Iftar-Essen: Bildung als Schlüssel zur Integration

Von: Helmut Wichlatz
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Guten Appetit beim Iftar-Essen (v.l.): Burak Dikmen von der türkischen Gemeinde, Bürgermeister Bernd Jansen, Mehmet Yilmaz, Sprecher der türkischen Gemeinde Hückelhoven sowie Christel Honold-Zieghan, stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Erkelenz. Foto: Sommer.

Hückelhoven. In diesem Jahr verlangt der Ramdan den gläubigen Muslimen eine Menge ab. Denn bei Temperaturen um die 30 Grad ist es vielleicht einfach, bis zum Sonnenuntergang auf das Essen zu verzichten. Doch in den Temperaturen auf Getränke zu verzichten, ist schon eine Herausforderung.

Vom 9. Juli bis zum 8. August dauert der Fastenmonat, in dem sich die Muslime besinnen und in der Askese ihren Glauben festigen sollen.

In diesem Jahr endet der Fastentag kurz vor 22 Uhr. Dann sitzt man nach dem Gebet zusammen, isst und stärkt sich für den nächsten Tag. Seit 18 Jahren lädt die muslimische VIKZ-Gemeinde Freunde, Nachbarn und Vertreter aus Politik, Gesellschaft und Kultur zum gemeinsamen Iftaressen in ihr Gemeindehaus an der Ludovicistraße ein.

Kurz bevor das Essen aufgetragen wird, ist traditionell Zeit, um über Geleistetes und zukünftige Ziele zu reflektieren. Der stellvertretende Bundesvorsitzende des VIKZ, Mehmet Yilmaz, verwies auf die gute Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen und Bildungsträgern bei Projekten der Jugend- und Bildungsarbeit. Den islamischen Religionsunterricht an Schulen begrüßte er, da dies ein Zeichen der „grundgesetzlich verbrieften Gleichberechtigung“ sei.

Islam als Religionsgemeinschaft

Ein weiteres Ziel sei die Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft in allen deutschen Bundesländern. Hamburg und Bremen sind hier Vorreiter. Diese Anerkennung ermögliche den islamischen Gemeinden auch eine effektivere Gestaltung ihrer Bildungs- und Jugendarbeit. Neben den Erfolgen der Integration gebe es aber auch eine wachsende Islamfeindlichkeit in Deutschland, betonte Yilmaz. Sie äußere sich in Anschlägen, Diskriminierung und auch ganz alltäglich in Anfeindungen gegen Frauen mit Kopftuch.

Hier seien alle gesellschaftlichen Kräfte gefragt, um der Spaltung in der Gesellschaft entgegen zu wirken. In der öffentlichen Debatte müsse es „einen scharfen Schnitt“ geben zwischen dem Islam als Religion und Menschen, die sich „aus welchen Gründen auch immer“ kriminell betätigten. Religionsfreiheit sei ein hohes Gut und definiere die Freiheit des Menschen in der Gesellschaft.

Konkrete Beispiele der umfangreichen Gemeindearbeit vor Ort brachte der 17-jährige Gymnasiast Burak Dikmen. Er berichtete von Ausflügen, Informationsveranstaltungen, dem Projekt „Lebensretter“, bei dem 25 Jugendliche zu Ersthelfern ausgebildet wurden und dem stetigen Dialog mit den christlichen Kirchen. Bildung sei der Schlüssel zur Integration, betonte der Elftklässler. Und Bildung baue auf Sprache auf. Daher seien Sprachkurse und ähnliche Angebote wichtig. Ein weiterer ist die Beratung bei der Berufswahl und der Bewerbung.

Bei Besuchen des Seniorenpflegedienstes St. Gereon in Brachelen informierten sich die Jugendlichen über Pflegeberufe, „denn auch wir sind von der Altersentwicklung und von Pflegebedürftigkeit betroffen“, betonte Dikmen. Derzeit werden neun junge Muslime bei St. Gereon ausgebildet Auch politisch zeigen sich die Jugendlichen beim VIKZ sehr interessiert. Regelmäßige Informationsveranstaltungen gehören ebenso zur Bildungsarbeit wie Besuche des Landtages. „Wenn unsere Abgeordneten aus dem Bundestag oder dem Europaparlament uns einladen, werden wir sicher nicht nein sagen“, erklärte er selbstbewusst.

Auch mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft habe man sich am Internationalen Frauentag auseinandergesetzt. Es müsse selbstverständlich sein, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben. Als Bekenntnis zu ihrer deutschen Heimat sei zu werten, dass die Mehrzahl der Gemeindemitglieder die deutsche Staatsbürgerschaft besitze.

Bürgermeister Bernd Jansen dankte den Gastgebern für die Einladung. Es sei ein guter Weg, „sich bei einem gemütlichen Abendessen unter Freunden auszutauschen“. Die gemeinsame Zukunft sei für alle beteiligten eine Herausforderung. Die Hückelhovener der Zukunft seien „älter, weniger und bunter“. Integration erfolge jeden Tag und an vielen Schauplätzen in vielen kleinen Schritten. „Wir müssen im Gespräch bleiben und die Sache ernst nehmen“, betonte er. Christian Ehlers von der Diakonie warnte, dass man nicht nur auf Statistiken schauen solle, sondern auf den Menschen.

Das Thema Integration leide in der öffentlichen Wahrnehmung ein wenig an „Überhitzung“ und stehe kurz vor dem Burnout. Unter den Gästen war auch die Bundestagskandidatin der Linken, die türkischstämmige Ayten Kaplan, die Yilmaz und der Gemeinde auf Türkisch für die Einladung dankte. Norbert Spinrath der für die SPD in den Bundestag einziehen will, betonte, dass Integration „von unten her gelebt“ werden müsse.

Dann jedoch ging Integration erst einmal durch den Magen. Bei gefüllten Paprikaschoten, Hirtensalat, Frikadellen, Wassermelone und Baklava fanden Gäste und Gastgeber bis weit nach Mitternacht Zeit zum Erfahrungsaustausch und gegenseitigen Kennenlernen.

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