Heinsberg - Sexualstraftäter Karl D.: Entscheidung naht

Sexualstraftäter Karl D.: Entscheidung naht

Von: Marlon Gego
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Ein Ort der Kälte und der erhitzten Auseinandersetzung: Am Bahnübergang in Heinsberg-Randerath demonstrieren seit fast einem Jahr Menschen gegen den in der Nähe lebenden Sexualstraftäter Karl D. Foto: Georg Schmitz

Heinsberg. Dass die Demonstranten feuereifrig bei der Sache wären, kann man eigentlich nicht sagen, eher ist es, als harrten sie aus, als hielten sie durch. Am Bahnübergang vor dem Haus der D.s ist es zwölf Grad unter null, Stille, die Nacht stürzt wie eine Decke vom Himmel.

Die Demonstranten versammeln sich hier zum 311. Mal innerhalb von 316 Tagen, sieben von ihnen sind auch an diesem Tag Ende vergangene Woche wiedergekommen. Auf einem kleinen Tisch an den Gleisen stehen eine Kaffeekanne und ein Heizstrahler, sonst ist alles kalt und schneebedeckt. In dem Haus, vor dem sie so aushalten, wohnt Karl D., 58, ein aus der Haft entlassener Sexualstraftäter, den sie laut zum Teufel wünschen.

Seit Ende Februar 2009 lebt Karl D. bei der Familie seines Bruders Helmut in Heinsberg-Randerath, bei dessen Frau und ihrem neunjährigen Sohn. Seit fast einem Jahr wird Karl D. von der Heinsberger Polizei rund um die Uhr überwacht, immer steht ein Polizeiwagen vor dem Haus. Am Mittwoch entscheidet der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe, ob es dabei bleibt, dass gegen D. trotz wiederholt attestierter Gemeingefährlichkeit keine Sicherungsverwahrung verhängt wird. Am Mittwoch geht es also darum, ob D. am Ende trotz verbüßter Strafe wieder ins Gefängnis muss, um die Allgemeinheit vor ihm zu schützen, oder ob D. als freier Mann in Randerath bleiben kann.

Die Demonstranten, die jeden Abend vor dem Haus der Familie D. stehen, wollen nicht hinnehmen, dass das passieren könnte: dass Karl D. ein freier Mann bleibt. Sie haben Transparente aufgestellt, auf denen stehen Dinge wie „Sicherungsverwahrung für Kinderschänder” oder „Schützt Eure Kinder”.

Dass solches Verhalten, zumal in der fortgesetzten Intensität von 311 Tagen, auch provoziert, versteht sich fast. Immer wieder gab es Auseinandersetzungen zwischen Familie D. und den Demonstranten, auch Handgreiflichkeiten. Etwa 30 Anzeigen haben einige der Demonstranten 2009 gegen Karls Bruder Helmut gestellt, auch Helmut versuchte, sich mit Anzeigen zu wehren. Zwischenzeitlich wurde Helmut D. in die Psychiatrie eingewiesen.

Vergangene Woche Dienstag dann ist Helmut D. nach einer Rangelei, wie es im Polizeibericht heißt, mit zwei Männern auf einem Feldweg mit leichten Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Die Polizei ermittelt gegen alle drei Beteiligten wegen Körperverletzung. D.s Rechtsanwalt Wolfram Strauch sagt, die Männer gehörten dem Kreis der Demonstranten an.

Weil er 1982 und 1994 insgesamt drei Mädchen vergewaltigte und quälte, verbrachte der frühere Gabelstaplerfahrer Karl D. insgesamt 17 Jahre und acht Monate im Gefängnis. Bevor er am 27. Februar 2009 aus der Haft entlassen wurde, attestierten Gutachter ihm erneut Gemeingefährlichkeit. Seine Rückfallprognose ist ungünstig, sagen Psychiater. Trotzdem hat das Landgericht München keine Sicherungsverwahrung angeordnet, weil die gesetzlichen Voraussetzungen nicht gegeben waren. Alles andere als eine Bestätigung dieses Urteils durch den BGH am Mittwoch wäre eine Überraschung. Wahrscheinlich bleibt Karl D. verschont.

Ohne der BGH-Entscheidung vorgreifen zu wollen, stellen sich Randerath und der Kreis Heinsberg darauf ein, dass sich an der Situation nichts ändert. Die dauernde Überwachung D.s kostet im Monat etwa 100.000 Euro, von der ständigen Angst einiger Bewohner und sich daraus entwickelnder Routinen ganz zu schweigen. Ortsvorsteher Alexander Schmitz sagt, viele Familien ließen ihre Kinder nun schon seit fast einem Jahr nicht mehr allein auf die Straße, und um am Haus der D.s nicht vorbeizugehen, würden auch größere Umwege in Kauf genommen. „Allein solche Dinge sorgen dafür”, sagt Schmitz, „dass der Fall ständig im Bewusstsein der Menschen hier bleibt.”

Gegen 19 Uhr drängen sich die Demonstranten am Bahnübergang vor dem Haus der D.s zusammen wie frierende Pinguine. Sie tun das nicht, weil sie frieren, sondern damit sie noch besser zu hören sind. Gegen 19 Uhr schreien sie Karl D. ihren Hass ins Gesicht, sie rufen: „Wir wollen keine Kinderschänder, nein.” Früher riefen sie „...Kinderschänderschweine”, aber die Polizei hat darum gebeten, das zu lassen.

Einer sagt, Helmut D. wolle sein Haus verkaufen, der Preis sei schon auf 160.000 Euro gefallen. „Wenn der Kreis mir einen Kredit gäbe, würde ich das Haus kaufen”, sagt er. Man könnte dann eine Begegnungsstätte für die Opfer von Sexualstraftaten daraus machen oder so was. Hauptsache, das Problem Karl D. sei aus der Welt. Aus ihrer Welt.
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