Heinsberg - Obdachloser pflanzt Sinn in sein Leben

Obdachloser pflanzt Sinn in sein Leben

Von: Nicola Gottfroh
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Wilhelm Caron kümmert sich mit Hingabe um den Kirchgarten. Und das ganz ehrenamtlich. Er macht das nicht nur, weil es ihm so viel Spaß macht, sondern auch, damit er eine Aufgabe hat und dem Wohnheim in der Odastraße entfliehen kann. Foto: Gottfroh
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Sein Revier: Dass rund um die Kirche alles sauber bleibt, dafür sorgt Wilhelm Caron. Foto: Gottfroh

Heinsberg. Wilhelm Caron greift in die Tasche seiner Weste, zieht eine geschälte Knoblauchzehe aus ihr heraus und steckt sich das riechende Etwas in den Mund. Kauend sitzt er auf einer der Bänke in der St. Gangolfus-Kirche.

Was an einen Vampirfilm erinnert, hat nichts damit zu tun, dass die Knolle Böses aus der Kirche vertreiben soll. Nein, die Erklärung ist viel einfacher: „Das gibt die Kraft der zwei Herzen“, sagt Caron. „Und Kraft, die brauche ich auch“, erklärt er.

Denn sein Leben ist härter geworden, seitdem es vor zehn Jahren in Schieflage geriet. „Es ging über einige Jahre schleichend bergab, aber 2004 kam dann der richtige Wumms“, erinnert sich Caron. Das negative Highlight seines Lebens, der Wumms, wie er es nennt, war der Tag, an dem er auch nach seinem Job – Caron ist gelernter Schlosser – und seiner Familie auch noch sein Zuhause in Effeld verloren hat.

Die genauen Umstände, wie es dazu gekommen ist, möchte er nicht in der Zeitung geschrieben sehen. Es sei schon schlimm genug, dass es überhaupt so weit gekommen ist, sagt er.

Wie es weiterging erzählt er dafür ohne mit der Wimper zu zucken: Ohne ein Dach überm Kopf, ohne Geld, ohne Perspektive habe es für ihn nur einen Ausweg gegeben: das Übergangswohnheim für Obdachlose an der Odastraße in Heinsberg. Doch leider wurde die Übergangszeit für ihn länger als erhofft, länger, als er sich je hätte erträumen können.

Heute, zehn Jahre nach dem großen Wumms, lebt er immer noch in der Odastraße. Von Übergang kann inzwischen keine Rede mehr sein.

Aber er hat wieder einen Lichtblick, einen Sinn im Leben gefunden. In der Gangolfuskirche, hoch oben über den Dächern Heinsbergs. „Und das, obwohl ich der Kirche eigentlich nie die Türen eingerannt habe“, sagt er. Zu den gläubigsten Christen gehört Caron heute noch immer nicht. Dafür liebt er das Gebäude und vor allem den Garten rund um die Kirche, die er ehrenamtlich hegt und pflegt. „Der Garten und die Arbeit sind so etwas wie ein Lebenselixier für mich“, erklärt der 63-Jährige.

Seit sieben Jahren kümmert sich Willi Caron nun schon ehrenamtlich um die Anlage. Durch Zufall sei er vor sieben Jahren mit dem Küster von St. Gangolfus in Kontakt gekommen, habe ihm hier und da geholfen. „Und dann ist es immer mehr und mehr geworden. Und irgendwann war ich dann jeden Tag hier oben an der Kirche“, erinnert sich Caron. Seitdem hält Caron die Gartenanlage sauber, pflanzt und gießt Blumen, harkt Beete, schneidet Bäume und übernimmt im Winter den Schneeräumdienst.

„Man könnte sagen, der Ort und die Kirche sind mein Zuhause geworden, die Menschen hier meine Familie“, sagt Caron. „Das ist wohl der Tatsache geschuldet, dass ich kein echtes Zuhause habe. Zumindest nicht mehr“, sagt Caron.

Sein etwa 20 Quadratmeter großen Zimmer in dem Haus an der Odastraße, in dem andere Menschen ohne Wohnung ein- und ausgehen, auch nach zehn Jahren als sein Zuhause zu bezeichnen, kommt ihm nicht in den Sinn. „Ich habe unzählige Male versucht, aus dem Übergangsheim herauszukommen“, beteuert Caron. Ohne Erfolg. „Wenn man einmal die Adresse Odastraße 30 hat, dann ist es schwer, da wieder rauszukommen“, erzählt er. „Dabei ist das Finanzielle das kleinste Pro-blem.“ Mit Unterstützung des Amtes, so sagt der 63-Jährige, könnte er durchaus eine eigene kleine Wohnung finanzieren.

Aber potenzielle Vermieter zuckten schon zusammen, wenn sie hörten, dass Caron in dem Übergangsheim lebe, schildert er seine Erfahrungen. „Wir haben scheinbar nicht den besten Ruf“, sagt der Senior. Und irgendwie, so erklärt er, könne er das auch verstehen. „Die Polizei ist bei uns ein häufiger Gast“, erklärt Caron und verzieht den Mund. „Solange bis meine Situation wieder besser wird, muss ich versuchen, das beste aus meinem Leben zu machen.“ Die Hoffnung freilich, dass sich eines Tages an seiner Wohnsituation noch etwas ändern könnte, die hat er noch nicht aufgegeben. Doch bis dahin hat er sich eines vorgenommen: „So wenig Zeit wie möglich in der Odastraße 30 verbringen. Und so viel Zeit wie möglich hier oben an der Kirche.“ In der ehrenamtlichen Arbeit hat Caron einen Halt im Leben gefunden, die Möglichkeit, dem sonst so tristen Alltag eine Struktur zu geben. Und die Chance ergriffen, etwas für die Gemeinschaft zu leisten.

Solange es gesundheitlich geht, möchte der Senior dieser Arbeit nachgehen. Auch dann noch, falls ihm jemand eine Chance bietet und eine Wohnung vermietet. Jemand, der sich nicht vor einem Menschen mit einer Geschichte und der Leidenschaft für Knoblauch fürchtet.

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