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Guido Janssen und Dorothee Broichhausen intonieren Schubert

Von: Johannes Gottwald
Letzte Aktualisierung:
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Eindrucksvolle Darbietung vom 65. Geburtstag von Franz-Josef Lütter: Guido Janssen und Dorothee Broichhausen führten den Liederzyklus “Winterreise” von Franz Schubert auf. Foto: Gottwald

Heinsberg. „Kommt heute zu Schober, ich werde euch einen Zyklus schauerlicher Lieder vorspielen. Ich bin begierig zu sehen, was ihr dazu sagt. Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses je bei anderen Liedern der Fall war.“ Mit diesen Worten kündigte Franz Schubert seinen Künstlerfreunden die erste Vorstellung seiner berühmten „Winterreise“ an.

Sie fand im Rahmen eines Hauskonzertes statt, bei dem Schubert am Klavier saß und selbst dazu sang. Und tatsächlich hatte der Komponist nicht übertrieben – die „Winterreise“ ist von einer beklemmend fahlen und düsteren Stimmung erfüllt, wobei auch aus der Textvorlage von Wilhelm Müller ein tiefer Lebenspessimismus spricht.

Sicherlich haben bei der Vertonung auch persönliche Erlebnisse eine wichtige Rolle gespielt. Seit Jahren litt Schubert an den Folgen einer syphilitischen Erkrankung und musste mit einem frühen Lebensende rechnen. Zudem blieb ihm zeitlebens eine größere künstlerische Anerkennung verwehrt und er war deshalb ständig in wirtschaftlicher Not. Kein Wunder also, dass sich die Themen Tod und Vergänglichkeit wie ein roter Faden durch das Spätwerk Schuberts ziehen und er sich als Fremder und Unverstandener in seiner Zeit fühlte.

Eine eindrucksvolle Wiedergabe der gesamten „Winterreise“ konnte man zuletzt im Franz-Josef-Lütter-Haus in der Rudolf-Diesel-Straße 28 erleben. Anlass dieses Konzertes war der 65. Geburtstag des Gründers der Johann-Lütter-Stiftung, deren Sitz sich in Heinsberg befindet. In der intimen Atmosphäre des großen Wohnzimmers wurde sogar etwas von der Stimmung lebendig, die wohl Schuberts Freunde beseelt haben mag, als sie zum ersten Mal diese außerordentlich ergreifenden Lieder hörten.

Moll-Stimmung

Als Solisten hatte man Guido Janssen gewonnen, der sich mit Dorothee Broichhausen am Klavier zu einem vorzüglichen Duo zusammenfand. Schon der einleitende Gesang „Fremd bin ich eingezogen“ zog die Zuhörer in den Bann einer lastenden Moll-Stimmung, die im weiteren Verlauf nur an wenigen Stellen aufgehellt wird. Die nachfolgenden Nummern trugen zur kalten Jahreszeit passende Titel wie „Die Wetterfahne“, „Gefrorene Tränen“ oder „Erstarrung“.

Dabei bleibt es keineswegs bei einer äußerlichen Beschreibung: Sowohl im Text als auch in Schuberts Musik werden Schnee, Sturm, Frost und Kälte zu Sinnbildern eines seelischen Zustandes, was für die Zeit der Romantik überaus typisch ist. Einen Lichtblick bildete das Lied vom Lindenbaum „Am Brunnen vor dem Tore“, das später zu einem Volkslied wurde.

Völlige Hoffnungslosigkeit

In nahezu allen Liedern von diesem Zyklus verwendet Schubert eine relativ schlichte, eingängige Melodik, die trotzdem dem Interpreten viel Einfühlungsvermögen und eine enorme stimmliche Flexibilität abverlangt. Guido Janssen erfüllte diese hohen Anforderungen in jeder Beziehung. Auch die Aussprache war derart präzise, dass die Hörer eigentlich keinen Text zum Mitlesen benötigten. Nicht weniger überzeugend meisterte auch Dorothee Broichhausen am Flügel den anspruchsvollen Klaviersatz, der bei Schubert bekanntlich eine der Singstimme adäquate Bedeutung hat.

Von einer geradezu erschütternden Eindringlichkeit ist der Schlussgesang „Der Leiermann“ erfüllt: Über einem leeren Quinten-Organum entspinnt sich eine monotone Melodik, die in genialer Schlichtheit völliger Hoffnungslosigkeit Ausdruck gibt.

Großartige Darbietung

Und die Schlusszeilen: „Wunderlicher Alter, soll ich mit dir geh‘n? Willst zu meinen Liedern deine Leier drehen?“ scheint Schubert offensichtlich auf sich selbst gemünzt zu haben.

Obwohl der gesamte Zyklus ohne Pause durchgesungen wurde, verfolgte das Publikum die Aufführung bis zum letzten Takt mit außerordentlicher Konzentration. Am Ende gab es großen und anhaltenden Applaus für eine Darbietung, die in jeder Hinsicht einen würdigen Rahmen zum Gedenken an den 2003 verstorbenen Hausherrn abgegeben hatte. Anschließend lud die Gastgeberin Ingeborg Lütter noch zu einem kleinen Sektempfang ein.

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