Schwerbehinderte auf dem Arbeitsmarkt: Dominik Jäger hat es geschafft

Schwerbehinderte: Besser qualifiziert, aber oft ohne Chance

Von: Rainer Herwartz
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Dominik Jäger (links) hält die Bewohner im Evangelischen Altenzentrum Hückelhoven „bei Laune“, wie er sagt. Bei Hardy Kraechter gelingt ihm dies auf jeden fall. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberger Land. Rational betrachtet ist es kaum zu erklären. 6,2 Prozent der Arbeitslosen im Kreis Heinsberg (443) seien Schwerbehinderte, sagt Klaus K. Jeske, Pressesprecher der Arbeitsagentur für die Region. „Etwas über 20 Prozent werden in Arbeit vermittelt, bei nicht Behinderten sind es hingegen etwa 40 Prozent. Und das, obwohl die Qualifikationen mindestens gleichwertig sind.“

Etwa 50 Prozent aller schwerbehinderten Arbeitslosen suchten aufgrund einer absolvierten dualen Ausbildung eine Tätigkeit als Fachkraft. Doch die Chancen sind bestenfalls durchwachsen. Einer, der es geschafft hat, ist Dominik Jäger, der seit August als Alltagsbetreuer beim Evangelischen Altenzentrum in Hückelhoven arbeitet.

„Schwerbehinderte Menschen sind im Durchschnitt besser qualifiziert als der generelle Durchschnitt der Arbeitslosen“, sagt Jeske. Doch häufig helfe das nicht. „Viele Menschen arbeiten deshalb in der Werkstatt für Behinderte, obwohl sie auf dem ersten Arbeitsmarkt hätten Fuß fassen können. Wir haben immer noch viele Arbeitgeber, die sich dem verschließen.“ Drei Hauptgründe führt Jeske dafür ins Feld. „Es gibt bei manchen Arbeitgebern die unbegründete Angst, dass sie den schwerbehinderten Mitarbeiter nicht mehr so einfach kündigen können, sollte die Arbeitslage nicht mehr reichen, um alle Mitarbeiter im Unternehmen zu halten. Das ist aber nicht der Fall.“

Ein weiterer Grund seien allgemeine Berührungsängste mit Behinderten und der dritte resultiere aus der Unwissenheit, die zu dem Glauben führe, „wir haben ja gar nicht die richtige Ausstattung im Betrieb, um ihm gerecht zu werden“. Was viele Arbeitgeber nicht wüssten, sollte ein schwerbehinderter Mitarbeiter eingestellt werden, werde bei Bedarf ein technischer Berater zurseite gestellt, der die Gegebenheiten vor Ort unter die Lupe nehme. Wenn Änderungen – selbst baulicher Natur – erforderlich seien, könnten diese durchaus durch ein zur Verfügung stehendes Budget der Arbeitsagentur in einem gewissen Rahmen realisiert werden.

Für Dominik Jäger war all das allerdings gar nicht nötig. Der sympathische 22-Jährige, der mit einem offenen Rücken zur Welt kam und von Kindesbeinen an im Rollstuhl sitzt, hatte nach seinem Hauptschulabschluss an der Linnicher Förderschule beim Malteser Hilfsdienst in Mönchengladbach eine zweijährige Ausbildung zum Betreuungsassistenten durchlaufen und einfach eine Initiativbewerbung an das Evangelische Altenheim Hückelhoven geschickt. Und er hatte Glück. Insgesamt gab es fünf Bewerber auf eine offene Stelle als Alltagsbetreuer für die alten Menschen, die zum Teil schon in unterschiedlicher Ausprägung an Demenz leiden.

Von April an absolvierte Jäger zunächst ein Praktikum in der Einrichtung. Mit Erfolg. „Vom Einfühlungsvermögen und vom Zugang zu den Bewohnern her stach Herr Jäger aus allen Mitbewerbern heraus“, ist Pflegedienstleiter Patrick Trüe mit seinem Neuzugang überaus zufrieden. Auch in Sachen Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sei dies der Fall gewesen. „Wir sind bewusst hingegangen und haben ihn nicht geschont. Wir wollten sehen, ob er den Job auch wirklich haben will. Die anderen Bewerber zeigten dabei nicht so einen Biss. Bei den Bewohnern ist er mittlerweile sehr gut angesehen.“

Dominik Jäger ist nicht der einzige Behinderte unter den rund 120 Mitarbeitern des Altenzentrums. Das liege sicherlich auch an den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten, sagt Sozialpädagogin Ute Ossa-Kühnel. „Wir haben nichts outgesourced. Selbst die Reinigung wird im Haus gemacht.“ Dominik Jäger, der in Schwanenberg lebt, strebte eine halbe Stelle an. In den ersten drei Monaten werde diese komplett durch die Arbeitsagentur gefördert, erläutert Sebastian Schmitz, der als Teamleiter bei der Arbeitsagentur für die Vermittlung von Schwerbehinderten zuständig ist. „Jetzt wird die halbe Stelle noch ein Jahr lang zu 50 Prozent von der Arbeitsagentur gezahlt.“

Und wie fühlt sich Dominik Jäger nun in seinem neuen Job? „Ich komme hier an und habe schon gute Laune“, strahlt er. „Ich kann einfach gut mit alten Menschen umgehen, das macht mir Spaß. Wenn ich da bin, machen die Bewohner plötzlich auch wieder viel selber. Meine Aufgabe ist es, sie bei Laune zu halten. Ich spiele mit ihnen, gehe mit ihnen spazieren oder animiere sie zu kleinen Haushaltstätigkeiten.“ Manchmal lese er den alten Menschen aber auch vor oder mache Gedächtnisübungen mit ihnen. „Die Alltagsbetreuer müssen immer wieder Kurse belegen, um sich weiterzubilden“, sagt Ossa-Kühnel.

Auf Augenhöhe

Dominik Jäger glaubt, dass der erfolgreiche Umgang mit den Menschen im Altenzentrum zum Teil auch daran liege, dass er ihnen als Rollstuhlfahrer „auf Augenhöhe“ begegne. „Das schafft Vertrauen und Nähe.“ Für 22 Senioren ist er zuständig. Sie möchten ihn nicht mehr missen. Das könnte sicher auch vielen Arbeitgebern so gehen, wenn sie den Mut fänden, einem Schwerbehinderten eine Chance zu geben.

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