Whatsapp Freisteller

„Crashkurs“: Kampagne soll Unfallzahlen junger Menschen reduzieren

Von: André Schaefer
Letzte Aktualisierung:
7116614.jpg
Erst im Oktober vergangenen Jahres kam ein junger Fahrer kurz vor der Ortseinfahrt Saeffelen bei diesem Aufprall ums Leben. Es sind exakt solche Ereignisse und Bilder, mit denen die Kreispolizeibehörde Heinsberg Schüler sensibilisieren möchte. Foto: Claudia Krocker

Erkelenz. Es ist mucksmäuschenstill in der Aula des Cusanus Gymnasiums Erkelenz. Mit langsamen Schritten nähert sich Martina Wilmes dem roten Luftballon, der an der Flipchart befestigt ist. Dann zückt sie ein Feuerzeug, hält es unter den Ballon, bis dieser in weniger als einer Sekunde platzt. Die knapp 200 Schüler zucken zusammen.

Vor ziemlich genau zehn Jahren war es kein Luftballon, der in Martina Wilmes‘ Leben zerplatzte. Viel schlimmer: Es waren die Hoffnungen, Wünsche, Träume – von ihr und ihrer Tochter Nadine. Die damals gerade 18-Jährige war vier Wochen nach ihrem Geburtstag nachts mit dem Auto auf dem Weg zur Diskothek nach Himmerich, wo sie ihren Freund abholen wollte. Beim Versuch, sich während der Fahrt eine Zigarette anzuzünden, kam Nadine Wilmes von der Fahrbahn ab, verlor die Kontrolle über den Wagen und prallte gegen einen Baum. Innerhalb weniger Sekunden war sie tot. „Als ich hörte, dass meine Tochter tot ist, bin ich zum ersten Mal lebend gestorben“, sagt Martina Wilmes.

Ihre Worte berühren; gehen tief unter die Haut und sorgen dafür, dass in der Aula des Gymnasiums tiefes Schluchzen der Schüler zu vernehmen ist. Einige ertragen die Geschichte der Mutter erst gar nicht und verlassen weinend das Gebäude.

Es sind schockierende Bilder und noch viel schockierendere persönliche Erlebnisse, mit denen die Schüler der 11. und 12. Jahrgangsstufe an diesem Nachmittag konfrontiert werden. Und das mit Absicht – jedenfalls aus Sicht der Kreispolizeibehörde Heinsberg, die mit ihrer Kampagne „Crash Kurs“ bewusst junge Menschen emotionalisiert, mit einem Ziel: die Unfallzahlen bei jungen Erwachsenen senken.

Seit 2011 geht die Kreispolizeibehörde Heinsberg an weiterführende Schulen des Kreisgebietes, um junge Menschen anzusprechen und zu bewegen. In insgesamt 22 Veranstaltungen konnten bislang mehr als 5600 Schüler erreicht werden. Die Motivation der Polizei, möglichst viele Schüler mit Hilfe authentischer Verkehrsunfälle aus dem Kreisgebiet mit ihren Ursachen, Folgen und Schicksalen emotional zu erreichen, erscheint beim Blick auf die Unfallstatistik der vergangenen Jahre mehr als verständlich: Im Jahr 2012 wurden im Kreis Heinsberg 178 junge Menschen bei Verkehrsunfällen leicht verletzt. 43 waren schwer verletzt, drei junge Erwachsene kamen ums Leben. Die aktuellen Zahlen für das vergangene Jahr wird die Polizei Heinsberg in den kommenden Wochen veröffentlichen, und dennoch steht eines schon fest: In kaum einem anderen NRW-Gebiet sind mehr junge Menschen in Verkehrsunfälle involviert als im Kreis Heinsberg.

„Wir wollen mit dieser Veranstaltung nicht mit dem gehobenen Zeigefinger vor den Schülern stehen, sondern sie berühren“, erklärt Michael Okuhn, Polizeihauptkommissar und stellvertretender Leiter der Direktion Verkehr. „Die Veranstaltung ist so konzipiert, dass sie einen Spannungsbogen bildet und mit Bildern, Videos und Musik die Schüler sensibilisiert, um ihr Fahrverhalten im Idealfall zu verbessern.“

Sein Kollege Norbert Schröders moderiert an diesem Nachmittag die Veranstaltung und weist gleich zu Beginn darauf hin, dass trotz der schlimmen Schicksale, mit denen die Schüler konfrontiert werden, eine positive Nachricht überwiege: „Zu 95 Prozent sind Verkehrsunfälle vermeidbar“, sagt er und unterstreicht in diesem Zusammenhang ihre häufigsten Ursachen: zu hohe Geschwindigkeit, nicht angeschnallt sein, Drogeneinfluss und Ablenkung.

Abgelenkt war durch das Anzünden der Zigarette auch Martina Wilmes‘ Tochter. „Bitte tut mir einen Gefallen und konzentriert euch während der Fahrt auch wirklich nur auf das Fahren und lasst verdammt noch mal die Finger von anderen Dingen wie beispielsweise eurem Handy“, appelliert die Mutter der verstorbenen Tochter mit deutlichen Worten an die Schüler.

Sie ist nicht die einzige, die an diesem Tag oben auf der Bühne steht und von ihren persönlichen Erlebnissen berichtet. Auch Dr. Sebastian Fritz, Notarzt am St. Elisabeth-Krankenhaus in Geilenkirchen, schockiert die Schüler mit Erzählungen über blutüberströmte junge Menschen, die eingequetscht im Auto um ihr Leben rangen. „Das sind Bilder, die man nicht mehr vergisst und mit nach Hause nimmt“, sagt er.

Vergessen kann auch Manfred Jung nur schwer die entsetzten Gesichter der Angehörigen, denen er als Seelsorger regelmäßig den Tod ihrer Liebsten überbringen muss. „Ich möchte eines Tages nicht vor der Haustür eurer Eltern stehen“, sagt er.

Nach gut 90 Minuten geht in der Aula des Cusanus-Gymnasiums das Licht wieder an. Sichtlich berührt und mit feuchten Augen verlassen die Schüler das Gebäude. Ein grüner Luftballon, bemalt mit Wünschen und Hoffnungen der Schüler, bleibt auf der Flipchart hängen. Dort soll er im besten Fall auch noch lange bleiben und nicht innerhalb weniger Sekunden zerplatzen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert