Jannik ist trotz Autismus nicht zu bremsen

Von: Rainer Herwartz
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Yvonne Fleitmann und der zwölfjährige Jannik (mit Brille) sind ein tolles Team. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Nein, ausgebildete Pädagogin sei sie nicht, sagt Yvonne Fleitmann, auch Psychologie hat sie nie studiert. Und dennoch ist sie wohl das Beste, was dem zwölfjährigen Jannik Haueisen in seinem Leben passieren konnte.

Auch wenn der kleine Kerl, der die sechste Klasse des Kreisgymnasiums Heinsberg besucht, anfangs genau das Gegenteil behauptete. Yvonne Fleitmann ist Schulbegleiterin und Integrationshelferin, denn Jannik leidet an Asperger Autismus. Wobei der Begriff „leiden“ es irgendwie nicht trifft. Denn leidend wirkt der Gymnasiast nun wirklich nicht. Er ist ein quietschlebendiger Junge mit einem äußerst wachen Verstand. Sein Einfühlungsvermögen und seine soziale Kompetenz sind eingeschränkt, was dem flüchtigen Beobachter auf den ersten Blick jedoch nicht einmal auffällt und bei einem Kind dieses Alters schnell als Schüchternheit oder Bockigkeit abgetan wird. So pflegeleicht wie heute war Jannik aber nicht immer.

Yvonne Fleitmann arbeitet für das Euregio Kinderzentrum in Geilenkirchen, das auch ein Kompetenzzentrum für Autismus betreibt. Eigentlich ist Yvonne Fleitmann Zahnarzthelferin, doch der Fachbereichsleiter Ambulante Hilfen und Erziehung, Norbert Kurz, hatte schnell größtes Vertrauen in die Fähigkeiten der zweifachen Mutter, die seit acht Jahren den Alltag in einer Patchwork-Familie mit insgesamt fünf Kindern stemmt. „Ich arbeite sehr gerne mit Nicht-Fachleuten, denn die sind mit großem Engagement und dem Herzen bei der Arbeit. Sie werden dann bei uns intern fortgebildet.“ Sein gutes Gefühl zahlte sich aus. Vor allem für Jannik.

Mit seinen Eltern war dieser 2012 nach Heinsberg gezogen. Und während die Eltern noch überlegen, wann es denn genau gewesen sein könnte, schießt es schon aus Jannik heraus, wie aus einer Pistole: „Am 27. Juli 2012.“ Ja Zahlen, damit kennt sich Jannik aus. Schon als Zwei- oder Dreijähriger habe er beim Spazieren durch die Straßen an bestimmten Hausnummern plötzlich Rotkäppchen oder ähnliche Märchenfiguren benannt. Was Simone und Carsten Haueisen damals jedoch nicht ahnten, die dazu erzählten Geschichten begannen stets auf einer Buchseite mit der selben Zahl wie die auf den Häusern. Janniks Gedächtnis ist außergewöhnlich. „Mit drei Jahren hat er sich schon Geschichten gemerkt und wehe, sie wurden dann mit einem Wort anders erzählt, dann hieß es aber sofort, das steht so nicht im Buch“, sagt der Vater. Im Jahr 2009 wurde bei Jannik offiziell Asperger Autismus diagnostiziert. Es überrascht wenig, dass daher sein Weg auf eine Förderschule.

„Uns war eigentlich von Anfang an klar, dass Jannik nicht in die Förderschule gehörte“, sagt Carsten Haueisen. Als Yvonne Fleitmann, die zu diesem Zeitpunkt schon einen 16-jährigen Autisten an der Realschule Oberbruch begleitet hatte und einen Achtjährigen an der Grundschule in Dremmen, Jannik kennen lernte, sollte sich dies bestätigen. „Er war verbal und körperlich aggressiv seinen Mitschülern gegenüber. Und bei der geringsten Störung seiner Vorstellungen reagierte er extrem. Mir war schnell klar“, sagt Yvonne Fleitmann, „dass diese Schulform für Jannik sehr schwierig ist, da die Ziele mehr auf das Lernen von sozialen Kompetenzen gerichtet sind und nicht auf das Aneignen von Wissen.“ Für Jannik war es jedoch genau diese Möglichkeit, die ihm fehlte. Bei Klassenarbeiten schrieb er gleich alle der Klassen vier bis sechs auf einmal, war dennoch als Erster fertig und das fast immer fehlerlos. Von seiner neuen Schulbegleiterin wollte Jannik zunächst überhaupt nichts wissen. Im Gegenteil. „Er lief vor mir weg, schrie mich an und versuchte alles, um mich irgendwie loszuwerden“, erinnert sich die Schulbegleiterin.

Und dann kam die Wende

Ein Termin bei der Realschule im Heinsberger Klevchen sollte die Wende bringen. „Diese Schule verfügte schon über Erfahrungen mit der Inklusion und Schulbegleitung und stand unserem Versuch mit Jannik sehr offen gegenüber. Man fühlte sich willkommen“, berichtet Yvonne Fleitmann vom ersten Gespräch mit dem dortigen Schulleiter Reinhard Welters. „Und nun geschah ein kleines Wunder mit Jannik. Er veränderte seine Verhaltensweisen. Er machte, was man ihm sagte, er lernte Regeln zu befolgen. Wir führten Rituale ein.“ Janniks schulische Leistungen waren so überragend, dass die gesamte Lehrerschaft schon zum Halbjahreszeugnis der Meinung war, der Kleine mit der Brille solle ein Gymnasialschüler werden. Wie gut, dass sich mit Annegret Krewald, der Leiterin des Kreisgymnasiums, abermals jemand finden sollte, der dem Projekt Jannik aufgeschlossen gegenüberstand. Ohne Probleme erreicht er auch hier den Klassenstand. „Ich habe das Gefühl, dass der Jannik sich gut in die Klasse eingefügt hat und sich wohlfühlt“, sagt Janniks Deutsch- und Bio-Lehrer Marlon Dahlmanns.

„Jannik hat sein Wunder erlebt, und ich glaube fest daran, dass es noch viele solcher Wunder in unserem Alltag gibt“, hofft Yvonne Fleitmann, vielleicht dem ein oder anderen Wunder ein wenig auf die Sprünge helfen zu können.

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