Heinsberg - Ingrid Steeger: Gelernt, dass der Körper nicht ihr gehört

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Ingrid Steeger: Gelernt, dass der Körper nicht ihr gehört

Von: Johannes Bindels
Letzte Aktualisierung:
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Das Publikum in Heinsberg hatte die zierliche Schauspielerin schnell ins Herz geschlossen. Ingrid Steegers bewegende Geschichte ließ niemanden unberührt. Foto: agsb
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Im Gespräch mit Rainer Herwartz, Leiter der Lokalredaktion unserer Zeitung, offenbarte Ingrid Steeger viele Facetten ihrer Persönlichkeit und zeigte, dass sie trotz mancher Tiefschläge ihren Humor nicht verloren hat.
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Im Gespräch mit Rainer Herwartz, Leiter der Lokalredaktion unserer Zeitung, offenbarte Ingrid Steeger viele Facetten ihrer Persönlichkeit und zeigte, dass sie trotz mancher Tiefschläge ihren Humor nicht verloren hat.

Heinsberg. Es sollte ein Abend werden, der vielen Zuhörern zeitweise den Atem stocken ließ. Ingrid Steeger, der beliebte Klimbim-Star der 70er Jahre, stellte sich dem Publikum und den Fragen von Rainer Herwartz, dem Leiter der Lokalredaktion unserer Zeitung, in der Gesprächsreihe „Auf ein Wort mit…“. Eigentlich wurden in der Heinsberger Buchhandlung Gollenstede gleich zwei Damen begrüßt, denn Ingrid Steeger hatte ihre Hündin „Eliza Doolittle“ mitgebracht.

Der kleine Yorkshire-Terrier ist ihr ständiger Begleiter. In ihrer gerade erschienenen Autobiografie mit dem Titel „Und find‘ es wunderbar: Mein Leben“ bezieht sich die Schauspielerin auf den Satz aus dem Klimbim-Song „ . . . dann mach ich mir ‘nen Schlitz ins Kleid und find‘ es wunderbar“.

„Wenn das Leben mal nicht so lief, dann drückte ich den Rücken durch und dachte, dass den Schlitz ins Kleid machen wunderbar sei. Als ich das Buch schrieb, habe ich viel geweint“, begann Steeger leise und noch zögerlich zu antworten. Denn es sei hart gewesen, sich der vielen Dramen und Szenen aus der Kindheit, Jugend und der Klimbim-Jahre zu erinnern.

Warum man denn überhaupt ein Buch schreibe, das solch intime Ereignisse der Öffentlichkeit preisgebe, vertiefte Herwartz die Frage nach dem Menschen Steeger.

Aufrecht sitzend und sich fest machend durch eine verschränkte Beinhaltung argumentierte Steeger gefasst mit: „Es ist viel geschrieben worden über mich und nur teilweise die Wahrheit. Der Verlag ist auf mich zugekommen, und Freunde haben mich ermutigt, mein Leben aus meiner Sicht zu schildern.

Zunächst wollte ich nicht so viel preisgeben, aber mit der Aufarbeitung meines Lebens bin ich tiefer und weiter eingestiegen und es ist mehr daraus geworden, als ich vorhatte.“

Mit Respekt und dennoch auch heikle Lebensabschnitte ansprechend, näherte sich Herwartz dem Leben seiner Gesprächspartnerin. So sei bekannt, dass die Familie ihr keine Geborgenheit gegeben habe, der Großvater sie missbraucht habe und sie von vier Männern vergewaltigt worden sei. Habe sie in dieser Zeit auch glückliche Momente erlebt?

„Wir waren Nachkriegskinder, erlebten wie viele andere auch Wohnungsnot und Überlebenskampf. Meine Schwester und ich fanden dies normal, weil wir keinen Vergleich hatten, dass es hätte anders sein können“, beschrieb Steeger das Trauma der eigenen Erfahrung. Sie habe früh gelernt, dass ihr Körper ihr nicht gehöre, auch Vergewaltigung sei wohl „etwas Normales“ für Frauen, habe sie vermutet.

„Haken schlagen und Strafen vermeiden, gehorchen und gefallen lassen, so haben meine Schwester und ich uns das Leben zurecht gezimmert“, beschrieb Steeger ihr Überlebensmotto. Und selbst das Gefühl „Sex ist etwas Ekliges“ habe sie mit ihrem Selbstbildnis, dass der Körper nicht ihr gehöre, dann sowohl Sexfilme drehen als auch den blanken Busen in Klimbim zeigend ihre Rollen spielen lassen.

Wie stark dieses traurige Selbstwertgefühl ihr Verhältnis zu den Männern bestimmte und was sie denn bei Männern wie Michael Pfleghar, Dieter Wedel, Udo Jürgens und Michael Holm erhofft und gesucht habe? „Was auf dem Bildschirm bei Klimbim zu sehen war, hat Pfleghar aus mir rausgeprügelt im übertragenen Sinne.

Beruflich hat er mich als Schauspielerin weiter nach vorne gebracht, privat hat er mich weiterhin klein gehalten und gedemütigt“, stellte Steeger das Verhältnis zu Pfleghar dar. Auch wenn sie sich minderwertig gefühlt habe in den Beziehungen mit den Männern, sie habe immer die Sehnsucht nach einem Zuhause gehabt. „Eigentlich wollte ich heiraten und Kinder haben.“

Und auf die Frage, wie ihr Männerbild heute sei, ließ sie wissen: „Ich fühle mich als Single wohl. Das Theaterspielen ist mein Zuhause geworden, ich bin nicht mehr auf der Suche und habe keine Sehnsucht mehr nach einem Mann.“ Dafür sei nun „Eliza Doolittle“ wichtiger Bezugspunkt in ihrem Leben.

Auch wenn sie in ihrer Karriere viele Preise wie die „Goldene Kamera“ oder den „Bambi“ verliehen bekommen hatte, den gesellschaftlichen Abstieg und die Notwendigkeit, Hartz IV zu beziehen, hätten die Preise nicht verhindern können. Und ob sie da versucht gewesen sei, sich aufzugeben, stellte Herwartz die intimste Frage am Abend, welche manchem Zuhörer den Atem stocken ließ.

„Ich bin schon vor dem Ausbleiben von Engagements langsam aber sicher aufgrund meines Selbstbildnisses in die Depression geschlittert. In der Depression kümmert man sich nicht um sich. Ich empfand keine Freude und kein Leid mehr. Das Leben ging an mir vorbei und mit der Räumungsklage fand es einen bedrohlichen Tiefpunkt. Nur durch die Hilfe einer Freundin, die Ordnung und Struktur in mein Leben brachte, wachte ich auf und musste entscheiden: liegen bleiben oder wieder aufstehen!“

Sie sei wieder aufgestanden, langsam, aber entschieden habe sie sich ins Leben zurückgekämpft. Erste Theaterrollen hätten ihr dabei geholfen. Dass sie nun wieder bis zum Jahr 2015 ausgebucht sei, gebe ihr Kraft und Sicherheit. „Denn wer nie am Abgrund gestanden hat, dem wachsen keine Flügel“, wisse sie nun. Wie das Publikum mitfühlte, war an den vielen Fragen ablesbar, die gestellt wurden.

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