70 Jahre nach der Zerstörung eine Auferstehung in klein

Von: Karl-Heinz Hamacher
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Will daran erinnern, was der Krieg den Menschen nahm: Erich Peters, ausgesprochen aktives Mitglied der Dorfgemeinschaft, mit dem Modell von St. Anna. Foto: Karl-Heinz Hamacher

Gangelt-Schierwaldenrath. Die Geschichte des Ortes Schierwaldenrath ist in mehreren Bänden sehr gut dokumentiert. Zu dieser Chronik hat sich im letzten Jahr ein besonders Schmuckstück gesellt, ein weiteres in nun in Arbeit. Erich Peters, sehr aktives Mitglied der Dorfgemeinschaft, hat die Pfarrkirche St. Anna im Maßstab 1:50 gebaut und damit im Ort ebenso wie beispielsweise auf der Modellbauausstellung in Gangelt ein begeistertes Publikum gefunden.

Die Geschichte von St. Anna ist ein ganz besondere und zeigt auf tragische Weise, wie in den Wirren gegen Ende des Zweiten Weltkrieges sinnlose Zerstörung Kulturgüter zerstört wurden. Nachdem am Morgen des 5. Oktober 1944 die Amerikaner das menschenleere Schierwaldenrath verlassen hatten, befahl vier Tage später der deutsche Abschnittskommandeur Oster, den fast 40 Meter hohen Kirchturm zu sprengen, um dem Feind eine Übersichtsplattform zu nehmen. Eine Woche später wurden weitere Teile der Kirche gesprengt und spätestens damit das Gotteshaus völlig zerstört.

Im Chaos rund um die Evakuierung der Bevölkerung und die Zerstörungen im Dorf spielte sich aber dann auch diese kleine Geschichte ab, die dafür sorgte, dass die Schierwaldenrather sich auch heute noch an großen Teilen ihres historischen Kirchenschatzes erfreuen können: Josef van Heel, genannt „Hüppe Jöf“, war wenige Tage vor der ersten Sprengung auf Heimaturlaub und fast alleine im Dorf.

Bei einem Besuch in St. Anna sah er, dass alle sakralen Gegenstände noch vorhanden waren. Kurzerhand verpackte er sie in einem Sack und vergrub ihn im Hühnerstall seiner Eltern, wo sie nach dem Krieg unversehrt gefunden wurden. Auf den Fundamenten der gesprengten Kirche baute man dann das neue Gotteshaus in der heutigen Form.

Das Verspielte und Facettenreiche des einst gotischen Baus konnte man sich natürlich nicht mehr leisten. So präsentiert sich die Kirche heute wesentlich schlichter, als vor dem Krieg. Umso bunter ist heute das Leben rund um St. Anna und das – da ist man sich im Dorf einig – ist wesentlich mehr wert, als der ein oder andere Schnörkel am Mauerwerk. Trotzdem hat das Bild von St. Anna-alt Erich Peters nie los gelassen.

Er hat sich Fotos und Pläne besorgt und ist nun dabei, die alte Kirche im Maßstab 1:50 für die jüngeren Menschen im Ort erfahrbar zu machen. „Wie wunderschöne unsere Kirche doch war“, schwärmt Peters, wenn er den „Rohbau“ Gästen zeigt. Markant neben dem gotischen Teile ist vor allem das Kreuzschiff, das es heute so nicht mehr gibt, und der Kirchturm, der mit 23 Metern heute 17 Meter kürzer ist. Zusammen mit Gerd Ezilius und Siegfried Schlebusch arbeitet Erich Peters auch an einem Buch, das an die Toten des Krieges erinnern soll.

In der Kirche gibt es zwei Denkmäler mit den Namen der Gefallenen des Ersten und des Zweiten Weltkrieges. Bei Renovierungsarbeiten, so erinnert sich Peters, „sind mir die Tränen gekommen, als ich gesehen habe, dass da 14-Jährige einen sinnlosen Tod gestorben sind!“ Ihnen ein Denkmal zu setzen und die zukünftigen Generationen zu mahnen, das soll die Aufgabe des Buches sein, das im kommenden Jahr erscheinen soll.

Auch das in Arbeit befindliche Kirchenmodell soll am 9. Oktober 2014, 70 Jahre nach Zerstörung des Originals, der Dorfbevölkerung vorgestellt werden. Im Oktober des kommenden Jahres muss alles fertig sein und soll bei der dritten Auflage des Kirchencafés in St. Anna vorgestellt werden. Das Kirchencafé ist wieder ein Beispiel für funktionierende Gemeinschaft – auch ohne Gotik.

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