Abenteuerliche Flucht bis nach Heinsberg

Von: Anna Petra Thomas
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Das ist die aus Syrien stammende Familie Ali in ihrem neuen Zuhause: Vater Akram, die Töchter Nora, Darin und Jasmin, Sohn Suleman und Mutter Samira (von links). Foto: Anna Petra Thomas

Heinsberg. Täglich sind die Bilder aus den Kriegsregionen der Welt präsent. Den aktuellsten Zahlen der Vereinten Nationen zufolge sind derzeit mehr als 50 Millionen Menschen auf der Flucht. Viele von ihnen kommen aus syrischen Kriegsgebieten. Sie fliehen in die Nachbarländer, wie zum Beispiel in den Libanon, oder schaffen es weiter nach Europa.

So auch Familie Ali, die mittlerweile in Heinsberg eine neue Heimat gefunden hat. Familie Ali, das sind Vater Akram (34), Mutter Samira (31), die Töchter Nora (7), Darin (7), Jasmin (4) und Sohn Suleman (3). Alle sechs sind als Flüchtlinge anerkannt.

Zabadani heißt der Heimatort

Zabadani heißt ihre Heimat in Syrien, ein Kurort mit rund 40.000 Einwohnern. Etwa 30 Kilometer von Damaskus entfernt, war der Ort vor dem Krieg ein beliebtes Ausflugsziel, in dem der Vater als Obsthändler tätig war und mit seiner jungen Familie glücklich lebte. Jetzt tobt auch hier der Krieg.

„Als es noch friedlich war“, erzählt Vater Akram, habe er sich den Protesten gegen das Regime angeschlossen. Als sie mit Waffen fortgesetzt wurden, habe er sich zurückgezogen. Dennoch reichte sein stiller Protest dafür, dass er Ende 2012 von Milizen und vom syrischen Geheimdienst in seinem Haus überfallen und geschlagen wurde. Einen der Offiziere habe er noch von seinem Pflicht-Wehrdienst gekannt, so Akram Ali weiter. Der habe ihn gerettet. „Sonst hätten die mich umgebracht.“

Die Familie floh aus Zabadani nach Damaskus, fühlte sich aber auch dort nicht sicher, weil sie von Überfällen in ihrem Stadtviertel erfuhr. Einfach aus Damaskus fortzugehen, war aber nicht möglich, da Vater Akram bei den Behörden registriert war. So schickte sein Bruder aus Qamischli, einer Grenzstadt zur Türkei im Nordosten des Landes, seinen Pass nach Damaskus. Die Familie floh also weiter nach Qamischli, wo auch Akram Alis Eltern leben. Aber auch dort habe er sich mit seiner Familie nicht sicher gefühlt, erzählt er. Im Kindergarten sei ein Mädchen erschossen worden, das genauso alt war wie seine Tochter Nora…

Familie Ali wollte weiter in die Türkei, stieß aber dort auf Schwierigkeiten. Er spricht von „Erniedrigung“. Auf beiden Seiten dasselbe Volk, „aber wir waren eben Syrer“, sagt er. Es sei ihm nicht einmal möglich gewesen, eine Wohnung zu mieten. Akram Ali suchte den Kontakt zu einer Schlepperbande, die ihm und seiner Familie helfen sollte, auch die Türkei schnellstmöglich zu verlassen. „Ich hatte immer schon vor, Europa einmal kennenzulernen, aber nicht als Flüchtling“, sagt er.

Die Schlepper hätten ihnen ihre syrischen Papiere abgenommen und ihnen türkische gegeben, erzählt Akram Ali weiter. Vom Flughafen in Istanbul aus sollte es nach Deutschland gehen, in zwei Gruppen: Mutter Samira mit Nora und Suleman, der Vater mit Darin und Jasmin. „Mit vier Kindern, das wäre zu auffällig gewesen, hat man uns gesagt“, so der Vater. Bei Mutter Samira ging alles gut, er aber fiel den Behörden auf und wurde verhaftet, die beiden Kinder von ihm getrennt. Die Mutter flog mit zwei Kindern nach Stuttgart, er saß zwei Monate im Gefängnis ohne zu wissen, wo die anderen beiden Kinder waren. Dann wurden alle drei in einen Bus „verfrachtet“ und „im Niemandsland an einem Grenzübergang westlich von Aleppo abgeladen“, so der Vater.

Er gab sein letztes Geld, um mit den Kindern wieder zurück in die Türkei zu gelangen. Akram Ali ließ die Kinder bei einer Familie und versuchte, sich nach Zabadani durchzuschlagen, um Geld für eine erneute Flucht zu beschaffen. Zwischenzeitlich gelang es, die beiden Kinder mit Hilfe der evangelischen Kirche nach Deutschland zu holen. Als der Vater zu der Familie in die Türkei zurückkehrte, hatte sie für ihn einen Anwalt organisiert, und so konnte auch er schließlich zu seiner Familie nach Deutschland.

„Alle waren sehr nett“, sagen er und seine Frau heute über die Unterstützung in der Deutschen Botschaft in Ankara und auch über die Menschen, die sie bisher in Deutschland getroffen haben. Dazu gehört auf Wolfgang Paulus, der sich als Integrationsbeauftragter der Stadt Heinsberg um alle Flüchtlinge kümmert, die in Heinsberg leben. „So wie wir es bis jetzt erlebt haben, mögen wir das deutsche Volk“, erklärt Akram Ali.

Familie Ali hat mittlerweile eine eigene, für sechs Personen kleine Wohnung bezogen. Die Einrichtung ist noch recht spärlich, aber der kleine Tannenbaum im Wohnzimmer ist schon geschmückt, mit Lichtern und mit roten Kugeln. Eine syrische Tradition? „Nein“, lacht Mutter Samira. „Die Kinder möchten das.“ Die beiden älteren Mädchen, die in die Sonnenscheinschule gehen, sowie Jasmin und Suleman, die den Kindergarten an der Sittarder Straße besuchen, haben diese deutsche Weihnachtstradition mit nach Hause gebracht.

Nora und Darin sprechen schon gut Deutsch und haben auch schon Freunde gefunden in der Schule, erzählen sie. Während die vier Kinder in Schule und Kindergarten sind, büffeln derzeit auch Vater und Mutter kräftig im Deutschkurs. Sie möchten beide hier in Deutschland wieder arbeiten und auf eigenen Füßen stehen. „Das stört mich“, sagt Akram Ali und meint damit die finanzielle Unterstützung vom Staat, auf die er noch angewiesen ist. Er würde gerne wieder als Obsthändler arbeiten, seine Frau Samira als Näherin. Diesen Beruf hat sie gelernt, bevor sie mit ihrem Mann Akram eine große Familie gegründet hat.

Mit der Mutter telefoniert

Mit seiner Mutter in Qamischli steht Akram Ali telefonisch in Kontakt. Dank der Grenzlage kann sie im türkischen Telefonnetz mit ihrem Sohn kommunizieren. „Sie ist sehr glücklich, dass wir in Sicherheit sind“, sagt er. Gerne nach Deutschland holen würde Familie Ali Samiras Bruder, der noch in Damaskus ist und dort angeschossen wurde. Doch dazu müssten sie eine Verpflichtungserklärung für seinen Unterhalt unterschreiben und wirtschaftlich unabhängig sein. Das wollen sie so schnell wie möglich.

Und irgendwann zurück in die Heimat Syrien? „Ja“, sagt Vater Akram ganz spontan. Mehr sagt er nicht, jetzt fehlen auch ihm die Worte beim Blick zurück…

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