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Der „Ort der Begegnung“: Ein Raum für Leid und Menschlichkeit

Von: Monika Baltes
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Sich die Hände reichen, gemeinsam in die Zukunft blicken: Der „Ort der Begegnung“ macht das möglich. Foto: Stock/Chromorange
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„Ehrenamtler können wir immer brauchen“: Ursula Rothkranz, „Ort der Begegnung“. Foto: Monika Baltes

Erkelenz. „So wie du bist“, das war die Antwort. Die Antwort auf die Frage, wie sie den Menschen am „Ort der Begegnung“ entgegentreten solle. Lächelnd erinnert sich Kathrin Rudat an die Anfänge vor gut eineinhalb Jahren. So lange gibt es den „Ort der Begegnung“ in Erkelenz, Roermonder Straße 34a, gleich neben dem Friedhof.

Es fällt ihr leicht, zu sein, wie sie ist. Und die Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Mit viel Fingerspitzengefühl balanciert sie zwischen Distanz und Nähe – und spürt, wem nur nach einem unverbindlichen Geplauder zumute ist und wer echte Zuwendung und eine Umarmung braucht. Sie schenkt Kaffee ein, hat Aufschnittplatten dekoriert, gibt die perfekte Servicekraft – und ist doch so viel mehr. Sie weiß um die Freuden und Nöte der Menschen, die hierher kommen, ist Ansprechpartnerin und gute Seele, kann vertrauliche Gespräche für sich behalten und geduldig zuhören. „Wir wollen hier eine Austauschmöglichkeit schaffen, wollen Freude, Hoffnung und Leid teilen“, sagt sie.

Erste kleine Schritte

Auf die Idee, in einem Café zu frühstücken, käme Magdalene Jansen nie. Sie sitzt in dem hellen, gemütlichen Raum vor ihren Marmeladenbrötchen. Mehr als 60 Jahre lang hat sie alles gemeinsam mit ihrem Mann unternommen, ihn fünf Jahre lang gepflegt. Seit er vor mehr als einem Jahr gestorben ist, ist sie viel alleine. „Mein Sohn wohnt außerhalb“, erklärt sie. Seit einiger Zeit hat sie sich angewöhnt, den wöchentlichen Besuch des Erkelenzer Kolumbariums mit einem Frühstück am „Ort der Begegnung“ zu verbinden. „Im ersten Jahr bin ich nirgendwo hingegangen“, bekennt sie und macht nun die ersten kleinen Schritte auf die Menschen zu. Mittendrin ist sie noch nicht, aber immerhin schon einmal dabei.

Das kann Ursula Rothkranz, Gemeindereferentin der Katholischen Kirchengemeinde St. Lambertus Erkelenz, gut verstehen. „Wir bieten hier einen geschützten Raum mit Wohnzimmeratmosphäre“, versucht sie die Besonderheit des Ortes zu beschreiben. In der Grundidee war der „Ort der Begegnung“ ein Treffpunkt für Alleinstehende „und hat sich dann weiter entwickelt“, freut sie sich.

So treffen sich an der Roermonder Straße beispielsweise Eltern von fehl- und frühgeborenen Kindern, um sich auszutauschen. Im Seminarraum sind regelmäßig Kommunionkinder zu Gast, Tanz und Bewegung für Senioren stehen regelmäßig auf dem Programm, einmal im Monat begegnen sich Angehörige von dementiell erkrankten Menschen. „Und zwar mit den Erkrankten“, betont Rothkranz. Auch das Frühstück jeden Mittwochmorgen wird gut angenommen.

Vom Nebentisch schallt herzhaftes Lachen herüber. Fünf Frauen haben es sich dort gemütlich gemacht. Christa Frank und Claudia Hackmann sind schon lange dabei, die anderen drei Damen sind nach und nach hinzugekommen. „Inzwischen treffen wir uns regelmäßig hier und freuen uns darauf“, versichert Christa Frank mit zufriedenem Blick in die gut gelaunte Runde.

Frauen sind generell in der Überzahl bei den Veranstaltungen. Das liege zum einen daran, dass Männer sich in der Öffentlichkeit freier bewegen, zumindest in der Generation der jetzigen Senioren, vermutet Rothkranz. „Männer sind immer schon irgendwo hingegangen, Frauen waren oft nur in Begleitung ihrer Männer unterwegs und trauen sich nicht, alleine unter Leute zu gehen.“ Zum anderen seien Frauen finanziell schlechter versorgt, und das preiswerte Frühstück für zwei Euro sei daher sehr willkommen.

Aber niemand wird hier gefragt, ob er dem Alleinsein entfliehen will oder ob das preiswerte Frühstück eine Rolle spielt. Frühstücken in Gesellschaft – das ist es, was lockt: Gesprächspartner finden, Mitspieler für ein Kartenspiel treffen, Menschen begegnen, nicht alleine sein.

Der „Ort der Begegnung“ ist eine Initiative von Amos, einem Verein gegen Armut und Arbeitslosigkeit in der Region Heinsberg in Kooperation mit der Katholischen Kirchengemeinde St. Lambertus Erkelenz, der Katholischen Kirche der Region Heinsberg und dem Bistum Aachen und wird über Fördergelder und Spenden finanziert. Die Finanzen treiben Rothkranz dennoch Sorgenfalten auf die Stirn: „Das Projekt ist auf zwei Jahre befristet – dann müssen wir sehen, wie es weitergeht.“ Sponsoren seinen immer herzlich willkommen.

Offen für alle

„Und Ehrenamtler können wir immer brauchen“, berichtet sie von den guten Ideen, die von außen eingebracht werden: Vorlesenachmittage, Bastelaktionen oder Gesprächsrunden – die Räumlichkeiten des Begegnungsortes stehen allen zur Verfügung. Rothkranz: „Wir sehen uns als Treffpunkt für unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen.“

Langsam leert sich der Raum. Auch Magdalene Jansen hat zum Mantel gegriffen. Sie will noch „ein Blümchen ins Kolumbarium bringen“ und sich dann auf den Weg nach Hause machen. „Ja, dann bis nächste Woche“, sagt sie etwas zaghaft, aber es klingt wie ein Versprechen.

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