Kurzzeitpflege: Einfach mal Urlaub von der Pflege nehmen

Von: Nicola Gottfroh
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Die rundum Betreuung und der Kontakt zu Gleichgesinnten macht die Wochen in der Kurzzeitpflege zu einem Tapetenwechsel. Foto: stock
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Jürgen Plein ist Pflegedienstleiter im AWO-Altenzentrum. Foto: Gottfroh

Heinsberg. Der Senior sitzt in seiner guten Stube und hat sich in ein Buch vertieft. Seine Stube, das ist ein Zimmer im AWO-Altenzentrum Heinsberg. Allein zu Hause leben, das er nicht mehr, nachdem er dreimal zusammengebrochen ist. Ohne Hilfe den Alltag zu bewältigen, ist für ihn undenkbar. Auch wenn der 85-jährige Peter Schmitz (Name von der Redaktion geändert) auf den ersten Blick wie ein rüstiger Senior wirkt.

Seine Tochter, die einzige, die er hat, lebt in Köln. Sie leitet dort eine Bankfiliale. Nach den Zusammenbrüchen ihres Vaters hat sie sich mehrere Wochen frei genommen, um für ihn zu sorgen. „Das konnte aber kein Dauerzustand sein“, sagt der 85-jährige Senior und lächelt schief.

Jetzt sucht die Tochter nach Feierabend eifrig jemanden, der bei ihrem Vater im Eigenheim einzieht. Bis eine professionelle Pflegekraft gefunden ist, lebt er in der sogenannten Kurzzeitpflege im AWO-Altenzentrum an der Siemensstraße. Die Geschichte von Peter Schmitz ist eine von vielen.

„Oft läuft es so, wie bei Herrn Schmitz. Aber es gibt viele verschiedene Gründe, warum pflegende Angehörige unsere fünf eingestreuten Kurzzeitpflegeplätze im Seniorenheim in Anspruch nehmen“, sagt der Pflegedienstleiter der AWO-Einrichtung, Jürgen Plein.

Ein weiterer Grund, warum Angehörige auf die Kurzzeitpflege setzen, ist die eigene Gesundheit. „Pflegen kostet viel Energie und Kraft. Deshalb müssen auch die pflegenden Angehörigen die Batterien einmal aufladen“, sagt Volker Kratz, Geschäftsführer der Alten- und Pflegeheime St. Josef gGmbH.

St. Josef gehört mit fünf vorgehaltenen sowie fünf eingestreuten Betten in Waldenrath und sechs in der Einrichtung in Selfkant-Höngen zu den größten Anbietern der Kurzzeitpflege in der Region. „Freizeit oder Urlaub kommen bei den pflegenden Angehörigen oft viel zu kurz. Das geht an die Substanz“, sagt Kratz und betont: „Die eigene Erholung ist wichtig, damit man selbst gut pflegen kann.“

„Kein Mensch muss 365 Tage im Jahr rund um die Uhr auf Abruf stehen“, findet AWO-Pflegedienstleiter Jürgen Plein. Und das sieht nicht nur er so, sondern auch der Gesetzgeber. Damit auch Pflegende Angehörige einmal durchatmen, entspannen und neue Energie für die weitere Betreuung tanken können, gibt es die Kurzzeitpflege.

Bis zu 28 Tage pro Jahr haben Pflegebedürftige unter bestimmten Voraussetzungen – beispielsweise aufgrund einer Krankheit, einer persönlichen Krisensituation, nach einem Krankenhausaufenthalt oder eben wegen eigener Urlaubspläne der Angehörigen – gesetzlichen Anspruch auf Kurzzeitpflege.

Pflegekassen übernehmen Kosten

Die Pflegekassen übernehmen bei Vorliegen einer Pflegestufe die Kosten bis maximal 1550 Euro. Für den Eigenanteil von etwa 30 Euro am Tag können Pflegebedürftige mit einem geringen Einkommen beziehungsweise deren Angehörige einen Zuschuss beim Sozialamt beantragen.

Zudem kann man seit Einführung des Pflegeneuausrichtungsgesetzes die Hälfte des Pflegegeldes, das man bezieht, über einen Zeitraum von vier Wochen behalten – auch wenn der Angehörige in der Kurzzeitpflege ist.

Aus diesen Grund ist gerade in der Ferienzeit, beziehungsweise in den Wochen davor, wenn die Angehörigen auch einmal Urlaub von der Pflege brauchen, die Kurzzeitpflege sehr gut nachgefragt, wie St.-Josef-Geschäftsführer Volker Kratz, betont: „Vor den Ferien steigen die Anfragen noch einmal deutlich.“

Das kann auch Bernd Bogert, Geschäftsführer der St.-Gereon-Einrichtung Haus Berg in Hückelhoven, bestätigen: „Unsere zehn eingestreuten Plätze sind das ganze Jahr über gut belegt, in der Ferienzeit aber besonders gut“, sagt er.

Diese sogenannten eingestreuten Kurzzeitpflegeplätze sind zu unterscheiden von den vorgehaltenen Plätzen, die eine Einrichtung „fest“ hat. Weitere Plätze entstehen oft kurzfristig, etwa wenn ein Bewohner verstirbt oder aus dem Seniorenheim auszieht.

Darüber hinaus gibt es die sogenannten „solitären Einrichtungen“, die sich auf die Kurzzeitpflege spezialisiert haben. „In Hückelhoven hatte die AWO vor einigen Jahren eine solche solitäre Einrichtung – aber außerhalb der Ferienzeiten konnte die Einrichtung nicht wirtschaftlich planen und ist deswegen geschlossen worden“, bedauert Plein.

Doch auch wenn die meisten Kurzzeitpflegeplätze eingestreute sind, heißt das nicht, dass man nicht langfristig planen kann – Kratz beispielsweise empfiehlt eine frühe „Buchung“. Früh nachfragen sollten Interessierte auch im AWO-Altenzentrum: „Wer jetzt einen Platz für den August des nächsten Jahres bucht, der wird sicherlich einen bekommen“, sagt Pflegedienstleiter Plein.

Kurzfristig nachfragen

Aber im Fall des Falles auch kurzfristig nachzufragen, lohne sich, sagt Bernd Bogert. „Meist ist es ziemlich unkompliziert, einen Platz zu finden. Allerdings sollte man nicht zuerst ins Reisebüro laufen und Urlaub buchen, und sich erst dann um die Betreuung des Angehörigen kümmern“, empfiehlt er.

Doch bis Angehörige das erste Mal ins Reisebüro gehen oder überhaupt darüber nachdenken, die Kurzzeitpflege in Anspruch zu nehmen, vergeht in der Regel „eine ganze Zeit ohne Auszeit“, weiß Bogert. „Natürlich gibt es Hemmnisse bei den Angehörigen“, sagt er. Viele Angehörige zeigten zum einen Scheu, ihren Verwandten für eine Woche oder zwei im Heim „abzugeben“. Sie hätten Furcht, vor dem, was man über sie denken könnte, sagt er.

Zum anderen sei da stets die Angst vor der Reaktion des Angehörigen, der sich abgeschoben fühlen könnte. Fälle, in denen sich die Personen in Kurzzeitpflege tatsächlich abgeschoben fühlten, gebe es natürlich, gibt Bogert zu, „für die meisten Gäste jedoch ist die Kurzzeitpflege ein gelungener Tapetenwechsel.“

So wie für Senior Peter Schmitz im AWO-Altenzentrum. „Ganz ehrlich. Ich finde es hier toll“, versichert er. „Zu Hause, da war ich allein. Das war ein Elend. Hier bekomme ich pünktlich mein Essen und werde gut versorgt“, sagt der 85-Jährige. Auch der 93-jährige Vater von Horst Hausmanns ist gerne in der Kurzzeitpflege in der St.-Josef-Einrichtung in Höngen, wenn sein Sohn auf Dienstreise ist. „Zuerst sträubt er sich immer ein wenig, danach will er aber gar nicht mehr weg. Vor allem, weil er dort unter Gleichgesinnten ist“, sagt Hausmanns.

Denn neben der Versorgung ist auch der Aspekt der sozialen Kontakte nicht zu vernachlässigen. „Viele Senioren sind froh, wieder mit anderen Menschen, nicht nur mit den eigenen Verwandten Zeit zu verbringen und sich auszutauschen. „Bei der Pflege zu Hause bleiben viele soziale Kontakte auf der Strecke“, sagt St.-Josef-Geschäftsführer Volker Kratz.

Alexandra Mundus, Leiterin des Johanniter-Stifts in Wassenberg, stimmt dem zu: „Viele unserer Gäste, die zur Kurzzeitbetreuung bei uns sind, merken, dass das Wohnen im Stift eine echte Alternative für sie ist, dass sie sich wohlfühlen in einer stationären Unterbringung.“.

Manche bleiben dauerhaft

„Man kann sogar sagen, dass die Kurzzeitpflege der erste Schritt ins Heim ist – auf positive Weise. 20 bis 25 Prozent der Senioren, die zeitlich begrenzt bei uns waren, und gemerkt haben, dass das Leben im Heim viel schöner ist, als sie es sich vorgestellt haben, sind später auch dauerhaft zu uns gezogen“, sagt Plein. „Für die meisten bedeutet die Kurzzeitpflege jedoch nicht mehr, als einmal aus dem Pflegestress herauszukommen“, sagt Kratz. Denn nur, wer einmal seine eigene Seele pflegt, kann auch Körper und Seele seiner Angehörigen pflegen.

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