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Strom abgestellt: Wenn nur noch die Kerze Licht spendet

Von: André Schaefer
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Oftmals leicht zu verhindern: Bis zu einer Sperrung der Stromanlage vergehen laut Grundversorger und Netzbetreiber in der Regel mehrere Wochen. Foto: dpa
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Mit Stromsperren kennt er sich aus: Koordinator Helmut Fuchs Foto: André Schaefer

Heinsberg. Bereits der Gedanke daran, plötzlich in der Dunkelheit sitzen zu müssen, gleicht einem Horrorszenario. Ein Zustand, in dem nur noch das flackernde Kerzenlicht für ein wenig Resthelligkeit in der Wohnung sorgt, ist keiner, den man freiwillig erleben möchte. Und dennoch lernen jährlich mehr als 320.000 Haushalte in Deutschland dieses Gefühl kennen – das Gefühl, wenn plötzlich der Strom abgestellt wird.

Genau genommen sind es 321.539 Haushalte, bei denen es im Jahr 2012 bundesweit zu Stromsperren kam. Herausgegeben hat diese Zahl die Bundesnetzagentur in ihrem jüngsten Monitoringbericht des vergangenen Jahres. Zwar steht die Auswertung für 2013 noch aus, doch die steigende Tendenz der Stromsperren lässt sich schon jetzt ablesen – waren es im Jahr zuvor immerhin rund 10.000 Stromsperren weniger.

Im Dunkeln saß Helmut Fuchs noch nicht, mit Stromsperren kennt er sich dennoch bestens aus. Denn Fuchs ist zuständig für die technische Abwicklung bei der Alliander Netz AG Heinsberg. Der Netzbetreiber der Stadt führt monatlich zwischen 80 und 100 Inkassogänge durch. Beauftragt wird die Alliander vom Energie-Grundversorger der Stadt Heinsberg, der Lekker Energie GmbH.

Der Kunde wird informiert

Einmal im Monat informiert die Lekker Energie GmbH den Netzbetreiber darüber, welche der Kunden sich im Zahlungsrückstand befinden. „Die Rückstände reichen von 100 bis 3000 Euro“, verrät Fuchs. „Wir rücken dann mit unseren Monteuren aus und geben den Kunden vor Ort eine letzte Gelegenheit, ihre Stromrechnung zu zahlen.“

Doch bis es erst soweit kommt, vergehen viele Wochen. Denn lange bevor die Verantwortlichen der Alliander zu ihren Inkassogängen ausrücken, informiert die Lekker Energie GmbH ihre Kunden darüber, dass eine Stromsperre droht. „Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet, unsere Kunden mehrfach auf ihre Zahlungsrückstände hinzuweisen, bevor wir etwas unternehmen“, sagt Heike Klumpe, Sprecherin der Lekker Energie GmbH mit Hauptsitz in Berlin.

Heißt konkret: Zwei Mahnungen mit der Aufforderung, die Stromrechnung zu zahlen, müssen einer Sperrandrohung voraus gehen. Die eigentliche Stromsperre, die erst ab einem Zahlungsrückstand von 100 Euro vorgenommen werden kann, darf frühestens vier Wochen nach der Drohung erfolgen. Zudem ist der Grundversorger verpflichtet, den Kunden nochmals drei Tage vor dem Inkassogang schriftlich über das geplante Erscheinen der Monteure zu informieren. „Wir legen großen Wert auf die Feststellung, dass von jetzt auf gleich niemand im Dunkeln sitzen muss. Ohnehin muss es zu diesem äußersten Fall nicht kommen. Es gibt immer Wege, die gefunden werden können“, weist Klumpe etwa auf Ratenzahlungen oder die Hilfe des Jobcenters hin.

Und doch werden Stromsperren in vielen Fällen nicht verhindert, das gilt auch für die Stadt Heinsberg. Von den rund 100 Inkassogängen kommt es monatlich bei rund 20 Prozent zur Abschaltung des Stroms. „Gerne machen wir das nicht, aber wir werden nun mal als Dienstleister des Grundversorgers dazu beauftragt“, sagt Hans-Gerd Bräkling, Netzbetriebsleiter bei der Alliander AG Heinsberg. „Einen Sport machen wir uns daraus keinesfalls.“

Problem der Einfamilienhäuser

Dabei darf der Aufwand, den die Monteure regelmäßig betreiben, durchaus als sportlich angesehen werden, denn der Ablauf der Inkassogänge erstreckt sich mindestens über zwei Tage: Treffen die Monteure des Netzbetreibers keinen Kunden vor Ort an, müssen sie diesen über ihr Erscheinen schriftlich informieren mit dem Hinweis, am kommenden Tag erneut zu erscheinen. „Ist der Kunde am zweiten Tag erneut nicht antreffbar, montieren wir eine Sperrkappe an dem jeweiligen Stromzähler“, erklärt Fuchs.

Schwieriger gestalte sich ein Inkassogang allerdings bei Einfamilienhäusern, erklärt Fuchs. „Dort haben wir keinen Zugriff auf den Stromzähler. In solchen Fällen wenden wir uns erneut an die Lekker Energie GmbH. Das kann dann sogar bis zu einem richterlichen Beschluss gehen“, sagt der Koordinator der technischen Abwicklung.

Auch Unternehmer betroffen

Von einer speziellen Sparte der Gesellschaft, die regelmäßig von Stromsperren betroffen sei, möchten die Verantwortlichen der Alliander ebenso wenig wie der Grundversorger sprechen: „Natürlich trifft es oft Sozialhilfeempfänger, die Probleme haben, ihre Stromrechnungen zu zahlen. Aber dies nur auf Erwerbslose zu beschränken, ist zu einfach. Wir treffen auf alle Sparten der Gesellschaft“, sagt Fuchs.

Das Licht – so sagt er – gehe nämlich hin und wieder etwa auch bei einzelnen Bauunternehmern in Heinsberg für eine bestimmte Zeit aus. Auch ihnen bleibt dann im besten Fall lediglich ein flackerndes Kerzenlicht.

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