Kreis Heinsberg - Mobilität macht vor dem Tod nicht halt

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Mobilität macht vor dem Tod nicht halt

Von: Norbert F. Schuldei
Letzte Aktualisierung:
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Das Kolumbarium auf dem Kirchhof in Gangelt. Dort gibt es, und das ist ein kritischer Punkt, keinen Ruheplatz für die Angehörigen zur Besinnung. Foto: Schuldei
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Solch prachtvolle Grabsteine wie dieser im Schalom-Park in Hückelhoven gibt es auf Friedhöfen bald nicht mehr. Foto: Schuldei

Kreis Heinsberg. Die zunehmende Mobilität macht auch vor der letzten Ruhestätte nicht Halt. „Die Generation der heute über 50-Jährigen besucht die Angehörigen auf dem Friedhof noch regelmäßig“, sagt Gerd von Helden. „Bei den Jüngeren hat sich das sehr verändert. Die kommen nur noch sporadisch zur letzten Ruhestätte ihrer Angehörigen. Die wohnen oft weit weg.“

 Der Mann weiß, wovon er spricht: von Helden war bei der Stadtverwaltung in der Kreisstadt Heinsberg bis vor kurzem für die insgesamt 19 Friedhöfe im Stadtgebiet, von denen 18 aktiv genutzt werden, zuständig.

Mit dem feuchten Tuch wischen

Der Trend, sagt er, gehe eindeutig zum Wiesengrab: Eine Platte, auf der Name, Geburtsjahr und Todestag festgehalten werden – das genügt; zweimal im Jahr mit einem feuchten Tuch drüberwischen– mehr Pflege ist nicht nötig. „Wir haben in Heinsberg die Wiesengräber Ostern 2011 eingeführt“, erinnert von Helden. „Bis Ende 2011 waren 15 dieser Grabstätten verkauft. Vom 1. Januar bis Ende Oktober in diesem Jahr haben wir schon 29 Wiesengrabstätten verkauft.“ Ende des Jahres werden es wohl 40 sein. Bis zu zwei Urnen und eine Erdbestattung kann in einem Wiesengrab untergebracht werden. Solch eine Grabstätte mit einer Ruhefrist von 30 Jahren kostet in Heinsberg 1926 Euro; die Pflege, das heißt in erster Linie das Rasenmähen, übernimmt die Stadt.

In Deutschland ist bekanntlich fast alles amtlich geregelt. In gewisser Weise auch der Tod. Zumindest das, was nach dem Tod auf Erden passiert. Das Bestattungsrecht ist Ländersache, in Bayern wird anders beerdigt als in Mecklenburg-Vorpommern. Von der Ostsee bis zu den Alpen besteht allerdings übergreifend die Pflicht zu bestatten – und das schon seit dem Mittelalter. Aus dieser Zeit und wohl auch aus christlicher Tradition war bis vor nicht langer Zeit die Erdbestattung die Regel. Das hat sich seit einigen Jahren geändert, und das äußere Erscheinungsbild der „Gottesäcker“ wird sich in kommenden Jahren weiter nachhaltig wandeln.

„Urnen- und Wiesengräber werden das Äußere der Friedhöfe prägen. Die Grabstätten mit Einfassung und Bepflanzung, die jetzt noch dominieren, wird es in 30 Jahren auf den Friedhöfen nicht mehr geben“, sagt Gerd von Helden. „Der an der Waldenrather Straße in Heinsberg wird wahrscheinlich zu einem Park umgestaltet.“ Er sagt das mit Nachdruck. In der wunderschönen Anlage hat vor einem Jahr die letzte Beisetzung stattgefunden. „Da sind alte Grabsteine liebevoll hergerichtet worden, unter anderem auch der des evangelischen Pfarrers in Heinsberg aus dem Jahr 1883.“

Auch der historische evangelische Friedhof an der Parkstraße im Herzen der Stadt Hückelhoven ist heute eine Anlage; Beisetzungen fanden dort von 1829 bis 1974 statt, der Schalom-Park wurde 2010 eröffnet. Dort wurden ebenfalls alte Grabsteine restauriert, die Wege mit Blaustein ausgelegt; die Anlage gilt heute gleichermaßen als Treffpunkt wie als Oase der Ruhe mitten im emsigen Gewusel des Stadtverkehrs. Von Steinmetzen kunstvoll bearbeitete Grabsteine wie solche auf diesen beiden Friedhöfen werden künftige Generationen eher nicht mehr auf ihre letzte Ruhestätte setzen lassen.

In vielen Gemeinden im Kreis gibt es eine Form der Bestattung, die in Heinsberg – „Bei uns ist ein Bedarf nicht erkennbar“, sagt Gerd von Helden – und in Hückelhoven nicht angeboten wird: Das Kolumbarium. „Unser Kolumbarium hat ein wenig den Charakter von Friedhofs-Appartements“, sagt Gangelts Pfarrer Gottfried Graaff. Ihm fehlt an den beiden mauerähnlichen Gebilden auf seinem Kirchhof, worin die an die Verstorbenen erinnernden Platten eingelassen sind, das „Kontemplative“. Der Ort ist dem Geistlichen zu flüchtig.

Auf dem Erkelenzer Friedhof gibt es schon seit vielen Jahren zwei Kolumbarien: Die beiden Häuschen am Eingang Schulring dienen als Urnengrabstätten; in Lövenich wurde vor kurzem ein Kolumbarium im ehemaligen Aufbewahrungsraum auf dem Friedhof eingerichtet. Insgesamt gibt es in Erkelenz derzeit 584 Kammern für Urnenbestattungen, 481 davon auf dem Zentralfriedhof. In Lövenich werden seit dem Sommer 103 Kammern für eine Urnenbestattung bereit gehalten.

In Wegberg hat sich der zuständige politische Ausschuss mit der Anlegung eines Kolumbariums im Bereich der Totenhalle auf dem Stadtfriedhof beschäftigt. Die Christlich Demokratische Union begründete ihren Antrag damit, dass die Kühl- und Verwahrräume kaum noch genutzt würden. Grund: Die Bestatter haben inzwischen meist selbst solche Räume. Die Professionalisierung des Bestattungswesens schreitet voran. Auch hier also ist der Wandel bereits weit fortgeschritten.

So rasch der Umbruch auf den Friedhöfen auch Platz greifen mag – er wird reglementiert. „Ja, die Maße sind festgelegt: Die Namensplatte auf einem Wiesengrab misst 40 mal 50 Zentimeter“, sagt Gerd von Helden. „Das Urnengrab ist 0,7 mal 0,7 Meter, also 0,49 Quadratmeter groß, das Reihengrab misst 2,10 mal 0,90 Meter, also 1,89 Quadratmeter“. Damit auf dem Friedhof im Wandel alles seine Ordnung hat. Auch die Gebühren für ein Grab sind genau festgelegt.

Allerdings darf die Stadt nach Recht und Ordnung, nach dem Gesetz also, mit den Gebühren keine Gewinne machen. Das zumindest ist doch tröstlich ...

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