Walfeucht-Hontem - Kümmerkorn bereitet Bauern im Kreis Heinsberg Kummer

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Kümmerkorn bereitet Bauern im Kreis Heinsberg Kummer

Von: Anna Petra Thomas
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Die Getreideernte gerät für viele Landwirte in diesem Jahr zur Luftnummer, weil das Korn nicht richtig gefüllt ist. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
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Mit einem Messingrohr und einer Waage bestimmt Johannes Rütten das Hektorliter-Gewicht des Getreides im Agrarzentrum in Hontem. Foto: anna

Walfeucht-Hontem. Das Sommerwetter, über das sich viele Menschen in der Region bereits seit Mitte Mai freuen und für das kaum Änderung in Sicht ist, macht den Landwirten große Sorgen, wenn es um die Bewirtschaftung ihrer Felder geht. Ihr Problem sind rückläufige Erträge und zugleich geringere Erlöse für minderwertigeres Getreide.

Dies ist zumindest das Ergebnis der bereits beendeten Gerstenernte. Und das Problem setzt sich fort bei den ersten Anlieferungen von Weizen im Agrarzentrum der Raiffeisen Waren-Zentrale (RWZ) Rhein-Main in Waldfeucht-Hontem.

Etwa 9,5 bis 10 Tonnen pro Hektar seien bei der Gerste an Ertrag möglich, aber nur um die 8 Tonnen, also zwischen 15 und 20 Prozent weniger, seien in diesem Jahr von den Landwirten im Agrarzentrum angeliefert worden, hat Johannes Rütten errechnet, der die RWZ-Außenstelle leitet. Mit ähnlich schlechten Erträgen rechnet er jetzt auch für die gerade begonnene Weizenernte, die ebenfalls zwei Wochen früher eingesetzt hat als in Vorjahren.

„Da der Regen Mitte Mai quasi ausgesetzt hat, wird das Getreide jetzt sozusagen notreif“, sagt Rütten. Die Landwirte würden in diesem Zusammenhang von „Kümmerkorn“ sprechen. „Wenn der Wasserhahn zu früh zugedreht wird, ist die natürliche Reifung des Korns nicht mehr möglich.“ Das Korn sei daher bei vielen Anlieferungen nicht mehr richtig gefüllt und habe damit eine minderwertigere Qualität. „Der Mehlanteil darin ist sehr gering, und es ist als Brotgetreide gar nicht mehr geeignet.“

Es könne nur noch als Tierfutter, etwa in der Schweinezucht, eingesetzt werden. Ältere Landwirte, mit denen er gesprochen habe, könnten sich an einen fürs heimische Getreide ähnlich schlechten Sommer vor zuletzt rund 40 Jahren erinnern, sagt er.

Angebaut werde in der hiesigen Region an Getreide vor allem Winterweizen, so der 26-Jährige weiter. Ihren Namenszusatz „Winter“ habe diese Weizenart, weil sie im Herbst, zwischen September und Dezember, ausgesät werde. An Klima, Boden und Wasserversorgung stelle der Weizen noch höhere Anforderungen als etwa die Gerste oder der in der Region ebenfalls angebaute Hafer.

Den Anbau von Raps gebe es auch. Dessen Ernte werde aber im größeren RWZ-Standort in Geilenkirchen-Niederheid angeliefert, so der Fachmann. Er stammt aus einem landwirtschaftlichen Betrieb in Wassenberg-Eulenbusch, hat zunächst eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann gemacht und inzwischen auch seine Fortbildung als Handelsfachwirt abgeschlossen.

Derzeit blickt er in eher unzufriedene Gesichter von Landwirten, die bei gutem Wetter Schlange stehen, um ihr Getreide in Hontem abzuliefern. Es wird hier von den Hängern seitlich abgekippt und gelangt durch einen großes Eisenrost in den Keller der großen Halle.

Ein sogenannter Elevator befördert es von dort mit seinen Schaufeln an einem langen Band weiter bis unter die Decke der Halle. Hier wird es in einer großen Trommel von Erd- und Strohresten sowie von den Hülsen der Getreidekörner, den sogenannten Spelzen befreit und anschließend bis zum Abtransport in der Halle gelagert. Große Brotmühlen sind hier Kunden oder auch Landwirte, die Futtergetreide kaufen.

Um eine entsprechende Sortierung vorzunehmen, wird zunächst das Hektoliter-Gewicht bestimmt mit Hilfe eines großen, schlanken Messingrohres und einer Präzisionswaage. Zwischen 62 und 84 Kilogramm pro Hektoliter kann das Gewicht von Weizen variieren. Weitere Kriterien für die Qualität sind die Feuchtigkeit und der Eiweißgehalt sowie die Fallzahl als Zeit in Sekunden, die ein standardisierter Stab benötigt, um durch eine Mischung aus Mehl und Wasser hindurchzufallen. Das Ergebnis liefert eine Aussage zur Backfähigkeit des Korns.

Alles zusammen bestimmt dann die Qualität und darüber den Preis, den der Landwirt für sein geliefertes Korn erzielen kann. Bestimmt wird er nicht in Hontem, sondern an den großen internationalen Getreidebörsen. „Wir schauen vor allem nach Paris, aber auch nach Chicago“, sagt Rütten. Es gebe Landwirte, die über eigene Hallen verfügen und ihr Korn jetzt nicht direkt verkaufen würden, erklärt er. Dank eigener Lagerflächen hätten sie die Möglichkeit, ihr Korn selbst übers ganze Jahr zu vermarkten.

„Die Preise ändern sich ja fast täglich“, weiß er. „Das kann sich lohnen, aber es kann auch dauern, bis sich die eigene Halle bezahlt macht. Und nicht in jedem Jahr macht die eigene Lagerung Sinn.“ Derzeit seien aufgrund der schlechten Ernte jedoch steigende Preise zu befürchten und es gebe sogar schon Anfragen von Landwirten, die sich die Preise für ihren Futtereinkauf jetzt schon gerne für ein ganzes Jahr sichern würden.

Rütten betreut die Landwirte zwischen dem Selfkant und Wassenberg übrigens nicht nur bei der Ernte, sondern übers ganze Jahr mit allem, was sie brauchen, vom Saatkorn bis zum Düngemittel. Und mit ihnen hofft er auch inständig auf Regen, wenn er fürs Getreide auch zu spät kommt. „Aber Mais, Rüben und Kartoffeln können ihn noch gut gebrauchen“, betont er.

 

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