wenn die Betroffenen Veränderungen an sich selbst feststellten oder eine solche Rückmeldung von ihrem sozialen Umfeld bekämen.

Doch kann man von Marihuana abhängig werden? Problematisch ist, dass das Kiffen, ähnlich wie das Rauchen, schnell zur Gewohnheit wird. „Angefangen habe ich auf einer Party. Dann habe ich nur am Wochenende Gras geraucht, irgendwann dann auch mal unter der Woche. Mittlerweile kiffe ich so zweimal täglich“, sagt die Erkelenzerin Lena T, 18. Auch Maximilian B. raucht seit dreieinhalb Jahren drei- bis viermal in der Woche Gras. „Es ist schwer, einen Auslöser fürs Aufhören zu finden, wenn man bei sich keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen feststellen kann, auch nicht nach dreieinhalb Jahren“, so der 17-jährige Schüler aus Erkelenz.

Trotzdem mahnt Suchtexperte Petrick, den Suchtfaktor des im Marihuana enthaltenen Stoffs THC (Tetrahydrocannabinol) nicht zu unterschätzen. ‚‚Wir in der Suchtberatungsstelle Erkelenz machen keinen Unterschied zwischen körperlicher und psychischer Abhängigkeit. Was zählt, ist, dass im Betroffenen eine Veränderung vor sich geht.“

Auch Philipp D., 18, hat diese Erfahrung gemacht: „Das Problem ist, dass dir irgendwann alles egal wird.“ Seine schulischen Leistungen hätten sich immer weiter verschlechtert. „Und als ich dann noch die Lust am Sport verlor, habe ich mich dazu aufgerafft, es ein paar Tage sein zu lassen.“ Schon nach kurzer Zeit habe er sich viel fitter und lebendiger gefühlt. Philipp betont: „Es hat mich aber viel Disziplin und einige Versuche gekostet, das Kiffen ganz aufzugeben. Denn wenn dein gesamter Freundeskreis kifft, ist es beinahe unmöglich, aufzuhören. Deswegen habe ich mich auch von diesen Leuten distanziert.“ Nachdem der heute 18-jährige Student aus Erkelenz zwei Jahre lang mehrmals täglich Marihuana konsumierte, beschloss er irgendwann, einen Schlussstrich zu ziehen.

Wie sieht die Situation in anderen Ländern aus? Nicht überall ist die Drogenpolitik so restriktiv wie in Deutschland. Zum ersten Januar dieses Jahres wurden im US-Bundesstaat Colorado offiziell Konsum, Besitz, Anbau und zuletzt Verkauf von Marihuana legalisiert. Washington soll diesem Beispiel zum Ende des Jahres folgen.

Geld für den Staat

In 20 Staaten ist der Konsum von Marihuana zu medizinischen Zwecken bereits erlaubt, auch New York will in diesem Jahr seine Gesetze lockern. In Uruguay beschloss das Parlament im Dezember 2013 sogar, den Verkauf von Marihuana komplett in die Hände des Staates zu legen. Das hat vor allem einen Zweck: Die Regierung will so dem Organisierten Verbrechen den Markt entziehen.

Auch Maximilian B. hält das für wichtig: „Im Handel auf der Straße besteht die größte Gefahr für Raucher, da ihnen so auch härtere Drogen angeboten werden können.“ Außerdem könne man mit der Versteuerung und dem staatlichen Vertrieb von Cannabis „eine große Menge Geld verdienen, wie beispielsweise mit der Tabak- oder Alkoholsteuer“.

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