Wildpark Gangelt: Falkner brauchen den „Killerinstinkt”

Von: Stefan Schaum
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Hol dir die Belohnung! Wenn ei
Hol dir die Belohnung! Wenn ein Raubvogel auf Erwin Janssens Arm landet, dann kann er sich dort auch ein Stückchen Fleisch schnappen. Foto: Stefan Schaum

Gangelt. Fehlt ihr am Ende womöglich der Killerinstinkt? Haufenweise Mäuse zu töten und gefrorene Küken zu zerlegen - Jaqueline Baltes weiß nicht so recht, ob sie das jemals hinbekommt. „Find ich echt eklig.”

Sie verzieht vielsagend das Gesicht. Doch wer Falknerin werden will, muss auch das Futter handhaben können. „Greifvögel fressen nun mal leider keine Schokolade”, sagt die 42-Jährige mit dem gepolsterten Lederhandschuh. Auf dem thront ein Milan. Majestätisch und erhaben. Wild und frei. Dieser Teil des Jobs gefällt ihr sehr. Wie sie das Vertrauen der Tiere gewinnt, so dass die nach ihren Flügen bereitwillig auf ihrem ausgestreckten Arm landen, lernt die Frau seit Mai im Wildpark Gangelt.

Erwin Janssen bringt es ihr bei. Der Mann hat reichlich Erfahrung. 29 seiner 65 Lebensjahre hat er im Wildpark verbracht. Zuvor war er ganz woanders: in einer Bank. „Ich hab tatsächlich mal Bankkaufmann gelernt”, sagt er, doch dann seien die Gene durchgeschlagen. „Ist wohl erblich”, sagt Janssen, „mein Vater war auch schon Jäger.” Mit Gewehr oder mit Greifvögeln jagte der Sohn. Und als sich die Chance bot, das Hobby in Gangelt zum Beruf zu machen, griff er gleich zu.

Seitdem verbringt er möglichst viel Zeit mit den Tieren. „Das langsame Kennenlernen ist das A und O bei der Falknerei”, sagt er. Nur wenn das Tier eine Beziehung zum Falkner aufgebaut hat, wenn das Vertrauen da ist, kehrt es nach seinen Runden am Himmel zurück. Andernfalls sieht Janssen es vielleicht nie wieder. Auch das ist ihm schon passiert, recht häufig sogar. „30 Tiere hab ich im Lauf der Jahre auf diese Weise verloren”, sagt er und blickt hinauf zum blauen, wolkenlosen Himmel. „Weg ist weg.” Er weiß ja, dass die Tiere frei sind, und diese Freiheit will er ihnen nicht nehmen.

Dass die Tiere allerdings angekettet sind, wenn sie im Wildpark am Boden auf ihren Stangen hocken, verstehen viele Besucher nicht. „Die denken, dass wir die Tiere auf diese Weise quälen, dass wir ihnen die Möglichkeit und den Drang zum Fliegen nehmen.” So sei es nicht. „Ein Greifvogel fliegt niemals den ganzen Tag, der ist ja keine Schwalbe, die ständig den Insekten hinterherjagen muss.” Falke und Adler heben nur dann ab, wenn sie Beute machen können. Kurzer Aufstieg, das Ziel anvisieren, töten, fressen.

„Jeder Flügelschlag zu viel ist für die Tiere reine Energieverschwendung. Das machen die nicht.” Auch die Thermik muss stimmen. Die Vögel fliegen lieber, wenn sie am Himmel ohne Muskelkraft einfach so dahingleiten können. Bei den Flugshows, die im Wildpark stattfinden, ist das mitunter ein Problem. Wollen die Tiere mal nicht abheben, dann wird eben nichts draus. Janssen: „Die spüren, ob da oben gute Flugbedingungen sind.” Er weiß: Wollen kleinere Vögel wie die Falken nicht starten, dann tun es der schwerere Adler und der Uhu erst recht nicht. Janssen hat dafür Verständnis: „Ich mache hier Natur - keinen Zirkus.”

Weil es mehrere Falken im Park gibt - inklusive Zuchtvoliere leben in Gangelt 42 Greifvögel - werden diese Tiere an jedem Tag gewogen. Wer von ihnen mehr auf die Waage bringt als andere, soll fliegen. Die übrigen bleiben am Boden und werden dort gefüttert. 20 Gramm Körpergewicht können dabei entscheidend sein. Denn auch hier gilt: Nicht unnötig Energie verschwenden.

Das sind die Dinge, die Jaqueline Baltes derzeit lernt. Der Umgang mit den Tieren gefällt ihr sehr. „Ich weiß noch nicht, ob das Ganze ein schönes Hobby bleiben wird oder ob ich es zum Beruf machen kann.” Denn da wäre noch die Sache mit dem Töten. Will sie eine Prüfung ablegen, muss sie mit den Greifvögeln jagen können, das gehört dazu. „Mal schauen, ob ich das bringe.”

Vielleicht wird sie ja noch abgehärtet. Erwin Janssen ist da ein gutes Vorbild. Nicht zimperlich ist der nämlich auch dann, wenn es gilt, Tiere vor aufdringlichen Besuchern zu schützen. Wenn er jemanden sieht, der mit Stöcken vor den Tieren herumfuchtelt oder sie gar mit Steinchen bewirft, damit sie den Kopf zur Kamera drehen, kann er recht bärbeißig werden.

„Wer keinen Respekt im Umgang mit den Tieren hat”, sagt er, „der lernt bei mir ganz schnell das Fliegen.” Er mag es gern, wenn Leute ihn ansprechen und während der Flugshow viele Fragen stellen. Dann kann er ihnen etwas über die artgerechte Haltung der Vögel erzählen und so vielleicht verhindern, dass hinterher wieder einmal von Besuchern hingeworfenes altes Brot in den Schnäbeln landet, das den Tieren nicht bekommt. Applaus hört er übrigens nicht so gern während seiner Auftritte im Wildpark. Denn das erschreckt die scheuen Vögel. „Ein Falkner hat es am liebsten, wenn alles still ist.” Nur Ruhe. Blauer Himmel. Und ein ganz kleiner Punkt da oben, der seine Bahnen zieht.

Die Vorführung der Greifvögel findet im Wildpark täglich außer freitags statt. Um 15 Uhr begrüßt Falkner Erwin Janssen die Besucher und lässt die Tiere aufsteigen.

An Sonn- und Feiertagen finden die Flugshows um 14 und 16 Uhr statt. Von November bis Februar entfällt die Präsentation - im Regen steigen die Vögel nicht gern auf. Informationen zur Falknerei im Wildpark gibt es auch unter der Rufnummer 02454/2459.

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