Powerfrau erobert die Männerdomäne

Von: Nicola Gottfroh
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Wassenberg. Wie stellen Sie sich Deutschlands beste Auszubildende in einem typischen Männerjob vor? Groß, kräftig und im Blaumann? Falsch gedacht! Die Beine der jungen Frau, die lächelnd und gut gelaunt ihre Wohnungstür öffnet, stecken in engen, hellen Röhrenjeans. An den Füßen trägt sie gefährlich hohe Absätze. „Damit gleiche ich meine fehlenden Zentimeter aus“, sagt die 1,58 Meter große 24-Jährige.

Sinn für Mode hat Anja Trzinski, das wird auf den ersten Blick klar. Und trotzdem ist die zierliche Wassenbergerin alles andere als ein Modepüppchen. Sie hat allen bewiesen, dass ein ganzer Kerl in ihr steckt und in einem Beruf, der bisweilen noch von Männern dominiert wird, alle Konkurrenten klar hinter sich gelassen. Und dabei war es ihr auch stets egal, wenn ihre Füße statt in hohen Hacken in derben Sicherheitsschuhen steckten – „zumindest im Betrieb“, sagt sie und lacht.

Bei dem Getränkeverpackungshersteller SIG Combibloc in Linnich ist die Wassenbergerin vor mehr als drei Jahren nach ihrem Abitur mit einer Ausbildung zur Druckerin, Medientechnologin nennt sich der Beruf im Fachjargon, in ihr Berufsleben gestartet.

Ehrung in Berlin

Dass sie einmal die Beste ihrer Zunft werden sollte – die aller Drucker-Auszubildenden im Unternehmen, in NRW und sogar der ganzen Republik – das ahnte die sie damals noch nicht. Auch nicht, dass sie so gut sein würde, dass sie ihre Ausbildung von drei auf nur zweieinhalb Jahre verkürzen würde. Gestern wurde sie in Berlin von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder für ihre Leistungen ausgezeichnet.

Als sie vor mehr als drei Jahren zum ersten Mal die Ausbildungswerkstatt des Unternehmens betrat und die einzige Frau unter Männern war, schockte sie das zunächst. „Ich hatte vorher eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten hingeworfen, weil dieser Beruf absolut nichts für mich war. Doch in diesem Moment zweifelte ich kurz daran, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte“, sagt sie.

Und wie an diesem ersten Tag befürchtet, sei es nicht immer leicht gewesen in der Männerdomäne, erinnert sich Anja Trzinski.

Zum einen deshalb, weil sie die ganz harten körperlichen Arbeiten, die in ihrem Job gefordert werden, oft nicht ohne männliche Hilfe verrichten konnte. „Ich habe mich oft furchtbar geärgert, wenn ich beispielsweise die schwere Rakel in der Maschine nicht alleine wechseln konnte. Die Kollegen dabei immer wieder um Hilfe zu bitten, fiel mir schwer“, sagt sie.

Und auch die Kollegen machten es ihr nicht immer ganz leicht. „Am Anfang haben die Jungs versucht mich zu testen, um herauszufinden, ob ich dem Job auch wirklich gewachsen bin. Aber ich habe ihnen schnell gezeigt, dass man mich ernstnehmen muss“, sagt die Wassenbergerin selbstbewusst.

„Natürlich haben die Kollegen auch später noch so manches Mal versucht, mich zu foppen – aber ich habe gelernt, so etwas an mir abprallen zu lassen und mich ganz den Männern anzupassen“, sagt sie. Wenn ihr in der Folgezeit ein Kollege die Türe aufgehalten hat, sagte sie nur noch: „Mach mal halblang. Wir sind hier in einem Männerbetrieb“, erklärt sie.

Auch wenn es manchmal anstrengend war und ihre mangelnde Körpergröße und fehlende Kraft sie hin und wieder frustrierten – ans Aufhören hat sie nie gedacht. „Nicht eine Sekunde“, erklärt sie. „Dafür sorgte mein Berufsschullehrer schon am ersten Tag. Da hat er sich über die Note auf meinem Abiturzeugnis lustig gemacht – und in diesem Augenblick habe ich mir vorgenommen, es gerade ihm richtig zu beweisen“, sagt sie und grinst breit. „Und von da an habe ich mich voll dahintergeklemmt.“

Von dem Engagement der 24-Jährigen kann auch ihr Ausbilder nur schwärmen. „Anja hatte richtig Biss – und sie hat sich behauptet unter den Männern“, bestätigt Herbert Reis, Leiter der Ausbildungswerkstatt bei SIG Combibloc in Linnich.

Aber nicht nur ihr Ehrgeiz habe ihr geholfen, verrät Reis. „Anja war ja nicht die erste weibliche Auszubildende in unserem Bereich, deshalb konnten wir schon öfter feststellen, dass die jungen Damen ihren männlichen Kollegen während der Ausbildung in manchen Dingen ein Stück voraus sind – insbesondere was Fingerfertigkeit, Geduld oder Kreativität anbetrifft“, plaudert er aus seinem Erfahrungsschatz in der Männerdomäne.

Immerhin spiele Genauigkeit in diesem Beruf eine enorme Rolle: Die Druckmaschinen müssten millimetergenau justiert und eingestellt werden, die Dosieranlage für die Farben müsse punktgenau eingestellt sein, damit die Kunden später im Geschäft ansprechende bunte Milch- oder Saftkartons kaufen können. „Anja hat dabei immer sehr gewissenhaft gearbeitet. Und vor allem hat sie einen Blick für Farben“, sagt Herbert Reis.

Wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte, „dann würde ich alles wieder genauso machen“, sagt Anja Trzinski. „Die Ausbildung war top. Jeder könnte so gut sein, wenn er sich nur richtig reinhängt und viel lernt“, sagt sie. „Dann stehen einem alle Türen offen.“

Dank ihrer guten Leistungen wechselte sie direkt nach der Ausbildung in die Druckvorbereitung im Unternehmen. „Da muss man dann keine Maschinen mehr fahren und nicht mehr schwer heben. Das ist vielmehr organisatorische und koordinierende Arbeit“, sagt sie.

Und auch den Schichtdienst ist sie nun los. Da bleibt mehr Zeit für Freund Daniel, den sie übrigens am Arbeitsplatz kennengelernt hat. Auch er ist Drucker und mächtig stolz auf seine Lebensgefährtin. „Das hat sie richtig, richtig gut hinbekommen. Viele andere hätten das nicht geschafft“, sagt er. Seine Freundin ergänzt mit einem Augenzwinkern: „Und wenn er mal Fragen zum Thema Tiefdruck hat, dann kann er mich fragen. Ich bin schließlich die beste Auszubildende Deutschlands.“ Auch Daniel muss da grinsen. „Aber allerhöchstens zur Theorie. Ich brauche nämlich keine Hilfe beim Rakelwechsel“, betont er nachdrücklich.

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