Mit Abenteuerlust nach old Germany

Von: Nicola Gottfroh
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Gastvater Ralf Hess, Jessica Barkley, Pate Thomas Rachel, Marianne Richardson und ihr Gastvater Rainer Philippen aus Erkelenz, Stufenleiter Christof Schröder und Annegret Krewald, Schulleiterin des Kreisgymnasiums, freuen sich über die Spracherfolge der Stipendiatinnen. Foto: N. Gottfroh

Heinsberg/Erkelenz. Die junge Frau mit den hellen Dreadlocks und das Mädchen mit den langen blonden Haaren fallen sich in die Arme. Obwohl sie rein optisch kaum unterschiedlicher sein könnten, freuen sie sich jedes Mal riesig, wenn sie sich sehen. Immerhin haben sie trotz aller augenscheinlicher Unterschiede eine große Gemeinsamkeit, die sie eng zusammenschweißt. Denn beide haben ihre Heimat verlassen, um ein Jahr in der Fremde zu leben.

Aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat es sie in den Kreis Heinsberg verschlagen. Seit August leben sie bei ihren Gastfamilien in Schafhausen und Erkelenz.

Neugier und Furcht, Heimweh und Abenteuerlust – selten erlebten Jessica Barkley und Marianne Richardson zuvor ein solches Wechselbad der Gefühle wie in den vergangenen sechs Monaten.

Die beiden jungen Amerikanerinnen nehmen am Parlamentarischen Patenschafts-Programm (PPP) vom Deutschen Bundestag und dem US Kongress teil. Ihr Pate ist der Bundestagsabgeordnete Thomas Rachel. Und da die Mädchen nun in die zweite Halbzeit ihres Deutschlandaufenthaltes starten, besuchte der Politiker seine „Schützlinge“, deren Gastväter und Lehrer im Kreisgymnasium Heinsberg, um sich nach dem Wohlbefinden und den Sprachfortschritten der jungen Frauen zu erkundigen.

Dass der Besuch des Paten gerade in der zweiten Hälfte des Aufenthalts stattfindet, hat einen ganz besonderen positiven Aspekt: Die beiden Stipendiatinnen können bereits in astreinem Deutsch auf die Fragen des Politikers antworten. Deutschland sei fantastisch, erzählt die 17-jährige Jessica aus der Kleinstadt Longview in Washington. Obwohl sie vor sechs Monaten noch kein Wort der fremden Sprache sprach, unterhält sie sich nun in fließendem Deutsch mit dem Politiker, der von dem Sprachtalent der jungen Amerikanerin begeistert ist. „Es ist erstaunlich, wie gut Jessica die Sprache gelernt hat“, lobt auch ihr Stufenleiter am Kreisgymnasium Heinsberg, Christof Schröder.

Auch der 18-jährigen Marianne aus Portland, Oregon, hat der Aufenthalt insbesondere, was die Sprache betrifft, schon viel gebracht. Obwohl sie vorher schon ziemlich gutes Deutsch sprechen konnte – immerhin stammt ihre Mutter aus Bayern. Sie erklärt: „Deutschland ist so schön. Aber auch so ganz anders, als ich es mir aus den Erzählungen meiner Mutter vorgestellt haben – viel weniger bayerisch.“

Neben Bergen vermissen die beiden Frauen in Deutschland insbesondere etwas für Schüler in Amerika Selbstverständliches: ihren Führerschein. „Zu Hause durfte ich schon mit 16 Auto fahren. Das vermisse ich hier total“, sagt Jessica. Denn: „Mit Auto wäre es viel leichter, aus Schafhausen rauszukommen. So fahre ich jetzt wieder Fahrrad“, erklärt sie und lacht.

Und noch etwas haben die Stipendiatinnen in den vergangenen Monaten festgestellt: Das Thema Schule in seiner ganzen Bandbreite ist in Deutschland ein vollkommen anderes als in den USA. In ihrer Heimat würde am Vormittag gelernt, am Nachmittag gestalteten die Schüler ihr gesamtes Freizeitprogramm in der Schule – egal ob Sport, Musik oder Kunst. „In Deutschland muss man erst einmal lernen, seine Freizeit selbst zu gestalten, sich Sportvereine oder Musikschulen zu suchen. Das ist eine Riesenumstellung“, sagt Marianne, die derzeit in Erkelenz lebt und das Cornelius Burgh Gymnasium besucht.

„Es ist schon Paradox: Auch wenn in Deutschland früher Schulschluss ist als in den USA – der Aspekt Lernen nimmt hier einen viel größeren Stellenwert ein. Die deutschen Schüler sind ernsthaftere Schüler“, hat Jessica festgestellt. Das sei aber auch kein Wunder – „denn in Deutschland ist es viel schwieriger, eine eins zu bekommen als bei uns zu Hause“, findet Marianne.

Und so ist der Englischunterricht für die beiden verständlicherweise die leichteste Übung. Aber obwohl ihre neuen Freunde sehr pflichtbewusste Schüler seien, wüssten sie das Wochenende mit Spaß zu füllen. Etwa beim Tanzen in der Disko. „Wir waren schon mit unseren Klassenkameraden in Himmerich und im Cheetah. Diskos kannte ich aus den Staaten nun wirklich noch nicht“, sagt Jessica. Denn auch wenn die amerikanischen Schüler mit 16 ihren Führerschein machen und alleine ein Auto lenken dürfen – vor dem 21. Geburtstag sind die Tanzschuppen für junge US-Bürger tabu.

Auch wenn Jessica und Marianne in den vergangenen Monaten so viel Neues erlebten, dass kaum Zeit zum Grübeln blieb, überkam sie doch manches Mal das Heimweh. Vor allem an Weihnachten kullerten die Tränen.

Schmerzhaft wird für die Mädchen gewiss auch der Abschied am 20. Juni. Die Gewissheit, dass zwischen ihnen und ihrer liebgewonnen Gastfamilie dann der Atlantik liegt, wird die Mädchen treffen. Wenn Jessica und ihrer Gleichaltrigen Gastschwester Rebecca bewusst wird, dass sie nicht mehr zusammen lernen und auf die Piste gehen können, wenn sich Marianne von ihren Gasteltern und ihren zwei- und vierjährigen Erkelenzer Geschwistern verabschieden, dann kullern gewiss wieder die Tränen. Aber bis dahin haben die Mädchen ja noch einige Monate Zeit, Deutschland unsicher zu machen. Und das ist sicherlich keine Zeit, um Trübsal zu blasen.

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