Hebamme fürs Leben: Mehr als 5000 Geburten

Von: Rainer Herwartz
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Tausende Babys hat Anni Steinbusch schon im Arm gehalten. Auch die kleine Elaine, die hier friedlich schlummert, fühlt sich dort geborgen. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Ein Faible für Zahlen ist nicht jedem gegeben. Und Begeisterung lösen sie bei den meisten Menschen nur aus, wenn sie entweder mit gigantischen Lottogewinnen oder irgendwelchen atemberaubenden Rekordleistungen verbunden sind. Die Zahl 5636 ist auf den ersten Blick eher nicht dazu angetan, verblüfftes Staunen hervorzurufen. Beim zweiten allerdings sollte jeder vor Ehrfurcht geradezu erstarren.

Denn hinter dieser vierstelligen Summe verbirgt sich die Lebensleistung von Anni Steinbusch. Genau so vielen Babys hat die 65-Jährige nämlich als Hebamme in 40 Jahren am Städtischen Krankenhaus in Heinsberg auf die Welt geholfen. Rechnet man die Zeit in ihrer freien Praxis von 1968 bis 1973 noch dazu, reicht die Zahl nicht einmal aus. Wenn sie am heutigen Donnerstag in ihren wohlverdienten Ruhestand tritt, geht eine bemerkenswerte Ära im Bereich der Geburtshilfe in der Klinik zu Ende.

Besonderer Menschenschlag

„Ich kenne keine Hebamme, die nicht begeistert von ihrem Beruf ist. Das ist ein ganz besonderer Menschenschlag“, sagt der Geschäftsführer des Krankenhauses, Heinz-Gerd Schröders. Wie Recht er damit hat, wird dem schnell klar, der sich mit Anni Steinbusch über ihren Beruf unterhält. „Ich wusste schon als kleines Kind, dass ich Hebamme werden wollte“, sagt sie mit einem Lächeln. „Wenn man mich damals gefragt hat, was ich denn einmal werden wolle, wenn ich groß bin, sagte ich immer Kindchenstant. So nannte man früher auf dem Dorf die Hebammen.“ Schon mit vier oder fünf Jahren habe sie die Babys aus der Nachbarschaft „verwahrt“ „Es war einfach eine Berufung.“

Bereits zwischen 1964 und 1966 hatte die aus Langbroich stammende Anni Steinbusch im Heinsberger Krankenhaus ein Praktikum absolviert, ehe sie in den nächsten beiden Jahren die Hebammenschule der Landesfrauenklinik in Wuppertal besuchte. „Zuerst hatte ich danach bis 1973 eine freie Praxis und habe selbst zwei Kinder bekommen“, erzählt Anni Steinbusch.

Ihre Erfahrungen und ihr Wissen als junge Hebamme hätten ihr bei Letzterem übrigens in der Tat geholfen. „Ich werde es nie vergessen. Bevor der erste Junge geboren wurde, war ich ganze zehn Minuten in der Klinik.“ Ganz genau hatte sie quasi am eigenen Leib deuten können, wann es losgehen würde.

Ende der Hausgeburten

Als die Zeit der Hausgeburten sich dem Ende neigte, bot Anni Steinbusch schließlich ihre Dienste dem Heinsberger Krankenhaus an. „Früher hätte eine Hebamme bei einer Hausgeburt zur Not immer noch den Hausarzt hinzuziehen können, weil alle eine Ausbildung in Geburtshilfe besaßen. Das ist heute nicht mehr der Fall. Die Hebamme wäre völlig auf sich allein gestellt.“

Bis zum heutigen Tag war Anni Steinbusch als Beleghebamme freiberuflich für das Krankenhaus und die werdenden Mütter tätig. Zuletzt mit sieben weiteren Kolleginnen. Viele schöne, aber auch traurige Erlebnisse hat sie in ihren Erinnerungen gespeichert. Ihr schönstes sei gewesen, als sie selbst ihr erstes Enkelkind 1995 bei der Schwiegertochter entbunden habe.

„Besonders schlimm ist, wenn man eine Schwangere zur Routinekontrolle einbestellt hat, alles in Ordnung war, die Frau am nächsten Morgen wieder in die Klinik kommt und das Kind über Nacht gestorben ist.“ Auch davon blieb anni Steinbusch leider nicht verschont. Gehadert hat die Hebamme mit ihrem Beruf oder dem Schicksal jedoch nie. „Es ist immer wieder schön, neues Leben in die Welt zu setzen. Das ist für mich kein bloßer Job.“

So empfanden es auch die Mütter auf der Entbindungsstation. In vier Fällen übernahm Anni Steinbusch sogar die Patenschaft der Kinder. Ein ganz außergewöhnliches Dankeschön der Eltern für ihre einfühlsame Fürsorge. „Ich pflege heute noch Kontakt zu Frauen, die ich vor 40 Jahren entbunden habe“, freut sich die 65-Jährige. Dass sie nun in Rente gehen muss nach einem Leben „in ständiger Bereitschaft“, wie es Klinik-Geschäftsführer Heinz-Gerd Schröders formuliert, weil die vielen Jahre harter Arbeit auch bei ihrem Körper Tribut forderten, stimmt Anni Steinbusch hingegen nicht gerade froh. „Für mich hieß es immer, eine Hebamme, die hört nicht auf zu arbeiten, die stirbt einfach nur weg. So war das ja auch früher.“

Spuren hinterlassen

Einfach nur weg sein wird Anni Steinbusch ab heute sicher nicht, denn die beliebte Hebamme, die in Hückelhoven lebt, hat im Heinsberger Krankenhaus und bei unzähligen Müttern ihre Spuren in den Herzen hinterlassen.

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