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Betreuung behinderter Kinder soll in jeder Kita möglich sein

Von: dawin/kalauz
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Agi Hirtz (li.), Leiterin der Kita Triangel in Heinsberg-Oberbruch, und Birgit Roye, Leiterin der Kita Triangel in Geilenkirchen, setzen sich für den bestmöglichen Start ihrer Schützlinge ins Leben ein. Foto: kalauz

Heinsberg/Geilenkirchen. Kinder mit Behinderung sollen eine Kindertagesstätte (Kita) in der Nachbarschaft besuchen können. Die Voraussetzung hierfür hat der Landschaftsverband Rheinland (LVR) mit der Einführung einer jährlichen Pauschale in Höhe von 5000 Euro pro Kind geschaffen.

Bisher wurden integrative Gruppen gefördert. Mit der neuen Förderung wird grundsätzlich eine Betreuung von behinderten Kindern in jeder Kita möglich. Wir sprachen mit Agi Hirtz und Birgit Roye, den Leiterinnen der inklusiven Kitas „Triangel“ der Lebenshilfe in Heinsberg-Oberbruch und in Geilenkirchen, über das neue Fördersystem und dessen mögliche Folgen.

Wie beurteilen Sie die Inklusionsbewegungen im vorschulischen Bereich?

Roye: Wir begrüßen das sehr. Es war immer schon der Fall, dass in Einzelfällen Kinder mit Behinderung in Regelkindergärten betreut wurden. Es gab immer schon integrative, aber auch normale Regelgruppen, die den Schritt gewagt haben und sich bei uns Beratung geholt haben.

Gab es denn bislang in solchen Fällen keine spezielle Förderung?

Roye: Nein. Heute bietet das Land spezielle Fördermöglichkeiten. Das Land zahlt für die Kinder ohne Behinderung den normalen Kibiz-Satz, für die Kinder mit Förderbedarf zahlt das Land den dreieinhalbfachen Satz und zusätzlich 5000 Euro pro Kind und Jahr, um dem Förderbedarf gerecht zu werden, um heilpädagogische oder therapeutische Hilfe ins Haus holen zu können. Das heißt, die Regelkindergärten holen sich externe Fachkräfte ins Haus? Hirtz: So ist die Zielsetzung. Für jedes Kind mit Förderbedarf gibt es, wie gesagt, 5000 Euro. Das sind in einer 15-köpfigen integrativen Gruppe, in der zwei Drittel nicht behinderte und ein Drittel behinderte Kinder betreut werden, insgesamt 25.000 Euro. Davon kann eine halbe Fachkraft bezahlt werden.

Diese eine Fachkraft ist doch nicht in der Lage, qualifiziert auf die Vielzahl der Behinderungen einzugehen?

Hirtz: So ist es. Man richtet dann etwa eine halbe zusätzliche Stelle für eine Pädagogin ein und arbeitet mit externen Therapeuten, die für die Therapie des Kindes ins Haus kommen. Das heißt die Kinder werden immer wieder aus dem Gruppenalltag herausgerissen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit zugunsten des Kindes ist nicht mehr gesichert.

Also kann man festhalten, die ganze Sache ist so, wie sie sich im Moment darstellt, nicht zu Ende gedacht…

Hirtz: In unserem Haus lässt sich das noch schultern, weil wir sehr viel Erfahrung und Kompetenz haben. In einer Regeleinrichtung kommen zwei, drei Kinder mit Förderbedarf auf die Betreuerinnen zu. Trotz aller Motivation besteht aber dort mit dem jetzigen Finanzierungsmodell die Gefahr, dass diese Kinder auf der Strecke bleiben und eher isoliert anstatt inte-griert werden.

… weil die Kinder dort nicht die Betreuung erhalten, die sie bei der Lebenshilfe hätten?

Hirtz: Es sind verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen. Man muss sich nur mal vorstellen, wenn ein Kind mit Down Syndrom oder ein autistisches Kind in einer 15-köpfigen Gruppe in eine Drucksituation gerät, dann bekommt es Stress, und oft kommen Verhaltensauffälligkeiten ins Spiel.

Müssen für die Inklusion auch räumliche Voraussetzungen geschaffen werden? Und werden dafür die 5000 Euro eingesetzt?

Roye: Die 5000 Euro sind an die Absenkung der Gruppenstärke gebunden, das heißt, die Kita erhält diese nur, wenn die Gruppengröße reduziert wird. Das Geld wird für Fachpersonal und Weiterbildung eingesetzt. Die Räumlichkeiten müssen auf die speziellen und individuellen Bedürfnisse des einzelnen Kindes abgestimmt werden, hierfür werden aber keine weiteren Gelder zur Verfügung gestellt.

Das neue Fördersystem entspricht nicht Ihren Vorstellungen. Waren denn die Freien Träger nicht in die Beratungen eingebunden?

Roye: Wir sind nicht von Anfang an eingebunden gewesen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat sich dafür eingesetzt, dass die Finanzierung der Therapeuten in unseren Häusern noch weiterläuft. Das gilt aber nur bis 2016, dann werden alle Einrichtungen gleich finanziert.

Geht die massive Finanzierung der Inklusion in den Regelkindergärten am Ende auf Kosten solcher Einrichtungen wie der Lebenshilfe?

Roye: Das kann man noch nicht sagen. Da wird noch vieles abgestimmt werden müssen. Aber wir befürchten, dass wir das optimale Niveau nicht aufrechthalten können. Hirtz: Ebenso wie von den Lehrern wird vom Kindergartenpersonal erwartet, dass es mit jeder Behinderungsform klarkommt. Wir haben hier Kollegen, die sich auf bestimmte Behinderungsbilder spezialisiert haben, so dass wir mit den speziellen Förderangeboten, die auf diese Kinder ausgerichtet sind, eine optimale Förderung und Begleitung der Familie anbieten können.

Fühlen Sie sich durch die Reform des Fördersystems über den Tisch gezogen?

Hirtz: Es geht uns nicht darum, dass wir uns womöglich über den Tisch gezogen fühlen, sondern darum, dass wir uns Gedanken machen, was mit unseren Kindern und deren Familien passiert. Hier sind die Eltern stark in das Kindergartenleben involviert. Das Kind braucht einen gut strukturierten Tagesablauf. Der intensive Familiencharakter ist das, was in den Regelkindergärten nicht so ausgeprägt ist. Das macht auch unsere Besonderheit aus.

Sie sprachen von Gruppen, in denen Kinder mit Autismus oder Verhaltensstörungen untergebracht sind. Was hat man darunter zu verstehen?

Roye: Das sind die heilpädagogischen Gruppen. Die kleine Gruppe umfasst sechs bis acht Kinder ausschließlich mit einer Beeinträchtigung. Das sind etwa Kinder, die in Regelkindergärten nicht tragbar waren, weil sie mit Stühlen um sich geworfen haben oder durch unflätige Bemerkungen aufgefallen sind. In den heilpädagogischen Gruppen werden sie behutsam auf die Inklusion in einer integrativen Gruppe oder in einer Schulklasse vorbereitet. Hirtz: Über diesen heilpädagogischen Gruppen schwebt allerdings das Damoklesschwert. Wir haben Sorge, dass das Land deren Finanzierung irgendwann nicht mehr gewährt.

Müssen Sie nicht einen Rückgang der Anmeldungen für die Triangel-Kitas befürchten, wenn die Eltern ihre Kinder mit Förderbedarf verstärkt in Regelkindergärten schicken?

Roye: Nein. Unsere integrativen Gruppen sind ja schon in Regelgruppen umgewandelt. Wir haben die Flexibilität, mit 20 Regelkindern weiterzuarbeiten. Außerdem haben wir momentan genauso viele Anmeldungen von behinderten Kindern wie bisher, das heißt, wie fahren das alte System weiter. Hirtz: Wir arbeiten hier schon immer inklusiv. Wir haben hier Kinder mit und ohne Behinderung, die miteinander und voneinander lernen. Und es ist hier normal, verschieden zu sein, das ist das Motto der Lebenshilfe. Das hat sich in unseren Kitas so eingestellt, über viele Jahre hinweg. Wir feierten 25-jähriges Jubiläum. Diese 25 Jahre hat es gebraucht, um eine hervorragend funktionierende integrative Gruppe zu installieren. Jetzt stellt sich die Frage, was in den nächsten 25 Jahren sein wird und was aus der Inklusion wird.

Kann man auf Gesetzesebene nichts mehr korrigieren?

Roye: Wir würden den Prozess gerne begleiten, wir haben mit einem anderen Träger ein Konzept entwickelt: Wir möchten ein Angebot gestalten für Einrichtungen, wir würden die Konzeption mit ausarbeiten, Therapeuten schicken und die Elternarbeit unterstützen und dabei Eltern, die sich in den Regelkindergärten nicht selten verloren vorkommen, bei uns andocken. Wir haben offene Elternsprechabende. Die Einrichtung in Oberbruch ist Familienzentrum und damit offen für Interessenten aus der Umgebung. Aber was wir uns wünschen, ist, dass solch ein Projekt auch finanziert wird, um die Inklusion im Vorschulbereich auf gute Füße zu stellen. Zumindest solange, bis die Einrichtungen eigene Erfahrungen gesammelt haben. Hirtz: Unsere Vision ist, dass man eine Art Kompetenzzentrum fest installiert, das die Einrichtungen beim Inklusionsprozess unterstützt. Roye: Wir haben die Befürchtung, dass nach jetzigem Stand und mit der jetzigen Finanzierung einigen Kindern die Exklusion, sprich eine Isolierung, droht.

Könnte es sein, dass die Lebenshilfe am Ende eine Schwerpunkt-Kita für Kinder mit Schwerstbehinderung wird?

Hirtz: Das wird gemunkelt. Aber da haben wir die große Befürchtung, dass dies nicht zuletzt aufgrund der Finanzierung nicht gesund laufen kann. Roye: Wir machen uns Sorgen um die Qualität, wobei wir begrüßen, dass die Eltern die Wahlmöglichkeit haben. Es gab immer schon Eltern, die den Wunsch hatten, ihr Kind im Regelkindergarten unterzubringen. Aber das hat zur Folge, dass sie sich um sehr viele Dinge kümmern müssen, die hier von uns übernommen werden. Die Belastungssituation für Kind und Eltern wird wachsen.

Könnte die Inklusion am Ende ein Flop werden?

Hirtz: Sagen wir es mal andersrum: Es muss noch viel geschehen, damit es nicht dazu kommt. Die Lebenshilfe steht dafür, dass behinderte Menschen jeden Alters teilhaben können an unserer Gesellschaft. Aber woran soll sich das messen? An den finanziellen Töpfen? Das kann nicht sein: Entscheidend muss immer der individuelle Aspekt sein, das, was der Einzelne zur Inklusion mitbringt. Roye: Inklusion darf nicht verordnet werden, sondern muss gelebt werden. Dabei dürfen bewährte Strukturen nicht einfach aufgegeben werden, nur weil sie den aktuellen Anforderungen des Inklusionsstatus vermeintlich nicht entsprechen.

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