Demente Menschen meistern den Alltag gemeinsam

Von: Nicola Gottfroh
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Alltägliche Arbeiten helfen dementiell erkrankten Menschen, aktiv zu bleiben. Die Bewohner der Hausgemeinschaft im Johanniter-Stift können sich je nach eigenen Fähigkeiten, Stärken und Interessen an den anfallenden Aufgaben beteiligen – wenn sie denn wollen. Foto: Gottfroh
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Alexandra Mundus ist vom Erfolg des Hausgemeinschafts-Konzept überzeugt. Foto: Gottfroh

Wassenberg. Es ist das zweite Mal an diesem Tag, dass Gerda K. (Name von der Redaktion geändert) den drei ergrauten Damen, die ihr gegenüber am Kaffeetisch sitzen und fleißig Äpfel für das Apfelkompott schälen, von ihrem Erfolg beim letzten Kegeltreff erzählt. Auch wenn sie vieles andere vergisst – mit welcher Technik sie alle Neune abräumt, vergisst sie nicht. Dafür aber, dass sie diese Episode eben bereits erzählt hat.

Woanders würden sich die Gesprächspartner davon vielleicht genervt zeigen. Woanders würde man Gerda K. womöglich angehen, und ihr erklären, sie habe die Geschichte erst kurz zuvor erzählt.

Nicht aber hier. Hier, in dem großen Wohnhaus gegenüber dem Johanniter-Stift, wohnen 20 demenzkranke Frauen und Männer zusammen in einer Hausgemeinschaft. Hier ist es nicht so schlimm, wenn man vergisst, was man schon einmal erzählt hat, oder den schon geschälten Apfel noch mal schält.

Alternative Wohnform

Obwohl die Hausgemeinschaft zur Gesamteinrichtung des Stifts gehört, ist sie ein weitestgehend autarker Teil der Einrichtung. Die Senioren leben gemeinsam in einer Art großen Wohngemeinschaft.

„In der Hausgemeinschaft ist eine Betreuung möglich, die dem Krankheitsbild der Demenz voll und ganz Rechnung tragen kann, in der den Bedürfnissen der Erkrankten entsprochen werden kann“, betont Alexandra Mundus, Leiterin des Johanniter-Stifts.

Das Konzept der Hausgemeinschaft ist eine gute Alternative zu der klassischen Betreuung in einer Senioreneinrichtung. Neu ist die Idee der Hausgemeinschaft aber nicht.

Bereits vor sechs Jahren wurde sie in Anlehnung an das Konzept des Kuratoriums Deutsche Altershilfe im Johanniterstift erstellt. Leitidee ist, den im Alltag oft verwirrten Menschen in einer überschaubaren, familienähnlichen Gruppe ein an der Normalität orientiertes Lebens- und Wohnumfeld zu bieten.

Was normal ist, das entscheiden allerdings die Bewohner. Denn die Hausgemeinschaft ist ein Ort, an dem Realitäten, das Früher und das Heute, das Meins und Deins miteinander verschwimmen.

In fremden Schränken zu wühlen oder sich ins falsche Bett zu legen, wenn man gerade einmal die Zimmer verwechselt hat, ist hier nicht schlimm. „Hier sitzen alle in einem Boot und haben für diese kleinen Fehler der Mitbewohner vollstes Verständnis“, erklärt Mundus.

„Das Leben funktioniert hier ganz anders als im Haupthaus, weil die Bewohner ganz ohne Druck und Vorschriften von außen ihr Leben gestalten“, so Mundus.

Wie bei Pipi Langstrumpf

Um das zu verdeutlichen, zeigt sie auf die „Hausunordnung“, die ganz andere Regeln aufstellt, als die, die es im klassischen Altenheim gibt. Diese haben fast alle nur einen Tenor: Angehörige, lasst uns machen, so wie wir wollen.

Es ist eine Welt wie bei Pipi Langstrumpf, in der das Einhalten von Regeln beziehungsweise gerade das Nichteinhalten von Regeln das Stärkeverhältnis von Gesunden und Kranken umdreht. „Den Bewohnern bleibt die eigene Entscheidungsfreiheit. Grenzen werden nur dort gesetzt, wo es um die Sicherheit geht.“

Das Johanniter-Stift ist nicht die einzige Einrichtung in der Region, die für ältere, dementiell erkrankte Menschen eine Betreuung in alternativen Wohnformen anbietet. Auch andere Einrichtungen bieten Wohngemeinschaftskonzepte innerhalb des Seniorenheims.

Dennoch ist die Hausgemeinschaft im Johanniter-Stift in ihrer Art einzigartig. Denn sie hat eher den Charakter eines Wohnhauses.

Wer rein möchte, muss klingeln – „so macht man das schließlich immer, wenn man zu jemandem nach Hause möchte. Und unsere Bewohner sollen hier ein wahres Zuhause finden“, sagt Mundus. Ihr ist es wichtig, dass die Würde der Menschen nicht verloren geht.

Auf zwei Etagen sind die Bewohner Herren über ihre jeweiligen Einzelzimmer mit Bad, und teilen sich den großen Wohnküchenbereich ein Wohnzimmer, kleine Funktionsräume und den Garten.

„Die Bewohner dürfen hier leben wie zu Hause und persönliche Gewohnheiten beibehalten, aufstehen und zu Bett gehen, essen und lesen, arbeiten oder nicht arbeiten, wann sie wollen“, erklärt Mundus. „Und wer spazieren gehen möchte, geht spazieren.“

Und trotz dieser Wahrung der individuellen Bedürfnisse und der eigenen Privatsphäre, könne die Gestaltung des Alltags jederzeit in der Gemeinschaft erlebt werden. „Die Bewohner können sich je nach eigenen Fähigkeiten, Stärken und Interessen an den anfallenden Aufgaben, dem Kochen, Waschen, Staubwischen an Spielen und Aktionen beteiligen – wenn sie denn wollen“, betont Mundus.

Nach sechs Jahren ist Mundus voll des Lobes für das Konzept. „Die Erfolge sind beachtlich“, betont Mundus. Auch wenn klar ist, dass niemand der 20 Bewohner den Kampf gegen die unheilbare Demenz gewinnen wird. Doch durch die fortwährende und in den Alltag integrierte Förderung in der kleinen Gruppe schreite die Demenz langsamer voran, versichert Mundus.

„Wir sind bemüht, die vorhandenen Ressourcen bei den Bewohnern länger zu erhalten und zu fördern.“ Dabei sei man aber auch auf die Hilfe der Angehörigen angewiesen. „Häufiger Besuch wie zu Hause ist wichtig. Jeder Input ist wichtig“, sagt Mundus.

Schade sei nur, dass viele Bewohner erst zur Hausgemeinschaft stießen, wenn die Krankheit schon weit fortgeschritten sei. „Kämen sie früher, könnten wir die Stärken durch Förderung noch länger erhalten“, betont Mundus.

Diese Art der Betreuung hat allerdings auch ihren Preis. „Der ist aber nur marginal höher als die klassische Betreuung“, sagt Mundus. Rund 40 Euro zahlen die Angehörigen in der höchsten Pflegestufe täglich mehr. In niedrigeren Pflegestufen ist es noch weniger.

„Aber was ist das im Vergleich dazu, weiterhin ein selbstbestimmtes Leben mit einer Perspektive zu führen?“, fragt Alexandra Mundus. Der Erfolg scheint ihr Recht zu geben.

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