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Fachkräftemangel: Ist das Handwerk nicht mehr trendy?

Von: Nicola Gottfroh
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Einzigartige Rezepte, geheime Zutaten: Man erkennt genau, warum der Metzgerberuf ein Handwerk ist. Doch in der Zukunft gehen möglicherweise viele Rezepte und Wissen verloren. Denn junge Menschen zieht es eher in den Hörsaal als in die Küche oder an die Werkband. Fotos: Gottfroh Foto: Gottfroh

Kreis Heinsberg. Es ist noch gar nicht so lange her, da wussten junge Menschen: Handwerk hat goldenen Boden. Letzteres gilt auch heute noch. Doch wollen viele Jugendliche gerade das nicht mehr glauben. Sie zieht es statt in die Werkstätten vielmehr in die Hörsäle der Universitäten. Die regionale Wirtschaft verfolgt mit Sorge den zunehmenden Trend zur Akademisierung.

Denn so wie in vielen anderen Regionen der Republik gibt es auch im Kreis Heinsberg Ausbildungsplätze, die mangels Bewerber nicht besetzt werden. Wenn sich Jugendliche für eine Ausbildung entscheiden, dann eher für eine kaufmännische, ganz nach dem Motto: Lieber am sauberer Schreibtisch arbeiten als an der dreckigen Werkbank. Damit werden in Zukunft jedoch viele Fachkräfte fehlen.

„Deutschland manövriert sich derzeit in die Situation, dass es zwar viele Akademiker, aber zu wenig beruflich qualifizierte Fachkräfte gibt“, sagt Bruno Zahren, Obermeister der Fleischer-Innung Heinsberg. Seit vielen Jahren führt er in Wassenberg eine Metzgerei. Auch wenn er selbst nicht mehr ausbildet, weiß er von den Kollegen, wie schwer es ist, den passenden „Metzger-Nachwuchs“ zu finden. Allein in diesem Jahr würden kreisweit 24 Auszubildende in der Branche gesucht.

„Ein Bedarf, der nur schwer zu decken sein wird“, sagt der Obermeister. Denn: „Für viele Eltern und Jugendliche scheint der Schlüssel für ein erfolgreiches Berufsleben im Erreichen des Abiturs und anschließendem Studium zu liegen“, hat Bruno Zahren feststellen müssen. Er ist der Meinung: „Für junge Leute ist das Handwerk einfach unsexy geworden. Es ist einfach nicht mehr trendy.“

Das befürchtet auch Josef Vos. Für den Erkelenzer Traditionsbäcker wird es zunehmend schwieriger, einen Azubi zu finden. „Es ist von Jahr zu Jahr schlimmer geworden“, berichtet der 56-Jährige.

Die Anzahl der Bewerber sei enorm gesunken. Und weil es seinen Kollegen ähnlich ergeht, schrumpft das gesamte Bäckerhandwerk jedes Jahr um satte drei Prozent. „Innerhalb von 15 Jahren hat sich die Zahl der klassischen Bäcker halbiert“, bedauert Josef Vos. Warum Jugendliche heute keine Bäckerausbildung mehr machen wollen, das ist dem Bäckermeister klar: „Es ist ein anstrengender Beruf, in dem man sehr früh aufstehen muss – und in dem man, wenn man seine Arbeit gut macht, solide verdienen kann, in dem sich das Geld aber nicht von selber verdient.

Kurzum: Die Löhne sind am Anfang der Berufslaufbahn nicht astronomisch“, sagt er. „Deshalb suchen viele junge Menschen den einfacheren Weg. Dabei bietet das Handwerk wunderbare Chancen“, betont Vos. Man muss sie nur erkennen. So wie neulich ein eher wenig alltäglicher Praktikant des Bäckermeisters. Der habe nach Jahren in seinem Beruf als technischer Zeichner mit 30 Jahren dem Drang nachgegeben, handwerklich arbeiten zu wollen, erzählt Vos. „Er war sehr geschickt und die Arbeit gefiel ihm sehr gut – an ihm ist ein guter Bäcker verloren gegangen“, so Vos. Daran merke man, dass der Drang an den Schreibtisch und in den Hörsaal nicht immer den individuellen Stärken eines Menschen entspreche.

„Das Vorurteil der schlechten Bezahlung ist oft falsch“, sagt Dachdeckermeister und Vorstandsmitglied bei der Dachdecker-Innung Heinsberg, Bernd Schmidt. Auch in seinem Betrieb, in dem im Rhythmus von zwei Jahren einen Lehrling ausgebildet werden kann, zeichnet sich ein ähnliches Bild wie in den beiden anderen Handwerksbetrieben: Bewerber sind schwer zu finden. Das liege aber nicht allein an den finanziellen Anreizen. „Das Handwerk hat selbstverständlich auch eine hohe Attraktivität.

Als Geselle verdient man oft ähnlich viel wie ein junger Bankkaufmann. Weniger attraktiv ist dagegen die Tatsache, dass man als Dachdecker auch mal bei Regen oder in der Kälte arbeiten muss – und das ist es, was den meisten Jugendlichen nicht schmeckt“, sagt Schmidt. Trotzdem müssten die Handwerksbetriebe jede Möglichkeit nutzen, um Schüler schon möglichst früh von den Vorteilen des Handwerks zu überzeugen.

Sich wie viele andere kleine und mittlere Unternehmen aus Frust aus der Berufsausbildung verabschieden, das kommt für Schmidt in Frage. „Auf gar keinen Fall. Dann stirbt unser Handwerk ja eines Tages komplett aus. Es ist wichtig, an die Zukunft zu denken“, sagt er. Zudem sehe er noch jede Menge Potenzial bei den jungen Leuten, man müsse es nur aus ihnen herauskitzeln. Beispielsweise, indem man mehr junge Frauen anspricht. Auch im Dachdeckergewerbe.

„Weibliche Auszubildende in unserem Gewerbe gibt es immer nur eine Handvoll. Dabei sind die technischen Hilfsmittel für Dachdecker inzwischen so gut, dass der Dachdeckerberuf nicht mehr nur reine Männerarbeit ist“, sagt Schmidt. Ganz im Gegenteil: „Die Frauen, die den Schritt wagen, schneiden die bei den Gesellen- und später bei den Meisterprüfungen meistens sogar noch viel besser ab als Männer.“

„Vermutlich müssen die Betriebe und das Handwerk im Allgemeinen mehr Werbung für sich machen“, sagt Guido Gottschalk, Juniorchef des gleichnamigen Straßenbauunternehmens mit Sitz in Heinsberg-Straeten. Zwei Auszubildende pro Lehrjahr können in unserem Unternehmen ausgebildet werden. „Und es ist schon schwer genug, diese Lehrstellen mit qualifizierten Bewerbern zu besetzen“, sagt Guido Gottschalk. Er hofft, dass sich der Trend zur Akademisierung in den nächsten Jahren noch einmal zugunsten des Handwerks abschwächen wird.

„Immerhin ist das duale Ausbildungssystem mit Berufsschule und praktischer Arbeit im Betrieb ein deutsches Erfolgsmodell, um das uns im Ausland viele beneiden. Da wäre es doch doppelt tragisch, wenn ein Großteil des Handwerks durch Fachkräftemangel ausstürbe“, betont Gottschalk. „Vielleicht gelingt es dem Handwerk ja, den Jugendlichen bewusst zu machen, dass ihre Anstellungs- und Verdienstchancen oft besser sein könnten als mit manchem Hochschulzeugnis“, sagt auch Bernd Schmidt. Das wäre kein Nachteil für den Standort Deutschland.

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