Das Porträt eines Flusses: Der Kreis Heinsberg und die Rur

Von: Daniel Gerhards
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Bei der Renaturierung hakt es noch im Kreis Heinsberg. Wehre sind ein zu großes Hindernis für den Lachs und andere Fische. Trotzdem: Der Tourismus profitiert vom der Rur.

Heinsberg/Wassenberg/Hückelhoven. Ruhig und langsam fließt sie durch den Kreis Heinsberg. Fast ohne Gefälle, stark begradigt und zwischen Deichen eingepfercht. Die Rur ist im Kreis Heinsberg vom Menschen geprägt. Umgekehrt prägen die 23,1 Kilometer Fluss das Bild des Kreises.

Schon im 17. Jahrhundert war die Rur ein Sehnsuchtsort. Der Heinsberger Kanoniker Peter von Streithagen schrieb im Jahr 1638 ein in Gedichtform erschienenes Loblied auf den Fluss. Darin erwähnt er die Kirche St. Gangolf, die klaren Buchten und Windungen des noch nicht begradigten Flusses. Er schreibt von der Fischerei, den Korbmachern und der Schifffahrt auf der Rur, vom Hochwasser und von einer sommerlichen Abkühlung.

Wir wollen zum Welttag der Flüsse den Fragen nachgehen, wie es der Rur heute geht, wie der Mensch sie nutzt und welchen Tieren sie eine Heimat ist.

Was die Wasserqualität angeht, sei die Rur heute in einem guten Zustand, sagt Franz-Josef Hoffmann, Leiter des Unternehmensbereichs Gewässer des Wasserverbands Eifel-Rur. Das liege daran, dass Industriebetriebe und Privatleute heute kein schmutziges Wasser mehr in die Rur leiten. Kritisch sehen die Experten die „Struktur“ des Flusses. Damit meinen sie, dass er stark begradigt, eingedeicht und wegen der vielen Wehre undurchlässig für Fische und andere Wasserlebewesen sei.

Dass man die Rur in früheren Jahrzehnten in ein so enges Korsett gezwängt hat, bezeichnet Hoffmann aus heutiger Sicht als Fehler. Damals wollte man erreichen, das Hochwasser schneller abführen zu können. Und die trockengelegten Flächen waren wichtig für die Landwirtschaft. Heute werde der Hochwasserschutz eher über die Talsperren am Oberlauf des Flusses geregelt. Der Wasserverband will zurück zu einem natürlicheren Verlauf der Rur.

Das werde aber besonders im Kreis Heinsberg blockiert. Um dem Fluss wieder mehr Raum zu geben, muss der Verband Grundstücke am Rande der Rur kaufen. Aber im Kreis Heinsberg wolle fast niemand verkaufen. „Wenn die Leute im Kreis Heinsberg das Wort Renaturierung hören, dann gehen alle Alarmglocken an“, sagt Hoffmann. Das liege daran, dass es entlang der Rur vor der Begradigung oft Hochwasser gab. „Das ist noch in den Köpfen“, sagt er. Wobei es diese Hochwasserprobleme auch bei einem natürlichen Flusslauf heute nicht mehr gebe.

Deshalb scheiterte bislang auch der Rückbau der Wehre im Kreis. Im Verlauf der Rur gibt es auf deutschem Boden 56 Wehre, wovon 44 zurück- oder umgebaut werden müssten, damit Fische ungehindert durch die Rur wandern können. „Die schlimmsten Wehre stehen direkt an der niederländischen Grenze“, sagt Erfried Lorenz, der beim Wasserverband für die Projekte im Kreis Heinsberg zuständig ist.

Die Wehre in Karken, Kempen und Orsbeck seien für Fische ein unüberwindbares Hindernis. Wäre die Rur durchlässig, dann könnten Lachse – und andere Fische – wieder zum Laichen bis in den oberen Rurlauf bei Obermaubach wandern, sagt er.

Bislang habe es im Kreis Heinsberg an der Rur erst ein Renaturierungsprojekt an der Millicher Schanz gegeben. Weitere kleine Projekte seien für die kommenden beiden Jahre geplant. Bei Millich und Brehm sollen relativ steile Sohlgleiten erneuert werden. Die Rampen würden danach flacher, damit sie für Flusstiere weniger ein Hindernis darstellen.

Heute gibt es in der Rur 43 Fischarten: dazu gehören zum Beispiel Karpfen, Aland, Alve, Döbel und Hasel, wie der Sportangelverein Effeld auf den Tafeln seines Fischlehrpfades zeigt, der entlang der Rur verläuft. Dazu gibt es Bachneunaugen. Flussneunaugen kommen nur bis zum Wehr bei Karken vor. Und das bis zu 90 Zentimeter lange Meerneunauge wurde bislang nur bis zur Rurmündung bei Roermond angetroffen. Neunaugen haben zwar Ähnlichkeit mit dem Aal, aber sie sind keine Fische, sondern kieferlose Wirbeltiere.

Der Biber ist mittlerweile wieder in allen größeren Gewässern des Kreises Heinsberg zu Hause, so auch in der Rur. Im Kreis Heinsberg gibt es aktuell etwa 150 Biber, sagt Biologe Michael Straube vom Nabu. Und die Zahl der Biber im Kreis steigt weiter. Besonders im Winter, wenn die Bäume ihr Laub abgeworfen haben, seien die Spuren der kräftigen Biberzähne am ufernahen Gehölz deutlich zu sehen, sagt Straube.

Vom Menschen wird die Rur im Kreis Heinsberg heute kaum noch kommerziell genutzt. Einst profitierten die Korbmacher besonders in Hilfarth davon, dass an der Rur die für sie so wichtigen Weiden wuchsen. Eine Relevanz für die Wirtschaft sieht Ulrich Schirowski, Leiter der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises Heinsberg, aber ansonsten nicht. Mit Ausnahme des Tourismus.

Der 180 Kilometer lange Rurufer-Radweg, der vom Hohen Venn bis nach Roermond führt, ist bei Radfahrern beliebt. Auch Kanu-Touren auf dem Fluss sind ein Erlebnis. Und die sind im Kreis Heinsberg – anders als etwa in Düren – auch weitgehend ohne Einschränkung erlaubt.

Erlaubt ist es auch, sich in der Rur an heißen Sommertagen eine Abkühlung zu holen. Allerdings rät der Wasserverband davon ab, den Fluss zu betreten. Glitschige Steine, unbekannter Untergrund und die Strömung seien gefährlich. Da reiche schon niedriges Wasser zum Ertrinken, sagt Sprecher Marcus Seiler.

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