Heinsberg - Evangelisch nicht die „billigere Variante“ des Glaubens

Evangelisch nicht die „billigere Variante“ des Glaubens

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Der Schauspieler Joseph Fiennes als Martin Luther beim Anschlagen der Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche im Film „Luther“. Historisch ist jedoch umstritten, ob es diesen „Anschlag“ jemals gegeben hat. Foto: epd
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Pfarrer Sebastian Walde. Foto: Herwartz

Heinsberg. Laut der Überlieferung soll Martin Luther am Tag vor Allerheiligen 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg 95 Thesen zu Ablass und Buße angeschlagen haben, um eine akademische Disputation herbeizuführen. Damit leitete er die Reformation der Kirche ein. Heute jährt sich dieser Tag erneut. Doch welche Bedeutung hat er für die Gläubigen noch? Unser Redakteur Rainer Herwartz sprach darüber mit dem Heinsberger Pfarrer Sebastian Walde.

Rund 500 Jahre sind eine verdammt (pardon) lange Zeit. Glauben Sie, dass die meisten der evangelischen Gläubigen eigentlich noch wissen, was damals geschah?

Walde: Das wünsche ich mir, glaube es aber nicht. Warum soll es mit dem Reformationstag besser bestellt sein als mit den übrigen Gedenk- und Festtagen? Anfang Oktober wird mit dem Tag der deutschen Einheit sogar ein arbeitsfreier Gedenktag begangen, aber fragen Sie mal einen Jugendlichen, was „DDR“ oder „Stasi“ bedeuten und dieses Kapitel deutscher Geschichte liegt keine 50 Jahre zurück. Im Blick auf den Reformationstag empfinde ich allerdings die vermutete Unkenntnis der historischen Hintergründe als das kleinere Übel, schlimmer wäre es, wenn der reformatorische Geist nicht mehr wirken würde, der die Frage nach Gott stellt und bei der Suche nach der Antwort sich vom Evangelium leiten lässt. Luther selbst befürchtete übrigens, dass es mit seinen Schriften so gehen könnte, wie mit den übrigen Schriften, die die Kirche zu Bibliotheken angesammelt hat, dass sie von der Heiligen Schrift nur ablenken. Darum schreibt er: „Ich tröste mich damit, dass mit der Zeit doch meine Bücher im Staube vergessen bleiben werden.“ Luther wäre also überhaupt nicht unglücklich, wenn niemand mehr von seinen 95 Thesen wüsste, aber jede und jeder von Gottes Wort.

Und was bedeutet Ihnen selbst dieser Tag vor Allerheiligen?

Walde: Für mich ist dieser Tag vor allem ein Tag der selbstkritischen Besinnung als Mensch und als Inhaber eines kirchlichen Amtes: Inwieweit habe ich mich selbst oder die Kirche als Institution oder irgendeine andere scheinbare Größe wichtiger genommen als Christus.

Mal angenommen, die Reformation im Luther’schen Sinne hätte nie stattgefunden. Würde es dann vielleicht einen katholischen Pfarrer Sebastian Walde geben?

Walde: Das ist eine schwierige Frage. Die römisch-katholische Kirche zu Zeiten Luthers hätte mich wahrscheinlich nicht angezogen, da Sie zu offenkundig eine weltliche Macht sein wollte. Heute wäre ich, ohne die Reformation, wahrscheinlich bei der katholischen Kirche gelandet, aber sicherlich schon längst strafversetzt worden, da ich weder einsehe, dass die Kirche oder ich als Priester den Zugang zu Gott über die Sakramente gewähren oder verweigern darf, noch dass ich einem Bischof oder Papst mehr Gehorsam schulde, als meinem Gewissen.

Abgesehen von der Liturgie und der Tatsache, dass der Papst nicht Ihr geistliches Oberhaupt ist – worin sehen Sie die entscheidenden Unterschiede zwischen evangelischer und katholischer Kirche?

Walde: Zunächst stelle ich eine große Annäherung fest. Die Kritik Luthers gegen den Ablasshandel wird heute auch von der römisch-katholischen Kirche geteilt, so wie viele andere reformatorische Positionen. Aus dieser erreichten Nähe erklärt sich vielleicht auch die, um Profilierung bemühte, Abgrenzung, die Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., 1999 in dem Papier „dominum Jesu“ vornimmt. Er sprach den reformatorischen Kirchen ab, „Kirche“ zu sein. Durch seinen Rücktritt vom Papstamt vollzog er selbst allerdings einen eindrucksvollen Beleg dafür, dass auch von der Kirche verliehene Ämter keine göttlich-übermenschliche Dimension haben, sondern Dienste auf Zeit sind. In der Tat ist die evangelische Kirche keine Kirche im römisch-katholischen Sinne von Joseph Ratzinger. Wir können nicht behaupten, das Heil zu haben und verwalten zu können, im Sinne von Gewähren oder Verweigern. Denn mit Luther halten wir daran fest: „Das Leben ist nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind‘s noch nicht, wir werden‘s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang.“

Luther stellte sich gegen die damals herrschende Ansicht, dass eine Erlösung von der Sünde durch einen Ablass in Form einer Geldzahlung möglich sei. Damit stellte er sich ja indirekt auch auf die Seite der ärmeren Bevölkerung, die zu allen Zeiten überwog. Dennoch ist die Zahl der Katholiken bis heute die größere. Wie erklären Sie sich das?

Walde: Luther hatte auch sozialreformerische Ansätze, in Glaubensfragen ging es ihm allerdings nicht um‘s Portemonnaie: Evangelisch ist nicht die billigere Variante des christlichen Glaubens. Das macht schon die erste von Luthers 95 Thesen deutlich: „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei. Die Befolgung kirchlicher Gesetze und Riten genügt eben nicht. Gefragt ist der eigene Glaube, der sich nur bilden kann, in der eigenen Auseinandersetzung mit Gottes Wort. Im Verhältnis zu Gott können wir uns nicht vertreten lassen, weder durch die Kirche noch durch einen kirchlichen Amtsträger. Die katholische Kirche hat dagegen mit ihrem Glaubensgrundsatz, dass außerhalb ihrer Mauern kein Heil zu erreichen ist, die Gewissen ihrer Mitglieder bisher stärker gebunden. Dies ist vielleicht ein Grund dafür, dass sich die Zahlenverhältnisse so darstellen.

Glauben Sie, dass sich der Mensch an sich selbst in Glaubensfragen leichter durch prunkvolle Gebäude und glitzernde Gewänder beeindrucken lässt als nur durch das gesprochene Wort?

Walde: Wir leben in einer sehr visuellen Welt. Das äußere Erscheinungsbild ist in der heutigen Zeit sehr wichtig und wird stärker wahrgenommen als jede sprachliche Äußerung. Darum kann ich das nicht ausschließen und auch nicht pauschal verurteilen. Wie das Wort sind auch Gebäude und Gewänder Kommunikationsmittel und es ist zu prüfen, ob sie geeignet sind, das Evangelium von der Zuwendung Gottes zum Menschen zu transportieren.

Wäre ein Fall wie der des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst theoretisch auch in der evangelischen Kirche möglich?

Walde: Zu dem Fall des Limburger Bischofs möchte ich mich nicht äußern. Gerade aus der Perspektive, dass Kirche keine unfehlbare Institution ist, sondern ständiger Reformation bedarf, ist dies nicht auszuschließen. Ich hoffe aber, dass der Versuch, Kirche nicht als Bischofskirche, sondern als Gemeindekirche, also von unten her, zu bauen, dem entgegengewirkt.

Trotz aller Unterschiede zwischen den beiden christlichen Kirchen rücken sie im Zeichen der Ökumene wieder näher zusammen. Wäre das auch im Sinne Luthers gewesen?

Walde: Davon bin ich überzeugt. Luther wollte keine neue Kirche gründen, sondern die katholische Kirche reformieren. Bei der Feier des Reformationstages soll uns evangelischen Christen durchaus bewusst bleiben: Die Reformation gehört nicht allein der evangelischen Kirche. Alle christlichen Kirchen sollten sich darauf besinnen, dass Reformation kein einmaliger Akt ist, sondern ein permanenter Prozess, weil wir die Glaubenswahrheit nicht haben, sondern unsere menschlichen Bemühungen immer wieder der Prüfung und Reformation durch die Heilige Schrift unterziehen müssen.

Als beliebtes Gebäck zum Reformationstag kennt man in Leipzig das Reformationsbrötchen, das von Bäckern am 31. Oktober angeboten wird. Es soll eine Lutherrose symbolisieren. Wird bei Ihnen heute auch gebacken oder wie feiern Sie diesen denkwürdigen Tag?

Walde: Typisch evangelisch. Wir feiern einen Gottesdienst, um 18 Uhr in der Christuskirche, in dem mein Kollege Pfarrer Martin Jordan die Predigt hält. Dazu lade ich herzlich ein.

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