Dem Brauchtum die Krone aufsetzen

Von: Rainer Herwartz
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Der Eulenspiegel, wie hier auf der Heinsberger Karnevalssäule zu sehen, hält den Menschen den Spiegel vor – ein klassisches Symbol der Fastnacht. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Dass der Karneval, sprich die sessionale Narretei, bisweilen eine bierernste Sache sein kann, weiß jeder, der sich auf professionelle Art mit dem Brauchtum auseinandersetzen darf. Vor allem wenn es um den Erhalt und die Förderung geht, bedarf es eines wohlkalkulierten Vorgehens.

Der Vorstoß, der den Karneval zum Weltkulturerbe erheben soll, könnte ihm glatt die Krone aufsetzen. Mehrere Regionalverbände des Bundes Deutscher Karneval (BDK) wollen jedenfalls bis Ende November Bewerbungen für ein immaterielles Erbe bei ihren jeweiligen Landesministerien einreichen.

Puppentheater, Prozessionen, Heilwissen und Geigenbaukunst – all das spiegelt die Bandbreite des gelebten Kulturerbes wider, das die Unesco schon als besonders schützenswert anerkannt hat. Die Formen immateriellen Kulturerbes seien Ausdruck von Kreativität und Erfindergeist, vermittelten Identität und Kontinuität. Sie würden von Generation zu Generation weitergegeben und fortwährend neu gestaltet. Zu den Ausdrucksformen gehörten etwa Tanz, Theater, Musik und mündliche Überlieferungen sowie eben auch Bräuche, Feste und Handwerkskünste.

Damit das weltweit vorhandene traditionelle Wissen und Können erhalten bleibt, hat die Unesco 2003 das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes verabschiedet. Mehr als 150 Staaten sind inzwischen der völkerrechtlich verbindlichen Konvention, die 2006 in Kraft trat, beigetreten – Deutschland seit 2013. Schrittweise wird ein Verzeichnis des hierzulande gepflegten immateriellen Kulturerbes erstellt (Aufnahmeverfahren). Das bundesweite Verzeichnis soll von Jahr zu Jahr wachsen und langfristig die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und aus Deutschland sichtbar machen.

„Viele Wissenschaftler haben sich im Bereich der Volkskunde mit dem Brauchtum Fastnacht/Karneval befasst. Dabei wurde unisono festgestellt, dass der Karneval, wie wir ihn heute kennen, wohl seinen Ursprung im christlichen Jahreszyklus hat und schon im frühen Mittelalter im Jahresablauf der Menschen tief verwurzelt war. Man kann also zu Recht vom Brauchtum Fastnacht sprechen und sagen, dass er eine jahrhundertealte Tradition, vor allem in den katholisch geprägten, christlichen Regionen unseres Landes hat“, erklärt Reiner Spiertz, Vorsitzender des Traditionsausschusses im Bund Deutscher Karneval und Präsident des Verbandes der Karnevalsvereine Aachener Grenzlandkreise (VKAG).

Kein Wunder, dass auch der hiesige Regionalverband die Idee unterstützt. „Wir haben uns entschlossen, diese Initiative zu übertragen und dabei gewisse Besonderheiten, die wir im Verbandsgebiet haben, herauszustellen“, sagt der Heinsberger VKAG-Geschäftsführer Christian Heuter. Dabei gehe es nicht um eine finanzielle Förderung, meint Heuter. „Faktisch wird es keine Auswirkungen haben, aber es räumt dem Karneval einen anderen Stellenwert ein. Es wird herausgestellt, dass Karneval in seinem Ursprung ein Kulturgut ist, bei dem nicht das ausgelassene Feiern im Mittelpunkt steht.“ Wie groß er die Chance sieht, dass das Brauchtum vor den Augen der Unesco-Verantwortlichen bestehen kann? „Wir sind recht positiv gestimmt“, sagt Heuter. „Der Vorstoß steht bundesweit auf starken Füßen.“

Auch Heinz-Leo Heinrichs, Ehrenpräsident des Komitee Heinsberger Karneval und noch amtierender Stadtprinz von Heinsberg ist da zuversichtlich: „Der Karneval, auch in unserer Region, kann auf eine Jahrhunderte alte Geschichte zurückblicken und ist gelebte Kultur. In unserer Kreisstadt Heinsberg mit den zwölf im Komitee vereinigten Karnevalsgesellschaften ist die fünfte Jahreszeit nicht nur Brauchtumspflege der Vereine selbst. Neben den Schützenfesten zieht sie Tausende mit in ihren Bann.“ Jeder Mensch verstehe etwas anderes unter Karneval, doch all dies zusammen ergebe diese wunderbare Mischung, die Alt und Jung vereine und sie gemeinsam für eine gewisse Zeit die Alltagssorgen vergessen lasse. „Der Karneval bietet sich dem Betrachter in ganz unterschiedlichen Facetten. Für jeden ist etwas dabei, ob Sitzungskarneval oder die traditionellen Karnevalstage mit ihren farbenprächtigen Umzügen. Karneval hat schon jetzt kulturell einen hohen Stellenwert. Es wäre jedoch schön, wenn er auch über die Region hinaus als Weltkulturerbe festgeschrieben würde.“

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