Heinsberg - Fundbüro der Stadt: Im Kosmos der verlorenen Gegenstände

Fundbüro der Stadt: Im Kosmos der verlorenen Gegenstände

Von: Nicola Gottfroh
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Verloren, gefunden, im Rathaus gelandet: Nicht nur verlorenes Geld, sondern ganze Geldbörsen, Handys und Eheringe landen im Heinsberger Fundbüro, wenn sie einem ehrlichen Finder in die Hände gelangen. Und manchmal sind auch ziemlich kuriose Fundstücke dabei. Foto: Gottfroh
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Wolfgang Paulus verzeichnet alle Funde im Fundbuch. Foto: Gottfroh

Heinsberg. Ob es daran liegt, dass sich die Verheirateten besonders fest mit den Fingern in der Besucherritze des Taxis festkrallen, um gerade sitzen zu bleiben? Oder daran, dass sie an diesem Tag lieber „inkognito“ sein möchten, und das Goldstück aus den Untiefen der Hosentasche, in der sie es zuvor unauffällig haben verschwinden lassen, verlieren?

Zu beiden Theorien gibt es keine gesicherten Angaben. Als gesicherte Tatsache gilt allerdings: An keinem Tag werden im Fundbüro der Stadt Heinsberg mehr verlorene Eheringe abgegeben als am Fettdonnerstag.

Wie zum Beweis schlägt Wolfgang Paulus, Leiter des Ordnungs- und Sozialamtes und zuständig für das Fundbüro der Stadt, das Fundbuch auf. Das blaue Büchlein ist der verschriftlichte Kosmos der verlorenen Gegenstände. Paulus fährt mit den Fingern über die Tabellen, zählt und blättert, blättert und zählt. „54, 55, 56....“ Bei 57 angekommen stoppt er. So viele verlorene Gegenstände sind am jecksten aller Tage hereingekommen. „Wenn man bedenkt, dass wir in der Regel 40 Meldungen pro Monat haben, dann ist das an den Karnevalstagen schon enorm viel“, sagt der Leiter des Ordnungsamtes.

In der fein säuberlich geführten Tabelle finden sich zahlreiche Gold- und Silber-, Freundschafts-, Verlobungs- und vor allem Eheringe. Aber auch EC-Karten, Smartphones, Schlüssel und viele andere kuriose Fundsachen sind auf seinen Seiten verzeichnet. „Es ist schon erstaunlich, was die Leute so alles verlieren“, sagt Wolfgang Paulus. Einmal, so erinnert er sich, sei sogar ein verlorener Fleischwolf im Fundbüro abgegeben worden, ein anderes Mal ein Hartschalenkoffer – randvoll mit Kleidung. „Diese Fundstücke gehören mit zu den kuriosesten Dingen, die bei uns abgegeben worden sind.“ Keiner der Eigentümer – weder Fleischwolfbesitzer, noch Kofferverlierer – ließen sich im Nachhinein ausfindig machen. „Das ist schade für die Quote“, sagt Paulus.

Zurückvermittlung schwierig

Denn er und sein Team, zu dem Gabrielle Cremer und Hubert Jakobs gehören, setzen viel Arbeit daran, verlorene Gegenstände an ihre Besitzer zurückzuvermitteln. Das alles erledigen sie neben vielen anderen Aufgaben in der Verwaltung. „Mitarbeiter nur für das Fundbüro abzustellen, das würde sich hier nun wirklich nicht lohnen“, sagt Paulus. Und so teilt sich das Trio die Arbeit. Und die ist vor allem eins: Recherche. Allerdings nicht immer eine erfolgreiche. Und so kommt es vor, dass Fundstücke ihre Besitzer wechseln: „Das Fundstück geht nach sechs Monaten in den Besitz des Finders über, wenn sich der eigentliche Besitzer nicht gemeldet hat und der Finder es haben möchte“, erklärt Wolfgang Paulus.

Immer wieder erlebt er, dass nach manchen Gegenständen gar nicht gesucht wird. „Fahrräder gehören zum Beispiel mit dazu – und oft auch Eheringe.“ Warum das so ist, kann Paulus nur mutmaßen: „Dann müsste man dem Partner ja gestehen, dass man den Ring verloren hat“, sagt er. Während sich viele Menschen mit dem Verlust eines Gegenstandes ziemlich schnell abfinden, gibt es andere, die sich umso verzweifelter nach anderen „Fundstücken“ bei Paulus im Fundbüro erkundigen. Nämlich nach denen, mit vier Beinen. „Vielen Menschen ist gar nicht klar, dass sich das Fundbüro überhaupt mit Tieren beschäftigt“, so Paulus. Doch auch das sei eines ihrer Aufgabengebiete. Entlaufene Tiere kämen aber selbstverständlich nicht ins Fundbüro, sondern ins Tierheim. „Oder sie bleiben beim Finder, bis der Besitzer ermittelt ist.“ Allerdings ließen sich heutzutage viele Hundehalter dank der Chip-Pflicht schnell ermitteln. „Die Eigentümer sind überglücklich, wenn sie ihre Hunde wiederfinden“, so Paulus.

Vierbeinige Fundstücke

Bei Katzen sei die Vermittlung schon schwieriger. „Manchmal findet man den Besitzer auch gar nicht mehr“, erzählt Wolfgang Paulus. Zum Glück erklärten sich in diesem Fall auch manchmal die Finder bereit, dem Tier für immer ein neues Zuhause zu geben. Neulich erst gehörte ein Australian Shepard zu den „Fundstücken“. Dessen Besitzer sei aber innerhalb weniger Stunden gefunden worden. Auch bei Ausweisen und EC-Karten sei die Zurückvermittlungsquote des Heinsberger Fundbüros sehr hoch.

Weitaus mehr Schwierigkeiten hatten er und sein Team vor einiger Zeit, den rechtmäßigen Besitzer eines Porsche 911 zu finden. „Der stand in einer Abrissgarage – und die Eigentümerin der Garage konnte den Eigentümer nicht finden“, erinnert sich Paulus. Trotz monatelanger intensiver Recherche, auch mit der Hilfe der Polizei und des Kraftfahrzeugbundesamtes, habe der Eigentümer des Porsches nicht ausfindig gemacht werden können. „Die Eigentümerin der Garage ist so stolze Besitzerin eines Porsche geworden“, erzählt Paulus. Der Wert des Oldtimers: 12 000 Euro. Genauso viel „Finderglück“ hatte vor der Jahrtausendwende eine Frau, die auf der Straße einen Umschlag mit Papier gefunden hatte – mit Geldscheinen, um genau zu sein. Unfassbare 15 000 D-Mark befanden sich in dem Kuvert. Und auch damals ist es nicht gelungen, einen Eigentümer auszumachen. Und so war die Finderin nach einem halben Jahr um 15 000 D-Mark reicher.

Doch was passiert, wenn sich kein Eigentümer ermitteln lässt und der Finder sein Fundstück auch nicht haben möchte? „Dann werden die Fundstücke zur Veräußerung frei“, sagt Paulus. Das bedeutet nicht mehr, als dass sie unter den Hammer kommen. Zu einer Versteigerung käme es allerdings bei den wenigsten Fundstücke. Denn bei wertvollen Verlustgegenständen wenden etwa 90 Prozent der Finder das Eigentumsrecht an. Andere Dinge, beispielsweise Regenschirme, ließen sich kaum noch veräußern.

Zudem würden nicht alle Fundstücke, die besitzerlos bleiben, in die Masse der Versteigerungsgegenstände fallen, etwa Schlüssel. „Und verlorene Brillen werden nach dem Verstreichen der Halbjahresfrist gespendet“, sagt der Leiter des Ordnungsamtes. „Wir lassen sie dem Verein Wir für Ruanda zukommen. In Zusammenarbeit mit einem Augeninstitut in Ruanda können die in Heinsberg verlorenen Brillen dann noch anderen Menschen einen guten Dienst erweisen“, sagt Paulus. Und auch verlorene Fahrräder, die nicht wieder an den Eigentümer vermittelt werden können und die der Finder nicht haben möchte, kommen nach Ablauf eines halben Jahres Bedürftigen zu Gute.

Für Paulus sind die Heinsberger ein wirklich ehrliches Völkchen. Das merkt er nicht nur daran, dass im Fundbüro jede Menge verlorene Gegenstände abgegeben werden, sondern vor allem daran, dass in verlorenen und gefundenen Geldbörsen immer noch das Geld steckt.

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