Heinsberg - Der Kampf der Einzelhändler gegen den Online-Kaufboom

Der Kampf der Einzelhändler gegen den Online-Kaufboom

Von: Rainer Herwartz
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Der Einkauf über das Internet hat in den letzten zehn Jahren rasant zugenommen. Foto: imago/Insadco

Heinsberg. Das Einkaufen im Internet stellt den Einzelhandel vor Ort vor eine völlig neue Herausforderung – auch in der Region. Einige Heinsberger Einzelhändler berichten sogar davon, dass Kunden zum Teil nur in ihr Geschäft kämen, um mit dem Handy den gewünschten Artikel zu fotografieren, am besten auch noch gleich die Produktnummer zu erfragen und dann im Internet danach auf die Suche zu gehen.

Der Hauptverband des deutschen Einzelhandels (HDE) ermittelte im Jahr 2003 einen Anteil des Internets am Gesamtumsatz des Einzelhandels von 2,1 Prozent – ohne das Kfz-Gewerbe. Seriöse Schätzungen, so hieß es damals, gingen davon aus, dass der Internet-Handel langfristig nicht mehr als zehn Prozent des Einzelhandelsumsatzes auf sich vereinen werde.

Bislang behielten die Auguren Recht, denn im Jahr 2011 lag der Anteil des Internets am Gesamtumsatz des Einzelhandels bei 8,2 Prozent. In nackten und gleichsam beeindruckenden Zahlen bedeutet das laut Institut für Handelsforschung in Köln eine Entwicklung allein zwischen den Jahren 2006 und 2011 von 9,8 auf 27,6 Milliarden Euro. Ein stolzer Batzen.

„Mich treibt dieses Thema sehr um, nicht zuletzt, weil ich den Handelsausschuss der Industrie- und Handelskammer leite“, sagt Peter Heinrichs, der mehrere Geschäfte im Textilbereich in Heinsberg betreibt. „Bei allen Artikeln, bei denen der Kunde genau weiß, was er will, ist das Internet eine Gelegenheit, sich zum Beispiel gerade in diesen Tagen für einen Einkauf der Witterung zu entziehen. Es bietet eine leichte Möglichkeit zu bestellen bei maximaler Transparenz. Der Servicegedanke muss dabei allerdings in den Hintergrund treten. Ebenso das Kauferlebnis.“

Genau hier sieht Gewerbevereinsvorsitzender Peter Gering denn auch schon „die Chance, die wir haben, den Kunden durch unseren Service zu binden“.

Vor allem im Buchhandel, im Autohandel, im Bereich der Unterhaltungselektronik oder wenn es um reine Flugbuchungen gehe, stelle der Internethandel eine echte Konkurrenz dar. Und selbst der Bekleidungssektor bleibe da nicht außen vor, erklärt Stefan Emunds, Geschäftsführer der HeinsbergCard und Betreiber von E-K CompuStore.

Man denke nur an „zalando“. Derlei Unternehmen kämpften jedoch häufig mit dem Problem der Vielzahl von Retouren und daraus folgenden roten Zahlen. „Im Bekleidungsbereich werden vier Teile bestellt, aber höchstens eins gekauft.“ Auch die Kosten für die immense Werbung fräßen diese Unternehmen auf, ergänzt Dietmar Spielkamp, Inhaber des Tui Reise-Centers.

Doch obwohl auch Peter Gering erklärt, dass in den vier Jahren, in denen er jetzt schon regelmäßig alle Veranstaltungen des G & V in Heinsberg besuche, die Gefahr durch Internethandel „eigentlich nie ein Thema“ gewesen sei, sind die Einzelhändler in Heinsberg nicht so blauäugig zu glauben, dass der Kelch gänzlich an ihnen vorüberginge.

„Die Leute, die im Netz gekauft haben, sind nicht mehr als Frequenz auf der Straße unterwegs“, sagt denn auch Peter Heinrichs klipp und klar. In den letzten 15 Jahren sei die Einzelhandels-Verkaufsfläche generell um 26,3 Prozent gewachsen, der reale Umsatz habe jedoch um 5,1 Prozent abgenommen, so dass die Flächenleistung um 16,1 Prozent in den Keller gegangen sei.

Durchschnittlich betrage der Einzelhandelsumsatz laut Statistik 3000 Euro pro Quadratmeter Verkaufsfläche. Wenn man nun bedenke, dass im Internet rund 30 Milliarden Euro umgesetzt würden, sinke im Gegenzug natürlich dieser Quadratmeter-Umsatz bei den stationären Einzelhändlern. „Es ist also wichtig, die Frequenz zu steigern. Wir sind immer noch Nahversorgungszen-trum, deshalb ist die Erreichbarkeit der Geschäfte mit dem Pkw von großer Bedeutung.

Der Händler muss zudem sehen, dass er keine offenen Flanken hat. Man muss den Wechsel in den Kundenbedürfnissen erkennen und umsetzen. Unser Kerngeschäft ist zum Beispiel Wäsche. Früher war es die Feinripp-Unterhose, die 90 Prozent der Männer trugen, heute sind es Retro-Unterhosen.“

Auch Dietmar Spielkamp weiß, dass es vor zwei Jahren noch rund 12.500 Reisebüros in Deutschland gab. „Jetzt sind es nur noch weniger als 10.000.“ Spielkamp hatte offenbar die Zeichen der Zeit erkannt und in die Hände gespuckt. „Seit wir 2010 umgebaut haben, schreiben wir die besten Jahre. Wir haben momentan das modernste Reisebüro zwischen Mönchengladbach und Aachen.“ Dort wo früher 168 Reisekataloge die Kunden mit einem unübersichtlichen Farbenmeer begrüßten, stünden nun nur noch 15 im Regal.

„Das Internet hat meinem Geschäft nicht geschadet, aber es hat zu einer Umstrukturierung geführt“, erläutert Stefan Emunds. „Es gibt Produkte wie Scanner oder Drucker, bei denen der Verkauf zurückging. Dafür wurde das Serviceangebot wesentlich mehr angenommen. Wir sind in der Lage, durch eine Dienstleistung, die wir zum Gerät bieten, dieses an die individuellen Bedürfnisse des Benutzers anzupassen.“ Und genau diese Möglichkeit sieht er im Internet nicht.

Dennoch glaubt Peter Heinrichs: „Es ist wichtig, dass wir als stationäre Händler das Internet nutzen, um unsere Kunden auch hier über Verkaufsaktionen oder Öffnungszeiten zu informieren. Ich glaube, die jungen Leute schauen da immer öfter rein. Dort nicht vertreten zu sein, kann man sich nicht leisten.“

Das sieht auch Marcus Mesche von der Buchhandlung Gollenstede so. „Die Kundentreue gibt es zwar noch, aber nicht mehr wie vor 20 Jahren.“ Wir sind mit allen Geschäften online vertreten, so dass jeder nachts aufwachen und direkt ein Buch bestellen kann. Das wird auch angenommen, aber noch nicht so, wie es sein könnte.“

Die klassische Literatur oder Kunst- und Bildbände würden nicht primär im Internet gehandelt. „Diese Käufer haben einen Bezug zum Buch, den sie sich nicht nehmen lassen wollen. Sie werden bestimmt keine E-Book-Leser.“ Und außerdem: „Die Buchhandlung ist immer eine Oase der Ruhe, Yoga für die Seele.“ Florierende Geschäfte sind dies sicher auch für das pulsierende Leben in einer Stadt.

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