Mönchengladbach - Die rote „3”: Ein Code, der Patienten dem Tod überließ

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Die rote „3”: Ein Code, der Patienten dem Tod überließ

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
Wegberg Antonius-Klinik
Der ehemalige Chef der Antonius-Klinik in Wegberg muss sich vor Gericht verantworten, weil sieben Patienten durch Behandlungsfehler gestorben sein sollen. Foto: dpa

Mönchengladbach. Hätte das Leben von Anna S. noch verlängert werden können? Auch beim Prozesstag am Dienstag gegen den Ex-Chefarzt der Wegberger St.-Antonius-Klinik Arnold Pier war dies die zentrale Frage vor dem Landgericht Mönchengladbach.

Tiefe Einblicke in die Abläufe der Intensivstation taten sich bei der Zeugenvernehmung von sieben Krankenschwestern auf, nachdem der Gutachter Pier vorgeworfen hatte, den Tod der 76-jährigen Patientin „in Kauf genommen zu haben”, und aussagte: „Es ist nicht erkennbar, warum keine intensivmedizinischen Maßnahmen mehr getroffen wurden”.

Im Mittelpunkt der Erörterungen stand am Dienstag eine von Pier veranlasste rote Ziffer „3” in der Patientenakte - ein Code, der für alle Pflegekräfte verbindlich war. Was er bedeutete, war am Dienstag unstrittig: „Es finden keinerlei Reanimationen mehr statt, der Patient darf sterben”, sagte Krankenschwester Jutta W. (47), die mit ihrer anonymen Anzeige einen der größten Krankenhausskandale Deutschlands ausgelöst hatte.

Alle als Zeugen geladenen Pflegekräfte definierten die rote Drei unisono: Keine künstliche Beatmung mehr (Intubation), keine Herzdruckmassage, mit Einschränkungen keine medikamentöse Behandlung mehr.

Thomas Verheyen, agilster der drei Pier-Anwälte, trug eine erste Erklärung vor, der noch weitere folgen sollen. Danach habe sein Mandant bei der mit dem Tode ringenden Patientin „ausschließlich die Intubation” untersagt. Angesichts der eingeschränkten Leber- und Lungenfunktion sei eine erfolgreiche Beatmung „höchst unwahrscheinlich” gewesen. Dagegen habe Pier die Absetzung der Medikamente, insbesondere zur Stärkung von Herz und Kreislauf, „zu keinem Zeitpunkt” angeordnet. Genau das war aber passiert.

Irritierend erschien vor allem ein Klammerzusatz hinter der „3”, in dem es hieß: „Keine Intubation”! Warum dies? „Eigentlich überflüssig, denn das beinhaltet ja bereits die Rote 3”, hakte Richter Lothar Beckers nach.

Während Pier dies als Beweis für seine Version werten konnte, dass er nur die Intubation unterbinden wollte, sagte die damals diensthabende Krankenschwester Vera S. (48) aus: „Den zusätzlichen Klammervermerk habe ich nur zur Deutlichmachung hinzugefügt.” Was Richter Beckers zur Feststellung verleitete, dass man „solcherlei Auslegungsbedürftigkeiten” in der Intensivmedizin unbedingt vermeiden müsse.

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