Auf die Spuren von Lotte Coblenzer in Heinsberg begeben

Von: Anna Petra Thomas
Letzte Aktualisierung:
7225505.jpg
Stephen Tendlow (rechts) freute sich sehr, dass sich Jakob Gerards, Willi Frenken und Helmut Hawinkels Zeit nahmen, sich mit auf die Spuren von Lotte Coblenzer in Heinsberg zu begeben. Foto: Anna Petra Thomas
7225240.jpg
Schnell wird dem Leser des Familienbuches bewusst, wie sehr Lotte Coblenzer ihre Heimat Heinsberg geliebt hat. Foto: Anna Petra Thomas

Heinsberg. Es gibt Namen junger jüdischer Opfer des Nationalsozialismus, die mittlerweile fast jeder kennt, nicht zuletzt, weil Schulen ihren Namen tragen: Anita Lichtenstein, 1933 in Geilenkirchen geboren und 1942 im Konzentrationslager Maydanek umgebracht, oder Betty Reis, 1921 in Wassenberg geboren und 1939 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet.

Andere konnten der Verfolgung entkommen und überlebten im Ausland, wie zum Beispiel Lotte Coblenzer aus Heinsberg. Dennoch ist von ihrem Schicksal ganz wenig bekannt. „Sie wollte nie nach Deutschland zurückkehren und sie hat nie etwas von ihren Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus erzählt, nicht einmal ihren beiden Söhnen“, erzählt Stephen Tendlow, dessen Familie früher Tendlau hieß. Aus dem englischen Ilkley in West Yorkshire ist er nach Heinsberg ins Rathaus gekommen, um mehr zu erfahren über die Tochter der Tante seines Vaters, Auguste Tendlau. Sie war mit Otto Coblenzer verheiratet, der ein Geschäft in der Heinsberger Innenstadt betrieb.

Lotte Coblenzer wurde 1921 in Wiesbaden, der Heimat ihrer Mutter geboren, wuchs dann aber in Heinsberg auf. 1937 kam sie in ein Quäcker-Internat nach Holland und wurde 1940 von Verwandten ihres Vaters, die noch rechtzeitig ausgewandert waren, nach England geholt. Ihre Eltern wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

In England absolvierte Lotte Coblenzer eine Ausbildung zur Krankenschwester und heiratete einen Engländer, mit dem sie zwei Söhne hat. 2012 ist sie gestorben. Zusammen mit den Söhnen von Lotte Coblenzer, die sich sehr für die ihnen bisher unbekannte Lebensgeschichte ihrer Mutter interessieren, aber anders als er kein Deutsch sprächen, habe er bereits einen kompletten Stammbaum der Familie Tendlau zusammengestellt, erzählte Tendlow bei dem Treffen im Rathaus. Daran nahmen neben dem Ersten Beigeordneten Jakob Gerards auch die Stadthistoriker Willi Frenken und Helmut Hawinkels teil.

Willi Frenken hatte Tendlow die Reproduktion eines alten Fotos mitgebracht, auf dem Lotte Coblenzer zu sehen ist, und die Kopie einer Anzeige des Geschäftes Coblenzer in der Heinsberger Zeitung aus dem Jahre 1903. Aber auch Tendlow hatte ein ganz wertvolles Geschenk für die Heinsberger in seinem kleinen Gepäck, dass die Söhne im Nachlass der Mutter gefunden hatten. „Familienbuch – Meine Vorfahren und ich“ hat sie die Geschichte ihrer Familie überschrieben. 1936, als damals 14-Jährige, hat sie damit begonnen, ihre Geschichte fein säuberlich in Sütterlinschrift auf knapp 40 Seiten zu dokumentieren. 1940, nach ihrer Ankunft im englischen Bristol, schrieb sie die letzten Zeilen darin, in lateinischer Schrift

Schnell wird dem Leser des Familienbuches bewusst, wie sehr Lotte Coblenzer ihre Heimat Heinsberg geliebt hat, wo sie mit ihren Eltern ein Haus in der heutigen Fußgängerzone bewohnte. Ein eigenes Kapitel hat sie gar ihrem „Heimatstädtchen“ gewidmet und auch eine Postkarte eingeklebt. „Heinsberg! Wie warm wird‘s mir ums Herz bei diesem Wort! Ja, Heinsberg und Heimat – es ist für mich dasselbe“, schreibt sie. „Wenn ich auch von dort fortmusste … mein Heimatstädtchen werde ich nie vergessen, nie in meinem ganzen Leben.“ Heinsberg komme ihr vor „wie eine zweite liebende Mutter“, schreibt sie weiter. „Die alten Häuser und ich, wir sind gute Bekannte.“ Sie nimmt den Leser mit auf einen Stadtbummel und erwähnt in diesem Zusammenhang auch das Geburtshaus des Malers Carl Joseph Begas und die Burgruinen.

Dabei geht sie auch auf den Ursprung des Namens Heinsberg ein. Sie nennt Heinrich IV. als Begründer der Burgfestung, der „Feste“, wie sie schreibt. „Die hiesigen Ritter nannten ihre Burgfeste, ihrem Herrn zum Danke zur Ehre, ‚Heinrichsberg‘. Daraus wurde später Heinsberg“. Lotte Coblenzer berichtet weiter von der Anlage der Wasserleitung im Jahre 1932, vom Bau des Gymnasiums, von Hauptzollamt und Krankenhaus.

Auch über den Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland schreibt die junge Jüdin 1936, jedoch ohne jegliche eigene Wertung. Dass sie um ihre und die Situation anderer Juden schon damals wusste, wird in den Zeilen deutlich, die sie vier Jahre später in England zu Papier bringt. Gott sei Dank hätten ihre Eltern 1937 eingesehen, dass es in Deutschland für sie keine Zukunft gegeben habe, „und dass ich sobald wie möglich ins Ausland musste. Denn was ich vorher in diesem Buch über ‚das dritte Reich‘ geschrieben hatte, war nur gezwungen geschrieben worden.“ Und dann wird sie ganz deutlich: Seit Hitler an die Macht gekommen sei, sei es mit Deutschland bergab gegangen. „Von Kultur – keine Spur“. Schon als sie noch in Heinsberg gewesen sei, hätten die jüdischen Kinder „unglaublich zu leiden“ gehabt. „Die Tatsache, dass man Jude war, war eben Grund genug, misshandelt zu werden…“

Vieles erfuhr Tendlow in seinem weiteren Gespräch und bei dem anschließenden Mittagessen mit Gerards, Frenken und Hawinkels. Die Antwort auf die Frage, wie es Lotte Coblenzers Großvater Josef, der sich 1850 laut ihrem Familienbuch in Hamm selbstständig gemacht hatte, 1865 nach Heinsberg verschlug, blieb jedoch weiter offen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert