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Lilly Houben führt ein Leben für den Sport

Von: Anna Petra Thomas
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Alles, was ihre sportlichen Leistungen dokumentiert, hat Lilly Houben ihr Leben lang gesammelt. Foto: Anna Petra Thomas
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1960 turnte sie am Stufenbarren bei den Gerätemeisterschaften in Porselen. Sie gehörte zur Mannschaft des TV Heinsberg, die die Meisterschaft gewann. Repro: Anna Petra Thomas
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Fein säuberlich eingeklebt: 10 Pfennig kostete 1955 der Monatsbeitrag beim TuS Oberbruch. Foto: Anna Petra Thomas

Heinsberg-Lieck. Wenn es ums Turnen geht, aber auch um Leichtathletik oder Gymnastik, führt im Heinsberger Land an einer Frau kein Weg vorbei: Lilly Houben aus Lieck ist bereits seit 63 Jahren in diesen Sportarten aktiv. In diesem Jahr wird die ambitionierte Freizeitsportlerin und Übungsleiterin ihrer langen Erfolgsliste einen weiteren Höhepunkt hinzufügen.

Sie wird zu ihrem Sportabzeichen ein kleines goldenes Eichenblatt erhalten, in dem die Zahl 50 steht. Die Zahl der Menschen in Nordrhein-Westfalen, die ebenfalls bereits 50 Mal ihr Sportabzeichen geschafft haben, ist nicht sehr groß. Lediglich 73 waren es im Jahr 2015.

Die Zahl für 2016 stehe noch nicht fest, weil noch bis Februar dieses Jahres Ergebnisse nachgemeldet werden könnten, heißt es vom Landessportbund. Gar kein Fünfziger kam 2015 aus dem Kreis Heinsberg, nur einer ist Lilly Houben noch voraus: Karl-Heinz Förster aus Geilenkirchen erhielt 2015 bereits sein 55. Sportabzeichen.

Um etwas gegen ihre „Haltungsschäden“ zu unternehmen, war die damalige Schafhausenerin Elisabeth Bohnen, so ihr Geburtsname, im Alter von 13 Jahren in den Turn- und Spielverein (TuS) Oberbruch eingetreten. Doch schon nach wenigen Wochen waren die Probleme mit dem Rücken vergessen und die Leidenschaft für den Sport geweckt. „Als ich Anfang der 50er Jahre zum TuS kam, lag der Mitgliedsbeitrag noch bei zehn Pfennig“, erinnert sich Lilly Houben. Und sie kann das sogar belegen, denn sie hat alle Dokumente ihrer sportlichen Laufbahn aufgehoben und bewahrt sie fein säuberlich geordnet auf.

Auf ihrem Esszimmertisch türmen sich neben den alten Mitgliedskarten der Vereine, in die sie jeden Monat ihre Beitragsmarke eingeklebt hat, auch große Mappen mit Urkunden und alte Zigarrenkistchen. Was sich darin befindet? „Das waren früher unsere Pokale“, schmunzelt sie und zieht aus einer Kiste unzählige Stoffschleifen hervor, die mit Eichenlaub zusammengehalten werden. Sie waren an Eichenlaubkränzen befestigt, die erfolgreiche Sportler früher bei der Siegerehrung auf dem Kopf trugen. Alle hat sie aufbewahrt, bis zurück ins Jahr 1953. Die Kränze dazu liegen noch im Keller in Kartons. „Das waren noch Zeiten“, sagt Lilly Houben beim Blick auf ihre alten Schätzchen. „Die 75 Meter sind wir damals noch über Feldwege gelaufen.“

Ihre größten Erfolge erzielte die Sportlerin im strapaziösen Siebenkampf, der aus vier Disziplinen im Geräteturnen und drei in der Leichtathletik besteht. „Ich hatte einfach viel Kraft und wusste sonst nicht, wohin damit“, sagt sie. Schon 1958, ein Jahr nach ihrem Wechsel zum TV Eintracht Heinsberg, belegte Lilly Houben beim deutschen Turnfest in München unter 3500 Starterinnen in ihrer Klasse Platz 170.

Weitere fünf Jahre später in Essen stand sie bei mehr als 3000 Teilnehmerinnen als Dritte auf dem Siegertreppchen. Und 2005 in Berlin, bereits 65 Jahre alt, war sie auch noch dabei und sicherte sich im Wettkampf mit Parallelbarren, Standweitsprung, Kugelstoßen und Vollball-Weitwurf gar Platz zwei unter mehr als 300 Sportlerinnen in ihrer Klasse.

Doch nicht nur für ihre eigene Fitness war Lilly Houben ihr Leben lang aktiv. Sie gab ihre Begeisterung für den Sport auch an viele andere Menschen in der Region weiter. Um ihren Übungsleiterschein zu machen, sei sie schon in den 60er Jahren einmal im Monat mit ihrem Roller nach Wuppertal gefahren, sagt sie, „im Winter mit Zeitungspapier als Isolierung in der Hose“.

Bei Glanzstoff in der Sortierung habe sie immer in der Frühschicht gearbeitet, um nachmittags trainieren zu können. „Da ging‘s abends bis nach Übach zur AWO, mit dem Roller. Und von dort weiter nach Kückhoven“, erinnert sie sich. In Kückhoven habe sie dann sogar übernachten müssen, und sei von dort aus morgens nach Oberbruch zur Frühschicht gefahren. „Bis zu jeweils 100 Kinder oder Frauen hatte ich damals in meinen Gruppen“, sagt sie. Bis zu sieben Stunden täglich sei sie für den Sport unterwegs gewesen.

Ihr erstes Sportabzeichen hat Lilly Houben 1964 gemacht, ihr zweites 1967, ihr 50. im vergangenen Jahr. Auch hier gab sie ihre Motivation immer an ihre Schützlinge weiter und engagierte sich in der Abnahme der Prüfung. Tausende Sportabzeichen konnten dank ihrer Prüferarbeit alljährlich an Menschen in der Region vergeben werden. Zu Anfang habe man das Sportabzeichen überhaupt erst mit 18 Jahren ablegen können, nur in Bronze, weiß Lilly Houben noch.

Aus fünf Gruppen musste je eine Aufgabe ausgewählt werden. Ski- oder Kanufahren gab es damals noch als Disziplinen. Wer sechs Mal Bronze hatte oder 28 Jahre alt war, bekam das silberne Sportabzeichen nach geschaffter Prüfung. Nach sechs Mal Silber oder im Alter von 36 Jahren gab es Gold. „Früher musste jeder schwimmen. Da haben viele das Sportabzeichen gescheut“, weiß sie. „Viele konnten damals gar nicht schwimmen. Ich habe es in einem Bombentrichter gelernt.“

Auch für Kinder und Jugendliche

Das ist heute anders, da auch schon Kinder und Jugendliche die Prüfung ablegen können. Aus vier Kategorien muss je eine Aufgabe ausgewählt werden. Gold, Silber oder Bronze gibt es je nach erbrachter Leistung. „Heute finde ich es leichter“, so das Urteil einer Frau, die es wissen muss.

Ans Aufhören denkt Lilly Houber derweil noch nicht. Als Übungsleiterin ist sie auch im Alter von 76 Jahren noch aktiv in der Frauengymnastikgruppe des FC Concordia Haaren und in zwei Frauengruppen der Turngemeinschaft Kirchhoven. Solange Körper und Verstand es noch hergeben, wolle sie weitermachen. „Wenn ich es nicht mehr schaffe, bleibe ich zu Hause“, sagt sie. Die Schwimmprüfungen für ihre Altersgruppe schafft sie aber noch locker in Gold, wie sie erst in dieser Woche beim Training wieder bewiesen hat. „Und es bleibt sogar noch etwas Zeit übrig“, sagt Lilly Houben.

Und einen Ratschlag gibt sie zum Schluss auch noch: „Jeder sollte mit dem Sportabzeichen seine Fitness einmal im Jahr kontrollieren.“

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