Mini-Jobs nehmen dramatisch zu

Von: Rainer Herwartz
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Das Friseurhandwerk ist neben der Gastronomie eine Domäne für Mini-Jobber. Wenn es um die spätere Rente geht, werden die Arbeitskräfte allerdings schlecht abschneiden. Foto: Stock/Karo

Heinsberg. Immer mehr Menschen im Kreis Heinsberg brauchen einen Zweit-Job: Mehr als 7200 Berufstätige waren im vergangenen Jahr auf einen zusätzlichen Mini-Job als Einnahmequelle angewiesen. Das geht aus einer Untersuchung hervor, die das Pestel-Institut in Hannover im Auftrag der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) gemacht hat.

Demnach ist die Zahl derjenigen, die neben ihrer Hauptbeschäftigung noch einen Mini-Job als Nebenjob haben, in den vergangenen Jahren im Kreis Heinsberg drastisch gestiegen: „Blickt man zehn Jahre zurück, so hat es eine Zunahme von rund 142 Prozent gegeben“, sagt Studienleiter Matthias Günther vom Pestel-Institut. Im vergangenen Jahr hätten sich mehr als sieben Prozent der Beschäftigten im Kreis Heinsberg mit einem 400-Euro-Job nebenher etwas dazuverdient, um über die Runden zu kommen.

Werden diese Zahlen schon von den Gewerkschaften als Besorgnis erregende gesellschaftliche Entwicklung gedeutet und als verdammenswert angesehen, so dürfte sich dies noch potenzieren, wenn sich jemand ausschließlich mit Mini-Jobs über Wasser halten muss, weil eine Vollzeitanstellung einfach nicht zu kriegen ist oder die Lebensumstände es nicht zulassen.

Gerade alleinerziehende Mütter sind hiervon oft betroffen. Die Heinsbergerin Yvonne Ohligschläger ist eine von ihnen. Mit uns sprechen wollte sie gerne, auf ein Bild in der Zeitung aber lieber verzichten.

Rund sieben Jahre ist es her, dass die junge Mutter, damals noch hoch schwanger mit ihrer heute sechsjährigen Tochter, die Meisterprüfung im Friseurhandwerk ablegte. Die Welt schien noch rosarot für die kleine Familie. „Ich habe 2003 geheiratet und mit meinem Mann ein Jahr später ein Haus gekauft.

Anfangs waren wir euphorisch, alles funktionierte klasse, auch die Abtragung des Kredites. Das änderte sich mit der Geburt meines Sohnes vor vier Jahren, als mein Mann dann einige Zeit später seinen Job verlor.“ Plötzlich, so erzählt die hübsche 31-Jährige mit den wachen blauen Augen, habe das Geld nicht mehr gereicht. Zwar sei es ihrem Mann gelungen, recht schnell wieder eine Anstellung zu finden, doch der neue Arbeitgeber habe weniger und nicht so regelmäßig gezahlt. „Das hat einem am Ende regelrecht den Hals zugeschnürt.“ Leider blieb auch die Ehe durch die ständige Belastung auf der Strecke.

„Es fanden keine Gespräche mehr statt und jeder war nur noch mit seinen eigenen Pro-blemen beschäftigt. Als es gar nicht mehr ging, bin ich im Januar 2012 nach einer Mutter-Kind-Kur ausgezogen und lebte erstmal von Hartz IV.“ Mittlerweile lebt Yvonne Ohligschläger auch in Scheidung.

Wer jedoch glaubt, die junge Mutter habe sich nun wegen ihrer neuen, prekären finanziellen Lage gegrämt, wird überrascht sein. Denn die 31-Jährige hatte ein ganz anderes Problem. „Von Hartz IV kann man als alleinstehende Mutter mit zwei Kindern sehr gut leben. Ich konnte sogar noch etwas für kleine Anschaffungen zurücklegen. Aber man wird unzufrieden, faul und träge.“

Und genau das widerstrebte der jungen Frau, „außerdem schämte ich mich, wenn ich erzählten musste, dass wir von Hartz IV lebten. Das war nichts für mich. Ich stamme aus einer Familie, in der jeder immer gearbeitet hat. Mein Vater ist sogar ein richtiger Workoholic.“

Im Juli letzten Jahres fand Yvonne Ohligschläger dann in einem Friseursalon in Hückelhoven ihren ersten Mini-Job. „Morgens um 5.40 Uhr bin ich aufgestanden und habe die Kinder aus dem Bett gescheucht, die bis 7.45 Uhr im Kindergarten sein mussten, damit ich gegen 8.15 Uhr den Schnellbus erwischte, um pünktlich um 9 Uhr bei der Arbeit zu sein.

An einem halben Tag in der Woche frisierte sie zudem die alten Herrschaften im Heinsberger AWO-Seniorenheim. „Mittlerweile arbeite ich an drei Abenden in einer Gaststätte und von dienstags bis freitags jeden Morgen in einem Friseursalon in Heinsberg – und freitags auch am Nachmittag.“ Das funktioniere nur, weil es wieder einen neuen Mann im Leben der jungen Frau gibt, der bei ihr eingezogen ist.

„Als Friseurin verdient man leider nicht die Welt“, sagt die Zweifachmutter mit dem frechen, dunkelrot gefärbten Kurzhaarschnitt. „Um mit zwei Kindern aus dem Leistungsbezug herauszukommen, müsste ich schon eine Vollzeitstelle haben, was in dieser Branche aber bis in den Abend hineinreicht, womit die Kinderversorgung dann schon wieder hinfällig wäre.“

Über ein quasi gesetzlich geregeltes Ärgernis kann Yvonne Ohligschläger in diesem Zusammenhang nur den Kopf schütteln. „Seitdem ich meinen neuen Lebenspartner bei mir in der Wohnung angemeldet habe, wurde mir Hartz IV komplett gestrichen, was zur Folge hat, dass es mir und meinen Kindern finanziell nun schlechter geht als zuvor.“

Denn die Wirtschafts- oder Bedarfsgemeinschaft, die von den Behörden skizziert werde, existiere faktisch nur auf dem Papier. Der neue Lebenspartner arbeite nämlich als Elektriker in Neuss, lebe selbst in Scheidung und habe noch eine Tochter, die es finanziell zu versorgen gelte. Allein die Fahrtkosten zum Arbeitsplatz würden im Monat zwischen 400 und 500 Euro verschlingen. Da bleibe nicht mehr viel übrig.

Doch das sei beileibe nicht alles. „Da ich in den Mini-Jobs nicht krankenversichert bin, muss ich mich jetzt selbst freiwillig gesetzlich krankenversichern.“ Ein weiteres Problem ergebe sich zudem in puncto Rente. „Wenn sich an der jetzigen Situation nichts ändert, steht schon fest, dass ich im Alter wieder in den Hartz IV-Bezug rutschen würde, wo ich vehement gegen ankämpfen werde.“

Wer die sympathische Frau mit dem Kämpferherzen erlebt, glaubt ihr aufs Wort. Vielleicht schafft sie es ja, eines Tages ihren Traum von der Selbstständigkeit zu verwirklichen. Dass es etwas mit dem Friseurhandwerk zu tun haben wird, steht fest, „denn das ist meine Leidenschaft“, sagt sie. Mehr möchte sie aber noch nicht verraten.

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