EU-Bürokraten wollen Kreiseln an den Kragen

Von: Norbert F. Schuldei
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Den „Barbarastuhl“, wie die Hückelhovener das Kunstwerk auf dem Kreisverkehr an der Jülicher Straße nennen, darf es eigentlich gar nicht geben. Wenn es nach der EU-Verordnung 2008/96/EG geht. Foto: N. Schuldei

Kreis Heinsberg. Kreisverkehre sind in den vergangenen Jahren aus dem Boden geschossen wie im Herbst die Pilze im Wald. Wer von Erkelenz aus in Richtung Baal fährt, rotiert praktisch von einem Kreisel in den nächsten.

Nicht selten sind die Verkehrsinseln mit hübsch anzusehendem Grünzeug bepflanzt, die von den Mitarbeitern des Bauhofes im Sommer in aller Herrgottsfrühe liebevoll betränkt werden. Bisweilen zieren mächtige Findlinge mit kunstvoll geschmiedeten oder gegossenen Schriftzügen und dem Wappen des Ortes in dezentem Farbaufstrich den Kreisverkehr.

In Rurich hat man neben einer Pumpe mit einem mächtigen Schwengel auch zwei Bänke postiert, die an lauen Abenden im Dämmerlicht zum Verweilen und zum Plauschen einladen. Kurzum: Die Kreisel sind zu Schmuckstücken umgestaltet worden. Und sie sind zu etwas wie Zeichen regionaler Identität aufgestiegen.

Aus, vorbei, weg damit! Jedenfalls dann, wenn es nach den Bürokraten in Brüssel geht.

Für die nämlich sind mittig, seitlich oder in einem Kreisverkehr postierte Findlinge, Pumpen, Bänke, Steine oder sonstigen harte, jedenfalls nicht geschmeidige, weiche oder biegsame Gegenstände „feststehende, starre Hindernisse“. Und so was gefährde die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer in nicht zumutbarer Weise. Sagen die Experten der EU.

Und haben deshalb in der Verordnung 2008/96/EG mit dem Titel „Sicherheitsmanagement für die Straßenverkehrsinfrastruktur“ festgeschrieben, dass „Sicht und Fahrtweg“ von Verkehrsteilnehmern nicht beeinträchtigt werden dürften. Die Mitgliedsstaaten werden zur Beseitigung dieser Sicherheitsrisiken aufgefordert.

In den vielen Ländern Europas wurde die Verordnung aus Brüssel bisher herzhaft ignoriert. Die Stadt Paris beispielsweise ließ wissen, dass man nicht gedenke, den Arc de Triomphe abzutragen. Und auch in Hückelhoven macht sich kein Mensch daran, am so genannten „Barbarastuhl“ zu sägen.

Dieses schrottige Stahlgebilde auf dem Kreisverkehr an der Jülicher Straße ist fast zu einem Wahrzeichen aufgestiegen. Gleich neben dem Gerüst an Schacht 3. Es ist ein „starres Hindernis“, das einer Frau sogar auf den Sessel der Ersten Beigeordneten der Stadt verholfen hat.

Angelika Stöcker erinnert sich genau: „Im November 1990 hatte ich ein Vorstellungsgespräch in Hückelhoven. Das Gespräch verlief recht gut, und zum Ende hin fragte mich der Stadtdirektor: Was sagen Sie denn zu unserem Denkmal? Ich wusste nix von einem Denkmal.

Es ging dann so ein bisschen hin und her, ich sagte so was in der Art von: Wo steht es denn, ich kann es mir auf der Rückfahrt ja mal ansehen. Auf einmal zog der Stadtdirektor eine Postkarte aus der Tasche und hielt sie mir entgegen.

Abgebildet war ein förderturmähnliches Gebilde im Abendrot. Ich sagte: Sieht aus wie‘n Förderturm. Darauf rief ein kleiner, älterer Herr: Danke! Alle lachten. Ich war total verunsichert und fragte nach: Das soll doch wohl ein Förderturm sein. Heiterkeit. Der kleine Herr sagte: Ja. Es war der Bürgermeister.“ Die ehemalige Beigeordnete ist heute sicher, dass sie den Job bekommen hat, weil sie „sofort erkannt hatte, dass das Kunstwerk auf dem Kreisverkehr einen Förderturm darstellen sollte.“

Der Kreisverkehr mit dem Kunstwerk drauf verfolgte Stöcker auch noch in ihrer Zeit als Beigeordnete. „Einmal“, erinnert sie sich, „hatten wir eine Anzeige wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Als Grund wurde angegeben: Wer sich dem Kreisverkehr in einem Automobil nähert, kann sich nicht mehr auf den Verkehr konzentrieren, weil ihn ein monströses Machwerk in den Bann schlägt“.

Im vergangenen Jahr wurde das Kunstwerk von der Stadt eingehend untersucht. „Wie bei Brücken wurde ein Untersuchungsbuch angelegt“, sagt Horst Minkenberg vom Bauamt der Stadt. Danach kann der „Barbara- stuhl“ noch Jahrzehnte stehen.

Der Vergleich mag zwar etwas gewagt klingen, trifft aber den Kern: Was den Parisern der Arc de Triomphe ist den Hückelhovenern ihr „Barbarastuhl“. So haben die, die in der Stadt zuhause sind, die einmal von der Kohle lebte, das Kunstwerk auf dem Kreisel benannt. Abreißen? Weg damit? Das geht ja nun aber gar nicht!

„Ja“, sagt der Technische Beigeordnete der Stadt, Dr. Achim Ortmanns, „wir wissen um die Problematik mit der EU-Verordnung“. Allerdings würden in Abstimmung mit dem Straßenbaulastträger, in den meisten Fällen also Straßen NRW, einvernehmliche Regelungen gefunden. „Innerorts wird das ohnehin nicht so streng gehandhabt, wenn auf dem Kreisverkehr ein starres Denkmal postiert ist“, sagt er. Da stünde dann die Front Baulastträger vs. Denkmalschutz. „Der Barbarastuhl“, räumt er ein, „ist tatsächlich ein Thema. Im Moment allerdings ist es kein Problem.“

Ein großes Problem war der Kreisverkehr in Erkelenz am Ortsausgang Richtung Granterath für einen Lkw-Fahrer: Der Kreisel war gerade zwei Tage alt, da ist ein Lkw nachts mitten drauf gebrettert. Ansonsten, so ist von der Pressestelle der Kreispolizeibehörde zu hören, ist von Unfällen auf den Kreisverkehren nichts bekannt.

Allerdings: „Der Kreisverkehr in Dremmen würde heute nicht mehr genehmigt werden“, sagte der Polizei-Sprecher. Abreißen kommt freilich auch nicht in Frage. „Nein“, sagt Harald Bode bei Straßen NRW auch für Kreisverkehre zuständig. „Abriss ist wirklich die ultima ratio“. Wenn sich an einem Kreisverkehr allerdings die Unfälle häuften, dann träte die Unfallkommission zusammen. „Oberste Priorität“, sagt der NRW-Straßen-Mann, „hat die Verkehrssicherheit“. Auch im Kreisverkehr.

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