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Ist Karies bald einfach wie weggeputzt?

Von: Rainer Herwartz
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Die Kinderzahnärzte Sabrina Chabrié und Dr. Lothar Beckers verschaffen ihren kleinen Patienten wieder ein strahlendes Lächeln. Foto: Rainer Herwartz
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Kindermund tut Wahrheit kund – in diesem Fall eine traurige. Nur durch konsequente Vorbeugung kann ein solcher Anblick verhindert werden.
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Clown Oskar gehört mit zum Team: Die Kinderzahnärzte Sabrina Chabrié und Dr. Lothar Beckers verschaffen ihren kleinen Patienten wieder ein strahlendes Lächeln. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Na, das war doch mal eine gute Nachricht. Bald soll der Blick in so manchen Mund nicht mehr dem in einen Steinbruch gleichkommen. Die braun bis schwarz zerklüftete Landschaft, die sich da den Zahnärzten oftmals bot, gehört schon bald der Vergangenheit an. Das jedenfalls behauptet einer, der es wissen sollte.

„Wir haben Karies fast besiegt“, ließ Wolfgang Eßer, der Chef der kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung jetzt in Frankfurt verlauten. Im wahrsten Sinne des Wortes schöne Aussichten. Doch nicht alle Kollegen sind gleichermaßen euphorisch.

„Dass Karies bald kein Thema mehr ist, halte ich für unwahrscheinlich“, erklärt denn auch der Heinsberger Dr. Lothar Beckers, seines Zeichens Schatzmeister im Bundesverband der Kinderzahnärzte. „Heute haben wir mit dem Kariesproblem meist nur in den ersten drei Lebensjahrzehnten zu tun. Wenn ein junger Mensch bis zu einem Alter von Mitte 20 nahezu kariesfrei ist, dann wird dies auch zukünftig für ihn keine Gefahr darstellen. In den Fokus rückt ab diesem Alter jedoch verstärkt die Parodontitis, der entzündungsbedingte Rückgang von Zahnfleisch und Knochen.“

Beckers räumt gleichwohl ein, dass die große Mühe, die seit Beginn der 90er Jahre vor allem auf die Zahnprophylaxe bei Kindern verwendet werde, Früchte getragen habe. Mehr als die Hälfte der deutschen Schulanfänger hätten nach einer Studie kariesfreie Milchzähne, rund zwei Drittel der Zwölfjährigen wiesen ein naturgesundes bleibendes Gebiss auf. Dieser positive Trend sei über alle Bundesländer hinweg zu beobachten.

Allerdings, schränkt Beckers die positive Grundtendenz ein, sei der Anteil der Milchzahnkaries immer noch zu hoch. „46,1 Prozent aller Schulanfänger haben Karieserfahrung. Dabei ist zu beobachten, dass dreijährige Kinder häufig bereits mit Karies in die Kita eintreten.“ Außerdem sei festzustellen, dass fast die Hälfte der kariösen Milchzähne nach wie vor unbehandelt bleibe. „Leider ist es so, dass die betroffenen Kinder oder Jugendlichen alle sehr intensiv kariesanfällig sind.“

Die Infektionskrankheit, denn genau darum handelt es sich, werde durch verschiedene Bakterienstämme verursacht. „Diese in sich zu tragen ist eigentlich normal“, erläutert Beckers, „ solange sie in einer vernünftigen Konzentration vorliegen.“ Grundsätzlich komme jeder Mensch mit einer nahezu keimfreien Mundhöhle zur Welt. Doch dieser Zustand ändere sich leider vielfach zu schnell. Und schuld daran sind in erster Linie die Erwachsenen – ohne böse Absicht.

Da reicht schon, wenn der Löffelrest, den das Baby lässt, vor dem nächsten Happen durch Mutti oder Omi abgeschleckt wird oder die auf den Boden gefallene Nucki. Auch wenn nur der Finger einmal kurz in den Brei gesteckt wird, um die Temperatur zu testen, können sich schädliche Bakterien bereits auf den Weg in Babys Mund machen. „Denn mit jeder dieser Vorgehensweisen werden Keime der Erwachsenen in den Mund des Kindes übertragen“, sagt Beckers.

Die Prophylaxe sei am Ende das A und O. „Deren Prinzip beruht auf drei verschiedenen Säulen“, beschreibt der Kinderzahnarzt. In der ersten gehe es um die Mundhygiene der Erwachsenen, in der zweiten um die Mundhygiene des Kindes und in der dritten um die Vorbeugemaßnahmen beim Zahnarzt, eventuell mit einer professionellen Fluoridierung. „Dabei wird insbesondere bei Kindern mit hohem Kariesrisiko ein Schutzlack auf die Zähne aufgetragen.“ Eine wissenschaftliche Leitlinie favorisiere diese lokale Aufbringung des Fluorids und weniger die systemische Einnahme von Fluoridtabletten, sagt Beckers.

Nicht immer seien Kariesschäden übrigens schon mit bloßem Auge zu erkennen, weiß der Zahnarzt. „Häufig wird ein Diagnoselaser verwendet, mit dem die Bakterienmenge an unzugänglichen Stellen im Mund ermittelt werden kann“, erklärt die Kinderzahnärztin und Kollegin Sabrina Chabrié. „Letztlich bleibt die Röntgendiagnostik aber immer noch die Methode erster Wahl, um Karies schnell und sicher zu erkennen“, meint Beckers. „Dies erfolgt heute bei digitalen Verfahren unter einer wesentlich geringeren Strahlenbelastung als noch vor Jahren.“

Ach ja, mit einer Mär räumt Lothar Beckers gleich auch noch auf. Sätze wie „Die guten Zähne hat der Kleine von der Mama geerbt“ seien Unfug. Nicht jedoch, weil er sie natürlich vom Papa habe, sondern weil das genetische Erbe bei der Zahngesundheit grundsätzlich nur eine untergeordnete Rolle spiele.

Letztlich bleibt‘s bei der weisen Erkenntnis: Lieber putzen statt bohren.

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