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Zwei Jahrzehnte Runder Tisch als Sprachrohr für Flüchtlinge

Von: Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
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Bei einem Straßenfest in der Lütticher Straße lernten sich Flüchtlinge und Geilenkirchener kennen. Auch die Kinder hatten Spaß. Foto: Georg Schmitz
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Bernhard Kozikowski, Nicole Abels-Schell, Saida Piecuch, Margret Pauli Helmi Meisters und Pfarrerin Tanja Bodewig (v.l.) stehen den Flüchtlingen zur Seite. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Sie kommen aus dem Kosovo, aus Guinea, Nigeria, Pakistan und Marokko. Sie wurden verfolgt und misshandelt. Mädchen wurden beschnitten, Jungen als Kindersoldaten in den Krieg geschickt. Menschen aus 28 Nationen hoffen darauf, in Geilenkirchen eine neue Heimat zu finden. In Geilenkirchen haben aktuell 94 Flüchtlinge eine Unterkunft und hoffen auf Verständnis und Integration.

Sicherlich erhalten sie große Hilfe von den zuständigen Behörden und aus der Bevölkerung, erfahren aber auch oftmals Ablehnung.

Sprachrohr dieser Menschen ist seit nunmehr 20 Jahren der Runde Tisch für Flüchtlingsarbeit in der Stadt Geilenkirchen. Dessen Mitglieder – Stadt Geilenkirchen, ehrenamtlich Engagierte, evangelische und katholische Kirchengemeinde, Caritas, Diakonisches Werk, Arbeiterwohlfahrt und Parteien – setzen sich seit zwei Jahrzehnten für menschenwürdige Lebensbedingungen ein, bieten in Einzelfällen konkrete Hilfe. Sie wirken Fremdenfeindlichkeit entgegen und leisten Aufklärungsarbeit mit dem Ziel, innerhalb der Bevölkerung eine positive Einstellung zu erreichen.

Unter dem Eindruck der Balkankriege stießen die Feste der Kulturen in den Jahren 1994, 1996, 1998 und 2001 auf großen Anklang in der Bevölkerung. Aber auch ansonsten werden die engagierten Mitglieder nicht müde, mit Fotoausstellungen, Plakataktionen, Informationsständen und Diskussionsrunden auf die Situation der hier lebenden Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Im Jahre 2002 wurde der Runde Tisch für Flüchtlingsarbeit als Anerkennung für außergewöhnliches und innovatives soziales Engagement mit dem Dechant-Zermahr-Preis ausgezeichnet.

Die ehemalige CDU-Stadtverordnete Margret Pauli und Helmi Meisters, die Frauen der ersten Stunde und auch heute noch ehrenamtlich mit Leib und Seele bei der Sache, erinnern sich an die Anfänge. Damals, so erzählen sie, wollte man Ausländerfeindlichkeit vorbeugen und mit dem Runden Tisch als eigenes Ratsgremium unabhängig vom Sozialausschuss ein Bindeglied zwischen Bevölkerung und Flüchtlingen schaffen.

Anfang der 90er-Jahre nämlich stiegen die Flüchtlingszahlen stark an. Dies bestätigt auch Wilfried Schulz, Leiter des Jugend- und Sozialamtes: „Die Zahl der von der Stadt zu versorgenden Asylbewerber hatte Anfang der 1990er-Jahre mit über 300 Personen ihren Höchststand.“ Der größte Teil der Menschen, die Geilenkirchen zugewiesen wurden, kam aus dem ehemaligen Jugoslawien. Helmi Meisters erklärt: „Wir wollten Sprachrohr dieser Flüchtlinge sein, die keine Lobby hatten.“ Pastoralreferent Bernhard Kozikowski sagt: „In der Bevölkerung bestehende Ängste mussten abgebaut werden.“

Damals wie heute sammeln die ehrenamtlichen Helfer Dinge des täglichen Bedarfs: Kleider, Möbel, Fahrräder, Babyausstattung. „Wir erfahren große Hilfe aus der Bevölkerung“, freut sich Margret Pauli. Von Anfang an boten die Mitglieder ihre Hilfe an, fuhren Kinder in die Kindergärten und Schulen, begleiteten Kranke zu Ärzten, halfen bei Behördengängen. „Dabei muss man sich immer vor Augen halten, welches Schicksal die Menschen hinter sich haben, und welche Strapazen und weite Wege sie auf sich genommen haben, um zu uns zu kommen“, erklärt Nicole Abels-Schell, Gemeindesozialarbeiterin des Caritasverbandes für die Region Heinsberg.

Anschläge in Kogenbroich

Doch die Flüchtlinge stießen auch auf Ablehnung, Mitglieder des Runden Tisches erhielten Drohanrufe. Am 17. Juni 1999 wurde im Asylbewerberheim in Kogenbroich Feuer gelegt. Teile des Dachstuhls fielen den Flammen zum Opfer. In dem städtischen Gebäude sollten wenige Wochen später Asylbewerber untergebracht werden. Ein fremdenfeindliches Motiv war nicht auszuschließen.

Im August 1999 dann der nächste Anschlag: Kellerräume waren unter Wasser, Wände mit Öl beschmiert und Heizungsrohre demoliert worden. Unbekannte hatten wieder den Einzug von Asylbewerbern verhindert. Bei einem dritten Anschlag in der Nacht des 26. Septembers 2000 wurde sogar geschossen. Einschusslöcher in der Fensterscheibe riefen den Staatsschutz auf den Plan.

Aufgrund von politischen Differenzen wurde der Runde Tisch als Gremium des Rates im April 2000 von der Stadt aufgelöst. Die beiden christlichen Kirchengemeinden sahen es aber als zwingend erforderlich an, diese Einrichtung weiterzuführen und übernahmen ab diesem Zeitpunkt im jährlichen Wechsel den Vorsitz.

„Asylbewerber und Flüchtlinge sind immer ein Reizthema für Politiker“, hat die Soziologin Saida Piecuch, in der Diakonie für Flüchtlingsarbeit zuständig, festgestellt. „Aber das Klima hat sich gewandelt, jetzt gibt es eine konstruktive Diskussion“, hat Bernhard Kozikowski ebenso wie die anderen Mitglieder des Runden Tisches eine gute Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung, Rat und Rundem Tisch festgestellt.

Was die Ehrenamtler unisono fordern, aber nicht im Entscheidungsbereich der Stadt liegt, ist die Abschaffung des Arbeitsverbotes, damit die Flüchtlinge nicht zu bedürftigen Hilfeempfängern werden. „Ich habe kräftige junge Männer kennengelernt, die unbedingt arbeiten wollen. Sie sind teilweise zehn Jahre hier und gammeln in den Tag hinein, weil sie nicht arbeiten dürfen“, kritisiert Helmi Meisters.

Sicherlich: Das Arbeitsverbot liegt nicht in den Händen der Stadt. Aber die rund 20 Mitglieder des Runden Tisches haben noch andere Ziele: So wünschen sie sich eine bessere und dezentrale Unterbringung, insbesondere von Familien mit Kindern, im Stadtzentrum.

Derzeit sind die Flüchtlinge in einem Wohncontainer in Bahnhofsnähe untergebracht, in einem Wohnhaus in der Bauchemer Gracht und im Limitenweg in Süggerath. Und sie wünschen sich weitere ehrenamtliche Helfer. Die nächste Sitzung des Runden Tisches findet am 27. Mai im evangelischen Gemeindehaus statt. Weitere Auskünfte gibt Nicole Abels-Schell, Telefon 02451/4820889.

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