Erkelenz-Immerath - St. Lambertus-Kirche: Letzter Ton der Bronzeglocken verstummt

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St. Lambertus-Kirche: Letzter Ton der Bronzeglocken verstummt

Von: André Schaefer
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In rund 30 Minuten Schwerstarbeit sind mehr als 500 Jahre Geschichte verschwunden: Nach der Entwidmung der St. Lambertus-Kirche in Immerath wurden nun auch die Glocken des Prachtbaus aus den beiden Türmen geholt.
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In rund 30 Minuten Schwerstarbeit sind mehr als 500 Jahre Geschichte verschwunden: Nach der Entwidmung der St. Lambertus-Kirche in Immerath wurden nun auch die Glocken des Prachtbaus aus den beiden Türmen geholt. Foto: André Schaefer
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In rund 30 Minuten Schwerstarbeit sind mehr als 500 Jahre Geschichte verschwunden: Nach der Entwidmung der St. Lambertus-Kirche in Immerath wurden nun auch die Glocken des Prachtbaus aus den beiden Türmen geholt. Foto: André Schaefer

Erkelenz-Immerath. Die Musik hört Marlies Bereit noch ganz genau in ihren Ohren. Es scheint fast, als klängen die Töne bei der Vorsitzenden des Kirchenvorstands St. Lambertus noch ein wenig nach. Dabei ist es schon eine ganze Weile her, dass das Geläut der Kirchenglocken durch Immerath schallte.

 Mitte Oktober vergangenen Jahres fand die offizielle Entwidmung der St. Lambertus-Kirche statt, die schon bald von den Braunkohlebaggern plattgewälzt wird. Rund drei Wochen später gab der Immerather Dom, wie er gerne genannt wird, sein letztes Geläut von sich. „Ich hatte Gänsehaut“, erinnert sich Marlies Bereit.

Dieser Moment liegt bereits mehr als drei Monate zurück. Die Trauer angesichts des schmerzhaften Abschieds von der neuromanischen Kirche mit ihren auffälligen zwei Türmen erhielt jetzt einen weiteren emotionalen Höhepunkt. Obwohl der Begriff Tiefpunkt vielleicht angebrachter wäre. Denn für die sechs Glocken der St. Lambertus-Kirche ging es tief herab auf den Boden der Tatsachen. Auch das letzte Lebenszeichen, das das sterbende Dorf zuletzt noch von sich geben konnte, ist Geschichte. Die beiden markanten Türme der Kirche stehen ab sofort leer.

„Die Glocken waren der Ruf, sie schallten durch den ganzen Ort“, sagt Bereit. „Der Gedanke daran, dass es hier keinen Laut mehr geben wird, wird einem jetzt erst so richtig bewusst. Das ist traurig.“

Viel Zeit zum Trauern blieb den wenigen Beobachtern bei der Glockenentnahme allerdings nicht. Gespannt und mit dem einen oder anderen Tränchen im Auge schauten sie hoch hinauf zum südlichen Turm, aus dem die Glocken per Flaschenzug langsam und vorsichtig nacheinander herausgeholt wurden.

Knapp 30 Minuten waren vergangen, da lagen die vier Bronzeglocken bereits sicher und unversehrt auf dem Anhänger: die Jesus-Maria-Glocke, die Lambertus-Glocke, die Nikolaus-Glocke und die aus dem Jahr 1670 stammende kleinste Glocke, die keinen Namen besitzt. „Sie alle haben einen historischen Wert, den man gar nicht genau beziffern kann“, sagt die Vorsitzende des Kapellenvorstands.

Während die Jesus-Maria-Glocke, die mit 650 Kilogramm die schwerste der vier ist, bereits 1512 hergestellt wurde, stammt die Lambertus-Glocke sogar aus dem Jahr 1496.

Bis auf die Nikolaus-Glocke, die der „Immerather Dom“ erst 1981 dazu gewann und somit noch in einem hervorragenden Zustand ist, werden die anderen drei Glocken aus dem Süd-Turm in den kommenden Monaten in Nördlingen (Bayern) restauriert, ehe sie alle vier ihren Platz in der neuen Kapelle in Immerath (neu) einnehmen werden. „Wir gehen davon aus, dass wir die Glocken im Herbst erhalten“, sagt Johannes Klomp, Architekt der neuen Lambertus-Kapelle.

Bereits einen Tag zuvor hatte die Glockengießerei Mark aus Brockscheid in der Eifel die beiden wesentlich größeren Stahlglocken aus dem Nord-Turm entnommen – ein echter Kraftakt. Denn die Maria-Glocke wiegt stolze 750 Kilogramm, die Sebastian-Glocke sogar mehr als eine Tonne. Ein Stück des Mauerturms musste dabei durchbrochen werden. „Wir hätten sie sonst nicht heraus bekommen“, sagt Matthias Faber von der Glockengießerei. „Da frage ich mich natürlich, wie man die jemals in den Turm transportieren konnte.“

Beide Stahlglocken waren nach dem Zweiten Weltkrieg im Nord-Turm angebracht worden. Erst kürzlich wurden sie an einen Privatmann verkauft. „Die Kombination aus Stahl- und Bronzeglocken findet man nicht oft. Man sagt, es passe nicht zu einander. Ich sage: Es klang wie Musik“, schwärmt Bereit.

Ob sie auch in Zukunft in der neuen kleinen Kapelle in Immerath (neu) ins Schwärmen gerät, bleibt abzuwarten. Vieles wird jedenfalls nicht mehr an die alte geliebte Kirche erinnern. Der Großteil des Kirchenmobilars wurde für sakrale Zwecke verkauft. Der Hauptaltar ging etwa nach Polen und auch die Orgel wurde über einen Makler nach Osteuropa geschafft. „Es ist momentan kein schönes Gefühl, die Kirche zu betreten. Es tut sehr weh“, sagt Bereit. Die Musik der Glocken, die noch still in ihren Ohren klingt, ist nur ein schwacher Trost. Und irgendwann wird auch sie verstummen.

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