Heinsberger Land - Maria, Hedwig und Josef rufen zum Gebet

Maria, Hedwig und Josef rufen zum Gebet

Von: Guido Jansen
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Küster Hans Schaaf kennt die besondere Geschichte der Hedwig-Glocke in Hilfarth. Fotos (3): Guido Jansen Foto: Guido Jansen
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Glocke mit Migrationshintergrund: Die Hedwig-Glocke im Kirchturm läutete ursprünglich im schlesischen Weigelsdorf. Im Zweiten Weltkrieg sollte sie eingeschmolzen werden. Jetzt klingt sie in Hilfarth. Foto: Guido Jansen
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Glocke mit Migrationshintergrund: Die Hedwig-Glocke im Kirchturm läutete ursprünglich im schlesischen Weigelsdorf. Im Zweiten Weltkrieg sollte sie eingeschmolzen werden. Jetzt klingt sie in Hilfarth. Foto: Guido Jansen

Heinsberger Land. Sie heißen Maria, Hedwig, Josef oder Leonhard. Wenn sie sich rühren, dann wissen die Menschen, was die Stunde geschlagen hat. Die Rede ist von Glocken, die seit Jahrzehnten und manchmal sogar seit Jahrhunderten in den Türmen der Kirchen im Heinsberger Land klingen.

Trotz ihres großen Gewichts – so manche Glocke wiegt mehr als zwei Tonnen – hängt in fast jedem Kirchturm eine Glocke, die eine bewegte Geschichte hinter sich hat. Beispielsweise in Hilfarth, gut 25 Meter über dem Boden der Kirche St. Leonhard. Die Hedwig-Glocke ist zwar fast 300 Jahre alt. Das Handbuch des Bistums Aachen nennt 1716 als das Jahr, in dem sie gegossen wurde. 1715 steht in großen Buchstaben auf der Glocke selbst. „Bei uns ist die Glocke erst seit 1952”, erzählt Küster Hans Schaaf über das 750 Kilogramm schwere Geläut aus Bronze.

Die Hedwig-Glocke hat einen langen Weg hinter sich. Sie ist eine so genannte Paten-Glocke, die bis zum Zweiten Weltkrieg im schlesischen Weigelsdorf geläutet hat. Weil Hitler-Deutschland das Bronze der Glocken verwenden wollte, um daraus Kanonenrohre zu gießen, haben viele Kirchen der Region ihr Geläut in den 40er-Jahren verloren. Einen solchen Kahlschlag im Kirchturm gab es auch in Hilfarth. Und weil die Pfarre St. Leonhard kein Geld hatte, um eine Glocke gießen zu lassen, erhielt sie Verstärkung vom so genannten Glockenfriedhof in Hamburg. Dort lagerten vor allem Glocken aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten im heutigen Polen.

Nach dem Krieg wurden Pommern, Ostpreußen und Schlesien polonisiert. Viele Deutsche wurden vertrieben oder sie wanderten vor lauter Frust und Angst aus in Richtung Westen. Für die Glocken gab es keinen Weg zurück mehr. Denn alles, was deutsche In- oder Aufschriften hatte, war verpönt. Weil der Bedarf in den Kirchtürmen groß war, wurden die Glocken aus den ehemaligen Ostgebieten auf Pfarren im Westen verteilt. Alleine vom Glockenfriedhof Hamburg aus wurden 120 Kirchtürme bestückt. Unter anderem der in Hilfahrt. In Straeten läutet eine Glocke aus Schöneberg bei Danzig aus dem Jahr 1761, das Bronzegeläut in Houverath stammt aus Berchenwald in Schlesien und wurde 1469 gegossen.

Die beiden Weltkriege markieren die größten Einschnitte, was das Alter der meisten Glocken angeht. Entweder das Geläut ist viele Jahrhunderte alt, weil es trotz des Rüstungswahns nicht eingeschmolzen wurde. Oder es stammt aus dem 20. Jahrhundert. Die älteste Glocke im Norden des Kreises Heinsberg läutet im Turm der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Wegberg. Sie stammt aus dem 12. Jahrhundert und könnte damit 900 Jahre alt sein. Laut des Handbuches für das Bistum Aachen läutet von St. Barbara in Hückelhoven eine Glocke aus dem 13. Jahrhundert.

Erstaunlich, angesichts der Tatsache, dass Bergleute das weiße Gotteshaus erst 1933 gebaut haben. „Die Glocke stammt von St. Lambertus”, erklärt Arnold Heinen, der ehemalige Vorsitzende des Kirchenvorstandes in Hückelhoven. „So wurde die spätere Fusion von St. Lambertus und St. Barbara mit der Glocke vorweggenommen”, sagt Heinen. Die Kirche St. Lambertus stammt, wie ihre ehemalige Glocke, aus dem 13. Jahrhundert. Das aktuelle Geläut ist noch vergleichsweise jung, die älteste Glocke wird 2013 100 Jahre alt. Ebenfalls ein Guss des 13. Jahrhunderts sind die älteste Glocke aus dem Turm von St. Cosmas und Damian in Holzweiler sowie die älteste Glocke aus St. Martin in Steinkirchen.

Viele der Bronze-Kolosse sind im 14. und 15. Jahrhundert entstanden. Ein Großteil von ihnen stammt aus dem ehemaligen Aachener Betrieb der Familie von Trier. Das gilt beispielsweise für eine Glocke aus St. Dionysius in Doveren (1499) oder St. Lambertus in Immerath (1496). Letztgenannte verstummt am 13. Oktober, wenn die Kirche entwidmet wird, weil sie dem Tagebau weichen muss. „Einen Tag vorher findet eine Hochzeit statt. Dann läuten zum letzten Mal alle sechs Glocken”, sagt Küster Theo Küppers. Anschließend zieht die alte Glocke mit drei ihrer Schwestern um. Im Gegensatz zu den Paten-Glocken droht ihr nicht der Friedhof. „Sie bekommt eine neue Heimat in der Begegnungsstätte in Neu-Immerath”, berichtet Küppers.

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