Heinsberg - Am Heinsberger Krankenhaus wird der 1000. Schrittmacher implantiert

Am Heinsberger Krankenhaus wird der 1000. Schrittmacher implantiert

Von: Rainer Herwartz
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Im Laufe der Jahre hat sich bei Dr. Rudolf Wintrich-Lagny ein kleines Herzschrittmachermuseum angehäuft. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Es ist schon seltsam. Niemand käme auf die Idee, einem Bizeps, Trizeps oder ausgeprägten Sixpack mehr zu unterstellen, als eine schnöde Kontrahierungs- oder Streckungsfunktion. Eben das, wozu ein Muskel nun mal so da ist. Beim Herzen, dem zweifellos am stärksten beanspruchten Muskel im menschlichen Körper, ist dies hingegen ganz und gar nicht der Fall.

Wer keines habe, muss demnach nicht einmal tot sein, sondern vielleicht nur gefühlskalt. Wenn‘s besonders romantisch zugeht, wird das Herz „berührt“ oder – als Gipfel des Grotesken – lässt man es gar „sprechen“. Auch „sehen“ soll es dann plötzlich können. Seit Menschengedenken nimmt das Herz einen zentralen Platz ein. Und das nicht nur in unserem Körper. Mit ihm steht und fällt das Wohlbefinden des Menschen. Kein Wunder, dass ein gesunder Herzschlag seit jeher im Bestreben der Menschen liegt. Um dies auch bei schwächelndem Muskel zu erreichen, wurde letztlich der Herzschrittmacher ersonnen. Im Krankenhaus Heinsberg konnte jetzt das 1000. Exemplar erfolgreich implantiert werden.

Der Internist Dr. Rudolf Wintrich-Lagny führt seit 1992 im Krankenhaus säuberlichst Buch über alle Patienten, die entweder erstmals einen Herzschrittmacher erhielten, bei denen ein Austausch vorgenommen werden musste oder bei denen neue Elektroden nötig wurden. Insgesamt, so sagt er, habe er eigentlich schon über 1200 Herzschrittmacher eingesetzt, aber nicht alle in Heinsberg. Seit 1987 befasst sich der 60-Jährige nämlich mit den elektronischen Lebenshilfen. Damals allerdings noch in Bad Neuenahr, in den heutigen Ahrtal-Kliniken.

„In den Anfangsjahren wurden in Heinsberg etwa 20 bis 25 Herzschrittmacher im Jahr eingesetzt, heute sind es 70 bis 80“, sagt Wintrich-Lagny. Der Grund für diese Steigerungsrate liege einerseits in der demografischen Entwicklung und andererseits im Preisverfall bei den Schrittmachern. „Ein Einkammerschrittmacher kostete in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts noch 5000 Mark, also umgerechnet rund 2500 Euro. Heute kostet ein viel moderneres Zweikammersystem knapp unter 1000 Euro.“ Heißt das etwa, dass manchen Menschen früher aus Kostengründen ein Herzschrittmacher einfach vorenthalten wurde?

„Nein“, wiegelt der Internist ab. „Menschen, die ohne Schrittmacher nicht überlebt hätten, haben natürlich immer einen bekommen. Aber es gibt auch Fälle der relativen Indikation, in denen zu entscheiden ist zwischen einer medikamentösen Therapie oder eben einem Schrittmacher. Und da fällt es bei den geringen Preisen natürlich leichter, sich für einen Schrittmacher zu entscheiden. Bei der relativen Indikation wird durch den Schrittmacher statistisch gesehen das Leben zwar nicht verlängert, aber die Lebensqualität verbessert.“ Leistungsschwäche, Schwindel oder einem Kreislaufkollaps könne so entgegengewirkt werden. Der Schrittmacher erhalte gegenüber einer entsprechenden Medikamentierung häufig den Vorzug, weil hier die möglichen Nebenwirkungen entfielen.

Das Durchschnittsalter der Patienten, die einen Herzschrittmacher erhielten, betrage 74,5 Jahre, so Wintrich-Lagny. Nicht etwa Männer, sondern Frauen stellten mit 100 und 28 Jahren die jeweils ältesten und jüngsten Patienten, denen er bislang einen eingesetzt habe. Je nach den anatomischen Verhältnissen dauere ein solcher Eingriff zwischen einer halben und zwei Stunden. Nur etwa zehn Prozent der Patienten entschieden sich für eine Vollnarkose. Die übrigen zögen es vor, sich während der Operation mit ihrem Arzt unterhalten zu können.

Hatten die Herzschrittmacher vor 50 Jahren noch beinahe die Größe eines Eishockey-Pucks und die Batterien eine Lebensdauer von etwa 18 Monaten, so hat sich das nicht nur im Hinblick auf die Größe dramatisch verändert. Wesentlich kleiner und flacher sind sie geworden. „Mit der Entwicklung leistungsfähiger Batterien stieg auch die Lebensdauer auf heute bis zu zwölf Jahren“, erläutert der Mediziner. Die Lebensdauer richte sich auch danach, ob der Schrittmacher vorwiegend stimuliere oder überwache. Im zweiten Fall werde das Herz nur bei Bedarf stimuliert.

„Die Entscheidung hierzu trifft der Schrittmacher selbst innerhalb einer Tausendstel Sekunde, wenn man 60 Herzschläge pro Minute zugrunde legt. Alle modernen Systeme können zudem die Herzfrequenz je nach Notwendigkeit ändern.“ So könne zum Beispiel blitzschnell auf eine außergewöhnliche Belastung reagiert werden.

Manche Menschen, so erzählt Wintrich-Lagny, hätten sogar ein wenig Angst vor dem kleinen technischen Wunderwerk, weil sie glaubten, mit einem Herzschrittmacher könnte der Körper einfach nicht sterben, wenn es an der Zeit sei, weil das Herz durch ihn immer weiter schlage. Das sei jedoch nicht so, denn der Schrittmacher könne ja nur ein lebendes Organ stimulieren. Im Todesfall würde er zwar weiter seine Impulse aussenden, doch das Herz reagiere dann nicht mehr.

Letztlich ist es eben doch nur ein Muskel.

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