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Eloquenz und Charme eines Ruhrpottlers: Hagen Rether

Von: hewi
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Hagen Rether begeisterte in der Hückelhovener Aula mit seinem Programm.

Hückelhoven. Das Klavier der Aula hatte auf der Bühne fast nur dekorative Funktion. Denn anstatt darauf zu spielen, nutzte Hagen Rether in seinem Programm „Liebe“ die Gelegenheit, das sperrige Instrument ausgiebig zu putzen.

Für die Aula fand Rether gleich vorneweg anerkennende Worte. „Es ist schon geil, was die sich damals zusammengebaut haben“, betonte er, nachdem er sich in diesem Bauwerk umgesehen hatte, das auf dem „Höhepunkt der Entnazifizierung“ entstanden war. Und dann war da dieses fassungslos gemurmelte „was die wohl geraucht haben“. Rethers Kommentare kommen oftmals aus dem wie zu sich selbst gemurmelten Off. Der Essener Kabarettist schafft es, die fatalistische Sprachlosigkeit der Menschen zu inszenieren. Und damit spricht er den Zuschauern aus der Seele, die geduldig fast zwei Stunden zuhören, bevor Rether sie nach einem angetäuschten Klavierspiel in die Pause entlässt.

Immer wieder kommen ihm die dahingemurmelten Phasen und Versatzstücke über die Lippen. „Drecks-Guttenberg, die Sau!“ als Endloskommentar zur Empörungsgesellschaft der selbstgerechten Ignoranten, denen „eh alles wumpe“ ist. Oder das fassungslose „Warum machen die das?“, mit dem er seine Exkurse in bizarre Auswüchse der Gesellschaft beendet. Seine Eloquenz, gemischt mit dem Ruhrpott-Charme des Esseners und der geradezu beiläufigen Vortragsweise macht den Reiz Rethers aus. Seine dahingeworfenen Fragen wie „Warum haben die Arschlöcher immer die beste Lobby?“ bringen es auf den Punkt, ohne belehrend zu wirken.

Denn Belehrung kommt nicht gut an in der „Gesellschaft voller selbstgerechter Arschgeigen“. Aber Empörung, denn die lenkt so gut vom Denken oder Einfach-mal-Innehalten ab. Und deshalb wird sich auf Teufel komm raus empört, ohne nachzudenken und ohne echte Anteilnahme. Er selbst kann nach eigenen Aussagen nur überleben, weil er den deutsch-französischen Sender arte schaut.

Oder Talkshows, in denen Sarah Wagenknecht liberale Politiker innerhalb weniger Minuten zerfetzt. Die Teilnehmer an Talkshows werden übrigens höchstwahrscheinlich in der Uckermark gezüchtet und gleich am Sessel fest verschraubt zu den Shows geliefert. Auch die Religionen bekamen ihr Fett weg, die er als „einen einzigen feuchten Männertraum“ bezeichnete.

Wer genau zuhörte, bekam doch Ratschläge mit auf den Weg. Denn Rether plädierte für das bedingungslose Grundeinkommen ebenso wie für das Verbot der NPD und mehr bürgerliche Freiheit als Reaktion auf Attentate und neue Gesetze.

Einmal kam das Klavier dann doch noch zum Einsatz, nämlich mit einer eigenwilligen Interpretation von Michael Jacksons „Earth Song“.

Mit einem „Seien Sie nett zu Ihren Kindern“ entließ Rether sein Publikum nach rund drei Stunden in die Welt, die plötzlich ein kleines bisschen anders aussah.

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