Heinsberg - Naturschutz soll keine Bestrafung sein

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Naturschutz soll keine Bestrafung sein

Von: Rainer Herwartz
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Die Vorentwürfe der Landschaftspläne „Wassenberger Riedelland und untere Rurniederung“ sowie „Baaler Riedelland und obere Rurniederung“ haben vor allem bei den Landwirten im Heinsberger Rat eine Menge Staub aufgewirbelt. Foto: imago/Rust
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Während der Vorstellung der Pläne durch den diplomierten Landschaftsökologen Martin Castor (2. v. l.) äußerten die Mandatsträger viele Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Vorhabens. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Die Landschaftspläne „Wassenberger Riedelland und untere Rurniederung“ sowie „Baaler Riedelland und obere Rurniederung“ haben in den letzten Monaten in den betroffenen Kommunen der Region jede Menge Staub aufgewirbelt. Und dabei handelt es sich erst um die Vorentwürfe zu den Entwürfen der Pläne, die sich mit Landschafts- und Naturschutz befassen.

„Von der Heftigkeit der Reaktionen in der Öffentlichkeit waren wir daher überrascht“, sagte Günter Kapell, Umweltamtsleiter des Kreises Heinsberg. Rund 150 Stellungnahmen aus der Bevölkerung in einem Umfang von bis zu 30 Seiten lägen zur Bearbeitung vor. Die Stimmungslage im Rat der Stadt Heinsberg, dem jetzt die Pläne für die Kreisstadt vorgestellt wurden, lässt vermuten, dass es nicht bei dieser Zahl bleiben wird.

Seit 2009 vorbereitet

Kapell verwies darauf, dass von den acht Planungsräumen im Kreisgebiet ja schon sechs Landschaftpläne in Kraft seien. Der letzte Bereich erstrecke sich entlang der Ruraue zwischen der Landesgrenze und dem Kreis Düren. Schon seit 2009 seien die Pläne vorbereitet worden. Alles sei in Arbeitskreisen in Zusammenarbeit mit Landwirtschaft, Forst und Naturschutz entwickelt worden.

Der Landschaftsökologe Martin Castor von der mit der Ausarbeitung der Pläne beauftragten Grontmij-GmbH aus Mönchengladbach informierte die Mandatsträger über Details. Danach erstrecken sich die Geltungsbereiche der Landschaftspläne nur außerhalb der Ortslagen in Abgleich mit den Bebauungsplänen. Eine Abstimmung sei ebenso mit der EU-Wasserrahmenrichtlinie nötig und zudem müssten naturschutzfachliche Vorgaben berücksichtigt werden.

1998 Hektar Fläche der Stadt Heinsberg entfallen auf Landschaftsschutzgebiet und 333 Hektar auf das noch strengeren Regelungen unterworfene Naturschutzgebiet. Es ist eine Minimierung der Ackerflächen im Naturschutzgebiet Ruraue auf circa sieben Prozent im Landschaftsplan Baaler Riedelland und zehn Prozent im Landschaftsplan Wassenberger Riedelland vorgesehen.

Um dem sich anbahnenden Protest den Wind aus den Segeln zu nehmen, verwies Castor darauf, dass es grundsätzlich keine „randscharfe Parzellierung“ geben soll. Auch die bisherige Nutzung der Gebiete bliebe in der Regel unangetastet. Es bestehe eine „große Ablehnung von Verboten“ der Anwendung von Bioziden oder Düngemittel inklusive Gülle. Ziel der Ausweisung von Naturschutzgebieten sei vielmehr, eine weitere Intensivierung der Nutzung zu verhindern. „Erst in eineinhalb bis zwei Jahren wird es einen Satzungsbeschluss des Kreistages geben“, erläuterte Kapell. Bis dahin werde es weitere Einspruchs- und Anregungsmöglichkeiten geben.

Wie aufs Stichwort machte Heinsbergs Bürgermeister Wolfgang Dieder davon Gebrauch. „Der Bedarf des Plans erschließt sich mir nicht, da bisher mit den Flächen sorgsam umgegangen wurde.“ Zweifellos ein lobendes Wort in Richtung Landwirte, das später Anton Nießen von der CDU-Fraktion aufgriff. „Wir Landwirte sind nicht gegen Naturschutz, sondern wir betreiben ihn aktiv. Wir sehen keine Notwendigkeit für übergestülpten Naturschutz“, machte er klar.

Dieder störte sich überdies an der Formulierung, dass nur eine Nutzung „wie bisher“ möglich sein soll. Denn Landwirtschaft unterliege dem Wandel und einem hohen Flächendruck. „Man sollte darüber nachdenken, dass Regionen Funktionen haben, und unsere ist es, Lebensmittel vom Getreide über die Rübe bis zur Erdbeere zu liefern“, so der Bürgermeister. Als dritten Punkt wollte ihm nicht einleuchten, warum die Menschen in den Naturschutzgebieten ausschließlich auf den Wegen zu bleiben hätten. Er könne sich da noch zu gut an die eigene Kindheit und die Freude erinnern, die es Kindern mache, auch einmal abseits der Wege zu stromern.

Castor entgegnete dem Verwaltungschef, dass es nicht darum gehe, Kinder bei einem Verstoß gegen die Regeln zu belangen, sondern die zu erwischen, die der Natur bewusst Schaden zufügen.

Dass die CDU trotz aller Beschwichtigungsversuche eine äußerst kritische Haltung einnimmt, unterstrich Anton Nießen. „Die geplante Festsetzung von Landschaftsschutzgebieten ist teilweise nicht vereinbar mit unseren städtebaulichen Zielen. So sollen Flächen in Dremmen als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen werden, für die schon Vorplanungen für die Ausweisung von Baugebieten ins Auge gefasst sind.“

Diese Planung werde dann Makulatur, obwohl in Dremmen ein erhöhter Bedarf bestehe. Auch die Frage der Wertminderung von Grundstücken müsse ernst genommen werden, meinte Nießen, der dabei Unterstützung durch Erwin Hausmann von der FDP erhielt. Günter Kapell verwies in diesem Zusammenhang jedoch auf eine Statistik, die alle Verkäufe von Grundstücken in Naturschutzgebieten der letzten 15 Jahre beinhalte. Danach konnte bei 50 Prozent ein Preis oberhalb des Verkehrswertes erzielt werden und bei der anderen Hälfte ein Betrag im Bereich des Verkehrswertes oder „leicht darunter“.

Martin Castor appellierte nicht nur in diesem Punkt an ein Umdenken in den Köpfen: „Der Begriff Naturschutzgebiet wird als Bestrafung verstanden, er sollte aber als Qualitätssiegel verstanden werden“, meinte er.

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